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Pessimismus blieb aus, aber deutlicher Rückgang der Besucherzahl

"Business as usual" statt Krisengerede bei den Haustextil-Anbietern

Frankfurt - Die Vorzeichen zur Heimtextil 2009 standen wirklich nicht gut: Die Medien waren in den Wochen zuvor voll mit Meldungen über marode Banken, kurzarbeitende Autohersteller und Prognosen über steigende Arbeitslosenzahlen. Nicht wenige rechneten daher auch im Haustextil-Segment der Messe mit einer eher depressiven Stimmung. Doch diese von zahlreichen Gesprächspartnern bestätigten Befürchtungen zerplatzten wie eine Seifenblase. Aussage eines Ausstellers: "Die Krise ist bei uns nicht angekommen, zumindest bis jetzt noch nicht."

Als hätte sich auch noch das Wetter gegen die Heimtextil verschworen, begann der erste Messetag mit Eis und Schnee. Die Anreise der Besucher wurde daher zum Teil durch Unfälle und lange Staus behindert. In der Haustextil-Halle 8 war jedoch von den Wetterunbilden nichts zu spüren. Im Gegenteil, für die Anbieter empfahl es sich, pünktlich auf dem Stand zu sein, denn Schlag 9 Uhr standen die ersten Interessenten auf den Ständen und wollten Informationen einholen. "Ich kam kaum dazu, den ersten Kaffee zu kochen, da strömten schon die ersten Besucher bei uns auf den Stand", freute sich ein Industrie-Vertreter.

Wo man sich in den folgenden Tagen dann auch umhörte, das befürchtete Lamento fiel aus. Stattdessen Aussagen wie: "Das Jahr scheint für den Handel gut zu Ende gegangen zu sein." Oder: "Wir hören vom Handel keine Klagen." Oder: "Ich bin positiv überrascht von der Stimmung auf der Messe." So kam es auch bei der Messeleitung an. "Die Erwartungen an die Frequenz und die Qualität der Besucherkontakte bei den Ausstellern wurden übertroffen", stellt sie zufrieden fest. Entsprechend optimistisch zeigten sich daher auch die Hersteller im Gespräch, natürlich immer unter dem Vorbehalt, dass man nicht genau sagen könne, wie sich das Jahr wirtschaftlich tatsächlich entwickeln wird.

Zahlreiche Gesprächspartner sehen die aktuellen Umstände sogar als echte Chance für die Branche. Wo man auch hinhörte, wurde das Thema "Cocooning" als Argument ins Feld gebracht. Man hofft oder rechnet gar damit, dass unsere Branche davon profitiert, wenn die Automobilbranche unter Nachfragerückgang leidet. Die etwas einfache Rechnung: Wer den Autokauf verschiebt, hat auf einmal 20.000 oder mehr Euro zur Verfügung für andere Ausgaben. Und die Investitionen in ein wohnliches Heim sind im Vergleich zu einer neuen Familienkutsche doch recht bescheiden. Ein Branchenteilnehmer mit jahrzehntelanger Erfahrung sagte: "Geht es der Autoindustrie schlecht, geht es unserer Branche gut."

Eine weitere Chance sieht die Industrie in der Konzentration des Handels auf starke Marken. Da bewege sich etwas, ist zu hören. Der Bettenfachhandel allgemein versuche, sich stärker zu profilieren und dazu gehöre, das Sortiment zu straffen und für den Verbraucher erkennbar zu strukturieren. Das mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass auf einigen Ständen rund um die Uhr "Verkehr" war, während andere, weniger bedeutende Anbieter Zeit hatten, eine Zigarette zu rauchen.

