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125 Jahre Wilh. Wülfing

Wechselvolle Firmengeschichte

In einem Unternehmen werden Entscheidungen gefällt, die bewusst oder unbewusst über dessen weitere Existenz entscheiden können. So auch in dem Borkener Textilunternehmen Wilh. Wülfing, das trotz des erheblichen Strukturwandels der Textilindustrie im vergangenen Jahrzehnt in diesem Monat sein 125-jähriges Bestehen feiern kann. Rückblickend kann man feststellen, dass der Produktwechsel von der Herstellung von Stoffwindeln zur Produktion modischer Bettwäsche Anfang der 1970er Jahre die goldrichtige Entscheidung war. Damals bedeutete dieser Strategiewechsel jedoch ein erhebliches Wagnis.

In den vergangenen Wochen tummelten sich mal wieder Maschinenbau-Techniker in der Weberei und der Ausrüstung von Wülfing in Borken. Die Geschäftsführung, bestehend aus Josef Kölker und Johannes Dowe, hatte sich entschlossen, nach den ersten neuen Projektil-Webmaschinen im letzten Jahr jetzt 20 weitere neue und hoch moderne Maschinen aufstellen zu lassen. "Sie dienen einerseits als Ersatzinvestition für ältere Maschinen, bedeuten aber gleichzeitig eine Kapazitätserweiterung und größere Flexibilität in der Produktentwicklung und der Produktion", erklärt Dowe, der im Unternehmen den technischen und kaufmännischen Part abdeckt. Kölker verantwortet Vertrieb und Marketing. Außerdem wurde eine neue und zusätzliche Waschstraße installiert.

Die neuen Webmaschinen und die Verdoppelung der Waschkapazitäten sind Folge der guten Unternehmensentwicklung, die Wülfing im letzten Jahr vollziehen konnte. "Wir haben das letzte Jahr gut abschließen können. Und 2010 wird mit großer Sicherheit umsatzmäßig nicht schlechter für uns werden", zeigt sich Dowe mit Blick auf die Aufträge optimistisch.

"Wir gewinnen derzeit mehr Kunden, als wir verlieren", stellt Kölker fest. "Das ist anders als noch vor einigen Jahren." Der Nachfrageeinbruch in den USA, einem wichtigen Absatzmarkt des Unternehmens, hatte Kölker und Dowe Ende 2008 überrascht. Aber neue Produkte, neue Märkte und vor allem neue Kunden haben dazu beigetragen, dass die befürchtete Umsatzdelle sich nicht einstellte. In die Karten spielt dem Unternehmen derzeit auch die Entwicklung der Frachtraten und überproportional gestiegene Kosten für Ware aus dem asiatischen Raum. Ihr Anstieg veranlasst viele Unternehmen noch einmal nachzurechnen, ob es nicht vielleicht doch günstiger ist, Ware aus dem europäischen Raum zu beziehen. Und speziell bei Biberqualitäten, so Kölker, habe das Ausland Probleme im Qualitätsausfall, preislich liege man sowieso nicht weit auseinander. Da können steigende Frachtraten schnell den Ausschlag für Wülfing geben.

Mit dem Namen Wülfing und der Marke Dormisette verbindet man im Handel in erster Linie geraute Bettwäsche und Matratzenschutz. Das ist auch weiterhin eine Stärke des Unternehmens, denn wie wohl wenige Unternehmen in Deutschland verfügt man in Borken über ein derartiges Know-how und solch hohe Qualitätsansprüche. Biberbettwäsche stellte für Wülfing in den 70er Jahren einen Neuanfang dar, doch dazu später.

