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Tapeten auf der Heimtextil

Solides Wachstum mit bodenständigen Kollektionen

Die deutsche Tapetenbranche hat die Krise hinter sich gelassen und blickt optimistisch in die Zukunft. Dieses Signal sendete sie bei der Heimtextil 2011 in Frankfurt aus. Die Aussteller rechnen angesichts der weltweiten Wirtschaftserholung, die den exportstarken Unternehmen inzwischen auch im Ausland Zuwächse verschafft, für das laufende Jahr mit weiter steigenden Umsätzen. Sorgen bereiten ihnen aber die knappen und damit teurer werdenden Rohstoffe, die Preiserhöhungen auf dem Tapetenmarkt nach sich ziehen. Ein Thema war zudem die Durchsuchung von fünf Herstellern durch das Bundeskartellamt. Offiziell wollte sich zwar niemand dazu äußern, doch die Nervosität war spürbar. Die Aktion setzt die unter hartem Wettbewerb stehende Branche weiter unter Druck. Bei den neuen Kollektionen fehlten die spektakulären Neuheiten des vergangenen Jahres. Stattdessen setzen die Anbieter 2011 eher auf den Massengeschmack. Dennoch: auch ein Hauch von Luxus war zu spüren. von Cornelia Küsel

Der Umzug der Tapeten-Branche in die Halle 3.1 bei der Weltleitmesse Heimtextil 2011 lässt sich als gutes Omen für die deutschen Anbieter werten. "Hier ist mehr Platz, die Luft ist besser, man hat Tageslicht und es ist nicht so laut", schwärmte Dieter Buhmann, Geschäftsführer der Marburger Tapetenfabrik. Zwar herrschte nicht die euphorische Aufbruchstimmung, die im vergangenen Jahr die Messe erfüllte. Aber stabiler Optimismus machte deutlich: Die Wirtschaftskrise gehört der Vergangenheit an. Diese nüchternere Einschätzung beeinflusste auch die Kollektionen. Statt furioser Design-Entwürfe, die das Nachkrisenjahr 2010 prägten, boten die Aussteller vor allem Wandbekleidungen für den Mainstream, ergänzt um einige Highlights. So signalisierten sie, dass sie mit solidem Wachstum und einer fortgesetzten Erholung auf breitem Fundament rechnen.

Erstmals rückten Tapeten den Gardinen und Dekostoffen näher, die in der Hallenebene 3.0 residierten. Die Messeleitung hatte sich zu diesem Schritt entschieden, weil sie der Tapetenbranche hohes Wachstumspotenzial bescheinigt. Die geschäftliche Entwicklung der Unternehmen gibt ihr recht. Fast alle verzeichneten 2010 teils erhebliche Umsatzsteigerungen gegenüber dem Vorjahr, was sowohl der anziehenden Konjunktur im Inland als auch dem erstarkten Export vor allem nach China und Russland geschuldet ist. Wobei den Ausfuhren eine besondere Rolle zukommt: Die Exportquote der deutschen Unternehmen liegt nicht selten bei mehr als 60 %, was ihnen im Krisenjahr 2009 noch dramatische Einbrüche eingebrockt hatte.

Die Preise werden steigen

Doch nun stehen alle Zeichen auf nachhaltigen Aufschwung, dessen Anfänge schon 2010 für erfreuliche Bilanzen sorgten. "Wir hatten umsatzmäßig 2010 ein Rekordjahr", resümierte Dietmar Everding, Geschäftsführer von Pickhardt + Siebert (P+S). Für das laufende Jahr erwartet er erneut ein Plus im zweistelligen Bereich. Auch Hubert Esser von Pro Ambiente berichtete vom "besten Ergebnis in der Firmengeschichte'. Das lässt sich womöglich weiter toppen. "Die Tapete hat immer noch Potenzial", begründete Harald Katzenberger, Geschäftsführer von Rasch Textil, die optimistische Grundeinstellung der Branche.