Die Stimmung war also insgesamt OK. Aber nach allem, was zu hören war, sank auch in diesem Jahr bei den Anbietern von Bettwäsche, Bettwaren und Frottierwaren im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Messebesucher. Natürlich kann der Besucherstrom nicht nach einzelnen Hallen differenziert werden. Blickt man auf die Gesamtentwicklung der Besucherzahlen, dürfte die Halle 8 aber noch einigermaßen glimpflich davongekommen zu sein. Umgekehrt muss in den anderen Hallen der Rückgang der Besucherzahlen bei weitem deutlicher gewesen sein, denn zum Ende der Heimtextil bilanzierte die Messe Frankfurt insgesamt lediglich rund 74.000 Besuche. Das ist gegenüber 2008 ein Minus von rund 12.400 Besuchen oder 14 Prozent. Aus dem Inland kamen nach Messeinformationen deutlich mehr Besucher als angesichts der allgemeinen Wirtschaftslage zu erwarten waren. Deutschland bleibt mit rund 27.000 Besuchern die stärkste Nation. Umgekehrt sank die Quote der ausländischen Besuche leicht um einen Punkt auf 63 Prozent. Die Reduzierung der ausländischen Besucher erklärt sich die Messe aus der schlechteren Branchenerwartung und Wirtschaftslage. Sie musste feststellen, dass die von fern angereisten Besucher in weit kleineren Delegationen kamen und ihr durchschnittlicher Aufenthalt sich von 2,4 auf 2,0 Tage verkürzte. Die seit der Finanzmarktkrise besonders betroffenen Nationen wie etwa die USA und China sowie weitere, an den US-Dollar gebundene Volkswirtschaften wie Indien oder Südkorea zeigten signifikante Rückgänge. Aber auch aus europäischen Staaten, wie etwa Italien, Portugal, Spanien oder Schweden, die auch im Europa-Vergleich 2008 die deutlichsten Rückgänge ihrer Exporte zu verzeichnen hatten, kamen ebenfalls weniger Besucher.

Wirklich überrascht war die Messeleitung von dieser Entwicklung nicht, denn Messe-Geschäftsführer Braun hatte schon einen Tag vor Messebeginn gegenüber der Presse erklärt, dass 2009 mit Sicherheit kein Rekordjahr für die Messewirtschaft werde. Im Vorfeld der Messe habe man verschiedene Reaktionen auf die Wirtschaftsprobleme registriert. Viele Aussteller hätten "demonstrativ ihre Buchungen bestätigt", weil sie um den Wert eines Messeauftritts als Marketing-Instrument wüssten. Manche hätten geschwankt, weil sie intern sämtliche Kosten hinterfragt hätten. Einige hätten abgesagt und andere seien bereits ganz vom Markt verschwunden. In diesem Jahr zählte die Messe 2.721 Aussteller aus 64 Ländern. Das sind per saldo 123 weniger als im Vorjahr, was einem Minus von gut vier Prozent entspricht.

Doch die Quantität ist nicht mit der Qualität gleichzusetzen, und die scheint in Frankfurt nach wie vor zu stimmen. Die Gespräche zwischen Industrie und Handel waren in der Regel sehr konstruktiv und von guter Qualität. Einige Aussteller zeigten sich gegenüber der Haustex sogar sehr erfreut darüber, wie emsig bei ihnen Aufträge geschrieben wurden. Dabei wird die Heimtextil seit Jahren eher als Messe zur Anbahnung von Geschäftskontakten und deren Pflege angesehen, weniger als eigentliche Ordermesse. Dafür liegt der Termin zu ungünstig im Jahr. Um den negativen Faktoren entgegenzuwirken, hat die Messegesellschaft einiges zur Attraktivitätssteigerung unternommen. In der Halle 8 beispielsweise wurde ein optisch attraktives Vortragsareal geschaffen, auf dem während der ersten beiden Messetage verschiedene interessante Vorträge über das Thema Nachhaltigkeit gehalten wurden. Es wurden hochkarätige Referenten engagiert von Unternehmen wie Metro AG, Arcandor, Otto Group und Dänisches Bettenlager. Die Vorträge fanden reges Interesse. An den beiden letzen Messetagen stand das Areal ganz im Zeichen des gesunden Schlafs. In einem Praxis-Workshop konnten Interessierte aus dem Handel das Heimtextil-Zertifikat Bettwaren erwerben. Voraussetzung dafür war, dass man drei der angebotenen Vortragsthemen besuchte.

Weniger erfreulich war die Situation in Halle 9, die ebenfalls dem Thema Haustextilien gewidmet war und von der Intention her die hochwertigen Anbieter versammeln sollte. Hier war doch ein deutlicher Aderlass unter den Ausstellern zu verzeichnen. Unglücklich wirkte auch die Idee, die Leerstände der Halle mit schwarzen Tüchern abzuhängen. In der ohnehin dunklen Halle weckten diese Tücher ebenso schwarze Assoziationen. Die deutlich geringere Besucherzahl im Vergleich zur 8 trug ihr Übriges zur Stimmung bei.

