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Witex: Interview mit Dr. Börge Schümann, geschäftsführender Gesellschafter

"Wir haben viele Kunden im Groß- und Fachhandel zurück gewonnen"

Nach mehrjähriger Insolvenz und Übernahme durch die US-amerikanische Investmentbank Bear Stearns hat Laminatbodenhersteller Witex Flooring Products wieder Tritt gefasst. Auch wenn der Mehrheitsgesellschafter vor einigen Monaten selbst in existenzielle Schwierigkeiten geriet, was erneut Anlass zu Spekulationen über die Zukunft der Ostwestfalen bot, setzt Witex seinen Weg unbeirrt fort. Mit richtungweisenden Produkten hat das Unternehmen beste Voraussetzungen geschaffen, auch im Objektgeschäft dauerhaft erfolgreich zu sein. Welche Ziele bislang realisiert werden konnten, erläuterte Dr. Börge Schümann, geschäftsführender Witex Gesellschafter, in dem nachfolgenden Interview.

BTH Heimtex: Herr Dr. Schümann, für das Geschäftsjahr 2007 hatten Sie eine Umsatzsteigerung von zirka 18% avisiert. Konnte dieses Ziel erreicht werden?

Dr. Börge Schümann: Für den europäischen Markt kann ich die Frage mit Ja beantworten, hier lag unser Umsatzzuwachs sogar über 18%. Damit haben wir auch unsere Vorgaben für weiteres Wachstum erfüllt. In den USA blieben wir mit einigen Produktgruppen unter Plan, hier waren nicht nur die Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren, sondern insbesondere die rapide Verteuerung des Euro hat nicht nur uns den Export erschwert.

BTH Heimtex: Stehen Sie nach wie vor zu der Aussage, den Umsatz bis 2012 verdoppeln zu wollen?

Dr. Schümann: Dazu stehe ich auch heute noch und unser bisheriges Wachstum lässt keine Zweifel darüber aufkommen, dass wir dieses Ziel auch erreichen werden. Allerdings ist das defizitäre B2B-Geschäft aus 2006 herauszurechnen.

BTH Heimtex: Das B2B-Geschäft, also die Lohnfertigung für Wettbewerber, wurde 2007 auf 4,5 Mio. EUR zurückgefahren; 2006 lag der Umsatz in diesem Bereich noch bei 24,5 Mio. EUR. Von den meisten anderen Herstellern wird dagegen ein gewisses "Grundrauschen" in der Produktion als angenehm empfunden. War diese Entscheidung aus heutiger Sicht richtig?

Dr. Schümann: Für Witex haben die Weiterentwicklung der Marke und der Ausbau des Stammgeschäftes im Bodenbelagsgroß- und Fachhandel den größeren Stellenwert. Wir denken vor allem wertorientiert. Große Einzelaufträge mit vielen Quadratmetern und einer hohen Maschinenauslastung mögen auf den ersten Blick interessant erscheinen, aber solche Aufträge machen für uns nur Sinn, wenn sie einen vernünftigen Beitrag zum Ergebnis leisten.

Für Witex wie für jedes andere Unternehmen gilt: Eine zu hohe Quote von Großkunden verzerrt das Gleichgewicht in der Kundenportfoliostruktur und birgt ein latentes Risiko. Unsere Orientierung ist nicht der Umsatz, sondern das Ergebnis. Witex übernimmt auch in Zukunft Groß- und Sonderaufträge, aber sie müssen sich im Gesamtgefüge auch rechnen. Unser Stammgeschäft machen wir mit Tausenden Einzelkunden und vermeiden zu große Einzelabhängigkeiten.

BTH Heimtex: Welcher Umsatz soll 2008 realisiert werden?

Dr. Schümann: Unsere Zielsetzung für dieses Jahr ist, allein im Stammgeschäft auf über 80 Mio. EUR zu wachsen. Wirtschaftlich sinnvolle B2B-Geschäfte wären diesem Umsatz noch hinzuzurechnen. Wenn der Jahresverlauf ähnlich gut ist, wie das erste Quartal 2008 - hier liegen wir im zweistelligen Wachstumsbereich - ist das ein erreichbares Ziel.

BTH Heimtex: Wie hoch ist der geplante Markenumsatz?

Dr. Schümann: Auf kurze Sicht soll der Umsatzanteil der "Markenware" im Stammgeschäft auf rund 50% steigen. Längerfristig erwarten wir im Markengeschäft einen höheren Anteil.

BTH Heimtex: Dem Objektgeschäft von Witex haben Sie eine völlig neue Dimension verliehen. Was wurde bisher erreicht und wo wollen sie hin?