Heute verfügt das Unternehmen über ein weit größeres Produktportfolio. Bei der Bettwäsche führt man auch Qualitäten in Satin und Renforcé. Weiter im Produktprogramm sind Spannbetttücher, Matratzenschutz-Artikel unter der Marke Dormisette Protect & Care und nach wie vor ein Kinderprogramm unter Baby Care. Produziert wird in Borken und im tschechischen Hejnice (Konfektion), nahe dem Dreiländereck Deutschland-Tschechien-Polen. Und das Sortiment weitet sich weiter aus. Im vergangenen Jahr, rechnet Kölker vor, habe man rund 15 Prozent des Umsatzes mit Produkten erzielt, die nicht älter als zwölf Monate sind. Dazu gehören Tischwäsche, die man zum Großteil in Eigenfertigung herstellt, aber auch Matratzentopper, Milbenschutz-Artikel und gefüllte Kissen. "Wir haben uns im Sortiment vom Bett in den gesamten Wohnbereich entwickelt", erklärt Kölker. "Bei allen Produkten, die wir neu aufnehmen, haben wir den Anspruch, keine bloßen Kopien anderer Anbieter auf den Markt zu bringen, sondern echte Neuentwicklungen. Wir wollen Wellness und Komfort in intelligenten Lösungen bieten."

Einen wichtigen und steigenden Umsatzbeitrag leistet die Tätigkeit von Wülfing als Lohnbetrieb für Dritte. Dowe: "Das sichert uns eine Grundauslastung unserer Kapazitäten. Wir bedienen heute beispielsweise Unternehmen in unserer Ausrüstung, die früher ihre Ware teilweise nach Frankreich schicken mussten, um sie dort veredeln zu lassen." Denn neben der breiteren Produktpalette verfügt Wülfing über eine weitere entscheidende Stärke: Das Unternehmen arbeitet in einer Durchgängigkeit wie wohl kein zweites Unternehmen mit Maschinen in Überbreite. Weitsichtig hatten sich die Cousins Gerd und Wilm Wülfing dazu entschlossen, ihren Maschinenpark durch Neu- oder Ersatzinvestitionen auf Produktionsbreiten von mehr als drei Metern auszubauen. Dadurch ist es dem Unternehmen gelungen, sich einige Auslandsmärkte neu zu erschließen, was andere wegen der dort geforderten speziellen Maße nicht leisten konnten. Wülfing kann weben, ausrüsten und sanforisieren in Überbreite, außerdem ist die gesamte Konfektion auf die breiten Maße ausgerichtet. Laut Dowe und Kölker ist Wülfing heute das älteste vollstufige Textilunternehmen in Borken.

Die Exportquote des Unternehmens liegt heute bei knapp 30 Prozent, sie hat vor Jahren auch schon mal etwas höher gelegen. Aber durch wachsende Inlandsumsätze bei gleich bleibenden Exportumsätzen hat sich die Relation etwas verschoben. "Wir wollen auch künftig im Ausland wachsen", kündigt Kölker an. "Es sind zwar zum Teil schwierige Märkte, aber sie geben uns auch Input für andere Märkte."

Als Wilhelm Wülfing 1885 sein Unternehmen gründete, hatte er wahrscheinlich nicht zu hoffen gewagt, dass es 125 Jahre später noch existiert, und sich obendrein in Familienhand befindet. Er besaß zu der Zeit eine Großhandlung für Kolonialwaren, wie man es damals bezeichnete, also für Produkte wie Zucker, Kaffee, Tabak, Reis, Kakao, Gewürze und Tee. Er erkannte als Kaufmann, dass darüber hinaus in der Bevölkerung auch Bedarf an Textilien bestand, nicht zuletzt im nahe gelegenen Ruhrgebiet mit seiner Kohle- und Stahlindustrie. Zu den ersten Produkten zählten daher so genannte Grubentücher und Handtücher. Später erweiterte sich die Produktpalette auf Tischwäsche, Bettwäsche und Windeln.