Heimtextil Frankfurt
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Wie Messe-Chef Braun schon sagte, ist der Rückgang der Aussteller sicherlich auch der internationalen Konjunkturkrise anzurechnen. Doch das ist sicherlich nicht der einzige Grund. Es gab auch Stimmen von Ausstellern, die die Sinnhaftigkeit einer Messepräsenz generell in Frage stellten. Die Kosten für die Messe sind erheblich. Zwar kann die Messe nichts dafür, dass die Hotels nach wie vor kräftige Aufschläge bei den Übernachtungen nehmen. Aber auch die Messepräsenz im engeren Sinne schlägt mit erheblichen Kosten zu Buche. Im Gespräch mit der Haustex stellte da so mancher die rhetorische Frage, ob es nicht günstiger sei, eine Hausmesse zu veranstalten oder sich auf andere lokale Messen zu werfen. Wie man dann zu Neukunden kommen möchte, speziell aus dem immer wichtiger werdenden Ausland, blieb ungeklärt. Dennoch besteht die Gefahr, dass aus der reinen Rhetorik bei dem einen oder anderen konkrete Schritte werden.

Dies umso mehr, als die künftige Konzeption der Heimtextil ab dem nächsten Jahr mit der zusätzlichen Halle 11 unter den Beteiligten heiß diskutiert wurde und auch weiterhin diskutiert wird. Befeuert wurde diese Diskussion durch ein Treffen der Messegesellschaft mit wichtigen deutschen Ausstellern, das auf den letzten Messetag terminiert war. Dort hat die Messe Frankfurt ihre Pläne speziell für die Hallen 8, 9 und 11 vorgestellt. Grundsätzlich ist es ihr positiv anzurechnen, dass die Messepartner bei der Neukonzeption mit ins Boot geholt werden. Aber dem Vernehmen nach sind diese Bemühungen leider nach hinten losgegangen. Die Industrie soll das Vorhaben der Messe einhellig in Bausch und Bogen verdammt haben. Es führte zu weit, auf die Details der Pläne einzugehen, zumal sie kaum Chancen auf eine Realisierung haben. Fakt ist, dass die Messe bei ihren Planungen jetzt wieder bei Null beginnen muss. Und das möglichst zügig, damit die Industrie schnellstens Planungssicherheit hat.

Ein zusätzliches Problem ist auch die Kölner Möbelmesse. Der geht es im Prinzip auch nicht besser als der Heimtextil. Aber deren Halle 9 mit den Matratzenanbietern funktioniert gut, wie auch in diesem Jahr wieder zu sehen war. Das weckt Begehrlichkeiten bei denen, die mit Frankfurt nicht zufrieden sind und Abwanderungsgedanken hegen. Und die Kölner wollen ihre Schlafhalle mit angrenzenden Sortimenten stärken. Platz dafür wäre noch vorhanden. Wenn die Halle davon profitiert, rücken die schon anwesenden Firmen sicherlich gerne etwas zusammen.

Schließlich kursierte in Frankfurt am Sonnabend noch das wilde Gerücht durch die Hallen, dass die Messeleitung einigen Ausstellern wegen der schlechteren Besucherzahlen rückwirkend eine Rückzahlung genehmigen würde, damit sie im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder kommen. Haustex fragte daraufhin bei einigen wichtigen, weil großen Ausstellern nach. Ergebnis: Fehlanzeige. Allgemeiner Tenor: Wenn die Messe mit solchen Maßnahmen anfangen würde, wäre das das Ende der Veranstaltung.

Die Frage nach dem Trend der Messe beantwortet sich in diesem Jahr ziemlich leicht: Es war, wie schon vor einem Jahr, vor allem das Thema Nachhaltigkeit, das die Unternehmen erneut verstärkt in den Vordergrund stellten. Dies tun sie in einer konsumigen Variante, die beim Konsumenten keine Assoziationen zu Öko und Müsli wecken, sondern gut verkäuflich rüberkommen, auch preislich.

Auf die Kölner Möbelmesse werden wir in der nächsten Ausgabe ausführlich eingehen. Soviel sei aber jetzt schon gesagt: Die Eindrücke auf der imm decken sich weitgehend mit denen in Frankfurt. Von Krisenstimmung war nichts zu spüren, die Zahl der Besucher in der Schlaf-Halle war gefühlt, wie in Frankfurt, ebenfalls rückläufig, aber deutlich besser als in den anderen Hallen. Dennoch bilanziert die Kölnmesse in diesem Jahr immerhin "rund 100.000" Besucher und 1.057 Aussteller. Im Vorjahr kam die Messe auf rund 107.000 Besucher und 1.251 Aussteller. Schön, wenn es so war, aber der Eindruck auf der Messe selbst ließ auf einen deutlich stärkeren Rückgang in der Besucherzahl schließen. Schließlich waren erneut die Küchen nicht vertreten und auch die Schlafzimmer-Anbieter fehlten. Nicht von ungefähr kommt das Minus von fast 200 Ausstellern.

Die nächste Heimtextil findet statt vom 13. bis 16. Januar 2010.

aus Haustex 02/09 (Wirtschaft)