Dr. Schümann: Wie fast alle unsere Marktbegleiter, die das Objektgeschäft betreiben, haben wir unter dem Namen "Manufaktur - Flooring Solutions" einen weiteren Geschäftsbereich aufgebaut und können da bereits auf gute Erfolge verweisen.

Das Objektgeschäft ist in unserem Hause ein eigenständiger Bereich, mit einer eigenen Vertriebsmannschaft und einem Produktsortiment, das vom Handelsgeschäft komplett getrennt ist. Wir konzentrieren uns auf definierte Zielgruppen, die durch dafür zuständige KeyAccounter betreut werden. Mit Prestige-Objekten wie dem neuen Porsche-Museum und dem Innovationspreis für "Cerastone crystal white" haben wir als Newcomer im Objektgeschäft mit sehr vielen Anstrengungen und etwas Glück für Furore gesorgt.

BTH Heimtex: Wie weit ist eigentlich das neue Porsche-Museum in Stuttgart gediehen? Bei 5.000 qm Spezialboden dürfte die Logistik eine besondere Herausforderung sein.

Dr. Schümann: Die ersten 500qm sind mit der technischen Begleitung unserer Mitarbeiter bereits installiert worden. Hinsichtlich der Abwicklung und des Erscheinungsbildes kam von Seiten des Auftraggebers ein sehr positives Feedback.

Darüber hinaus liegen bereits Nachfragen von weiteren potenziellen Kunden vor, die Interesse an einem derartig hochwertigen Boden haben. Die Logistik ist bei diesem außergewöhnlichen Projekt sicher eine Herausforderung. Das gilt nicht nur für den Transport zur Baustelle, sondern auch für die Koordination vor Ort sowie das Handling und die Installation. Bis jetzt ging aber alles reibungslos vonstatten. Das Projekt wird für uns im Herbst 2008 abgeschlossen sein.

BTH Heimtex: Begleitet Ihre Anwendungstechnik das Projekt vor Ort?

Dr. Schümann: Ja klar! Ohne eine intensive Betreuung und ohne das Know-how unserer Anwendungstechniker wäre solch ein Projekt mit einem völlig neuen Produkt nicht zu realisieren.

Die Erfahrungen werden wir in Kundenschulungen in unserer Witex-Akademie weitergeben. Die bestehende Kooperation mit dem Verlegehandwerk soll ohnehin intensiviert werden. Für das sensible Objektgeschäft sollen nach unserer Vorstellung nur zertifizierte Verleger zum Einsatz kommen.

BTH Heimtex: Bis vor zirka vier Jahren stellten die USA für Witex den wichtigsten Absatzmarkt dar. 2007 entfielen gerade noch 5% vom Umsatz auf Nordamerika. Auch wenn Sie das US-Geschäft inzwischen zur Chefsache erklärt haben, dürfte sich infolge der Immobilienkrise nicht viel geändert haben?

Windmöller Flooring Products GmbH
Dr. Börge Schümann, geschäftsführender Gesellschafter bei Witex: "Wir denken vor allem wertorientiert. Unser Benchmark ist nicht der Umsatz, sondern das Ergebnis."

Dr. Schümann: Der starke Euro bzw. der schwache Dollar, die Auswirkungen der Subprime-Krise mit einem schwächelnden Immobilienmarkt und einer rückläufigen Baukonjunktur kennzeichnen derzeit das USA-Geschäft.

Gerade diese Faktoren verstellen aber auch den Blick für eine reelle Einschätzung des Marktes. Allerdings wissen wir auch, dass Amerika immer in der Lage war, Krisen kurzfristig zu meistern. In Amerika ist eine Krise eben immer auch eine Chance. Zurzeit müssen wir aber mit den genannten Negativfaktoren leben, obwohl wir im Massenmarkt nicht vertreten sind und das Objektgeschäft nicht so preissensitiv ist.

BTH Heimtex: Wie entwickeln sich die übrigen Auslandsmärkte?

Dr. Schümann: In Europa ist das Sorgenkind derzeit wohl Spanien, hier musste die Branche einen Umsatzrückgang von aktuell 70% verzeichnen. Verglichen damit, stehen wir mit einem Rückgang im ersten Quartal von "nur" 20% vergleichsweise gut da.

Für die restlichen Märkte gilt, dass der Export bei Witex immer noch den größten Anteil am Gesamtumsatz hat. Die Zahlen aus dem ersten Quartal weisen hier ein deutlich zweistelliges Wachstum aus.

BTH Heimtex: Zum deutschen Markt: Die Talfahrt von Witex im Bodenbelagsgroßhandel scheint gestoppt zu sein?