Wilh. Wülfing GmbH & Co. KG
Jens Dowe, als Wülfing-Geschäftsführer verantwortlich für den technischen und kaufmännischen Bereich.
Wilh. Wülfing GmbH & Co. KG
Josef Kölker, als Wülfing-Geschäftsführer verantwortlich für Vertrieb und Marketing.
Wilh. Wülfing GmbH & Co. KG
Die inzwischen mehrfach renovierte Keimzelle des 125-jährigen Unternehmens. Hier begann Wilhelm Wülfing mit der Herstellung und dem Verkauf von Textilien.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich Wülfing zum führenden Hersteller von textilen Mullwindeln unter dem Markennamen Wundex. In der Spitze steuerte das Produkt zwischen 80 und 90 Prozent zum Umsatz bei. Das Geschäft lief lange Zeit hervorragend, bis Anfang der 1970er Jahre die Pille ihre Wirkung tat und obendrein alternative Windelprodukte dafür sorgten, dass die klassische Mullwindel zu einem Nischenprodukt wurde. Es war die Zeit, als mit Gerd und Wilm Wülfing die vierte Familiengeneration ins Unternehmen eintrat. Man hätte sich für sie einen günstigeren Zeitpunkt wünschen können. Die Cousins standen vor der schweren Frage, in welche Richtung sie das Unternehmen entwickeln wollten. Da man bei den Windeln auch geraute Ware herstellte, entschlossen sich die Wülfings dazu, auf geraute Betttücher und Bettwäsche zu setzen.

"Durch die damalige Energiekrise, als alle Leute sparen wollten, auch zuhause, erlebte die warme Biberbettwäsche damals einen echten Boom", erinnert sich Wilm Wülfing. Seit Anfang der 90er Jahre, als sein Cousin sich aus Gesundheitsgründen aus dem Unternehmen zurückzog, ist er der alleinige Gesellschafter des Unternehmens. "Der Marktanteil von Biberqualitäten lag zeitweise zwischen 30 und 40 Prozent bei Bettwäsche", so Wülfing. Der Nachfrageschub bei Biber kompensierte somit die Rückgänge im Windelbereich. Dank der Umstellung des Maschinenparks auf Überbreiten war das Borkener Unternehmen auch in der Lage, Bettwäsche in den höchst unterschiedlichen Größen für ausländische Märkte zu produzieren. Beide Faktoren, der neue Produktschwerpunkt und das Exportgeschäft sorgten dafür, dass Wülfing die schwere Zeit des Wandels überstand.

Wilm Wülfing führt die Langlebigkeit des Unternehmens auf etwas anderes zurück: "Der wesentliche Grund für unseren Erfolg ist unsere Zuverlässigkeit: gegenüber den Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten sowie die stets qualifizierte Einsatzbereitschaft unserer Mitarbeiter" Wahrscheinlich macht es bei Wülfing das gelungene Gesamtpaket aus mehreren Faktoren.

Die Wülfing-Kunden beteiligt das Unternehmen mit einer Jubiläums-Aktion am 125-jährigen Geburtstag. Auf Erstaufträge für die Saison Herbst/Winter erhält der Fachhandel 12,5 Prozent Preisnachlass. Und wenn sich die beiden Geschäftsführer zum Jubiläum im Gegenzug etwas von ihren Kunden auf dem deutschen Markt wünschen dürfen, dann wäre es etwas mehr Wagemut. "Wir wollen von unseren Kunden mehr gefordert werden." stellt Kölker fest. "Es ist eine gemeinsame Chance für Handel und Industrie, partnerschaftlich Innovationen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen." Ziel der beiden Geschäftsführer ist es, dass Wülfing in den nächsten Jahren stetig und in kleinen aber gesunden Schritten weiter wächst.


Wülfing Firmentelegramm

Wilh. Wülfing GmbH & Co. KGWeseler Landstr. 26Postfach 186546322 BorkenTel.: 02861/8004-0Fax: 02861/8004-172E-Mail info@wilh-wuelfing.de
Internet: www.wilh-wuelfing.de

Geschäftsführung: Johannes Dowe, Josef Kölker
Mitarbeiterzahl:
- Borken 186
- Hejnice (Tschechien) 146
Produkte: Bettwäsche, Spannbetttücher, Matratzenschutz, Tischdecken, Baumwolldecken, Schlafanzüge.
Marken: Dormisette, 1885 by Dormisette, Fresh by Dormisette, Dormisette Protect&Care, wonny, wundex, bibett.
Umsatz 2009: 40 Mill. Euro

aus Haustex 09/10 (Wirtschaft)