Dr. Schümann: Ja. Im ersten Quartal 2008 konnten wir in Deutschland ein deutliches Wachstum verzeichnen und im Volumen um über 20% dazu gewinnen. Die Talfahrt ist also gestoppt.

Kunden, die wir in der Insolvenzphase verloren hatten, kehrten zurück; dazu kam der Ausbau vorhandener Geschäftsbeziehungen. Witex hat das Vertrauen in die Marke ohne Frage zurückerobert.

BTH Heimtex: Waren seit der Übernahme von Witex durch Bear Stearns Investitionen möglich?

Dr. Schümann: Ja, Investitionen sind fortwährend erfolgt, zum Beispiel in die automatisierte computergestützte Warenkommissionierung des Hochregallagers. Für das laufende Geschäftsjahr stehen noch weitere Investitionen in Millionenhöhe auf der Agenda, vor allem in Gebäude und Anlagen.

BTH Heimtex: Wie man sieht, hat sich Witex zu einem zukunftsfähigen Unternehmen und somit zu einem attraktiven Übernahmekandidaten entwickelt. Können Sie sich kurzfristig einen Eigentümerwechsel vorstellen?

Dr. Schümann: Eindeutig nein. Was nicht heißen soll, dass Witex kein attraktiver Kandidat wäre; denn wir werden in diesem Jahr schwarze Zahlen schreiben und unsere Wachstumsziele erreichen.

Wenn wir über zukünftige erweiterte Partnerschaftsmodelle nachdenken, gelten auch dafür die Konditionen, die für die Übernahme aus der Insolvenz als wichtigstes Entscheidungskriterium galten: Die Standorterhaltung und -sicherung.

Während der Insolvenzphase haben viele Wettbewerber konkretes Interesse an Witex bekundet. Aber nur mit Bear Stearns hatten wir die Perspektive, den Standort Augustdorf auszubauen und hier, in der regionalen Einbindung, zu zeigen, zu welchen Leistungen wir in der Lage sind.

BTH Heimtex: Die Situation auf dem Laminatbodenmarkt ist alles andere als erfreulich. Trifft die negative Tendenz auch für Ihr Haus zu?

Dr. Schümann: Unsere positiven Zahlen und Entwicklungen zeigen, dass diese Tendenz nicht auf Witex zutrifft. Wir sind keine Massenanbieter und müssen uns in diesem Segment keinem Dumpingwettbewerb stellen. Uns kommt die Splittung des Marktes in "Mengenware versus Markenprodukte" entgegen. Unsere Marken- und Nischenpolitik erlaubt uns die Realisierung einer höheren Wertschöpfung. Das trifft auch für unsere Kunden zu; denn die Wertschöpfung zieht sich durch die gesamte Kette, von Witex als Hersteller über den Handel bis hin zum Verarbeiter.

BTH Heimtex: Wie schätzen Sie generell die Branchensituation ein?

Dr. Schümann: Für Hartbodenbeläge insgesamt wird 2008 ein schwieriges Jahr werden. Nach unserer Einschätzung könnte ab 2009 Besserung eintreten. Als Hauptbelastungsfaktor muss die Energiepreisentwicklung angesehen werden, denn die wirkt sich auf alle Geschäftsbereiche aus und hat einen nicht unmaßgeblichen Einfluss auf die Herstellungs- und Transportkosten.


Witex Facts

Witex Flooring Products GmbH
Nord-West-Ring 21
D-32832 Augustdorf
Telefon: 05237 / 6 09-0
Telefax: 05237 / 6 09-309
eMail: info@witex.com
Internet: www.witex.com

Gründungsjahr: 1978
Tochtergesellschaften/Beteiligungen:
- Witex Polska Sp. z o.o.
- Witex USA Flooring, Inc.
Mehrheitsgesellschafter: Bear Stearns
Geschäftsführender Gesellschafter: Dr. Börge Schümann
Geschäftsführer: Franz-Walter Wiest
Vertrieb: Hans-Jürgen Ihrig
Export: Robert Staudte
Marketing: Markus Schätzle
Einkauf: Christian Depping
Forschung + Entwicklung: Ludger Goldberg
Vertriebsleitung Objekt international: Friedhelm Beiteke
Mitarbeiter: 226
Umsatz: 63,4 Mio. EUR (2006)
Produkte: Laminatböden (direkt verpresst, HPL auf mineralischem Träger), Fertigboden mit PU-Nutzschicht, Fertigparkett
Markennamen: Witex, Ceraclic Original, Elastoclic Pur
Verbandsmitglied bei:
- CELQ Certified European Laminate Quality e.V.
- EPLF Verband der europäischen Laminatbodenhersteller e. V.

aus BTH Heimtex 06/08 (Wirtschaft)