Für Tanja und Ralf Taubert war 2010 ebenfalls ein sehr erfolgreiches Jahr. Die Gründer des Tapetenherstellers Kreativa, den ein Investor aus der Insolvenz gekauft und in Hohenberger Tapetenmanufaktur umbenannt hatte, sind wieder stolze Mehrheitseigner des Unternehmens.

Doch bei aller Freude über die Konjunkturerholung trübte ein Wermutstropfen die Stimmung. Im Zuge der rasant steigenden Nachfrage aus China und Indien verteuern sich die Rohstoffe. Das schlägt bei den Tapetenherstellern kräftig zu Buche. Manche Unternehmen haben ihrerseits bereits die Preise erhöht, andere kündigten eine Anhebung an und einige wenige wollen noch abwarten. So hat A.S. Création bereits im November verlautbart, die Preise zum 1. März um 5,5 % zu erhöhen. Rasch gab eine Anhebung um 6 % bekannt, verwies jedoch darauf, dass damit nur ein Teil der höheren Kosten weitergegeben werde.

Aber nicht nur die Rohstoffkosten sorgen für dunkle Wolken am Tapeten-Firmament. Auch der immer härter werdende Wettbewerb mit einer zunehmenden Zahl von Anbietern macht der Branche das Leben schwer. "Es wird weitere Marktverdrängungen geben", prophezeite Rüdiger von Preen, Vertriebsleiter bei A.S. Création.

Qualitätssprung für die Wandbekleidung

Dieser Druck zwingt die Akteure dazu, sich mit Investitionen vom Wettbewerb abzuheben. Entsprechend wurde viel Geld in die Qualität der Wandbekleidungen gesteckt. Mittlerweile haben die hochwertigen, leicht zu verarbeitenden Vliestapeten Papier weitgehend verdrängt. Zudem tragen die Hersteller dem Trend in Richtung Nachhaltigkeit und Ökologie zunehmend Rechnung und achten bei der Verwendung von Rohstoffen auf Gesundheitsaspekte, was die Produktion verteuert.

Heimtextil Frankfurt
Un jour à Versailles heißt die verspielte Kollektion von Rasch Textil. Designerin Brigitte von Boch verbindet darin Luxus, Romantik und Natürlichkeit. Klassische Muster werden neu interpretiert und mit modernen Farben kombiniert. Die Karte führt durch das Schloss von Versailles.
Heimtextil Frankfurt
Annet van Egmond hat für BN Wallcoverings die zweite Kollektion vorgelegt und den Zeitgeist getroffen. In Gardens of Amsterdam gibt es eine Fülle von Ornamenten, deren Vorbilder die Designerin in Amsterdamer Stadtvillen entdeckte.
Heimtextil Frankfurt
Die neue Leichtigkeit spricht Barbara Becker in ihrer neuen B.B. Home Passion Kollektion für Rasch an. Am besten spiegelt sich dieses Lebensgefühl im Thema Easy way of living mit seinen frühlingshaften Farben und Blumenmustern wider.
Heimtextil Frankfurt
The Studio Collection der Marburger Tapetenfabrik vermittelt dezenten Luxus. Ihre anmutigen Muster zeigen modern stilisierte Blattmotive, Arabesken und Blütenornamentik, kombiniert mit eleganten, breiten Streifen.
Heimtextil Frankfurt
No Limit lautet der Name der neuen Kollektion von Schmitz Tapeten Import. Sie zeigt auf, dass es in der modernen Raumgestaltung keine Grenzen gibt. Die modern kolorierten Tapeten überzeugen mit interessanten Effekten.

Erismann beispielsweise produziert nach Angaben von Geschäftsführer Martin Slotty als erstes Unternehmen komplett phthalatfreie PVC-Tapeten. P+S recycelt PVC-Produktionsabfälle der deutschen Tapetenfertigung. So werden jährlich 2.000 t Abfall zu vermarktungsfähigem Granulat, was der Umwelt zugute kommt. Neu im Sortiment bei Erfurt ist die Vlies-Rauhfaser Classic - frei von PVC, Glasfaser und Lösungsmitteln.

"Das wichtigste Kapitel von J.W. Ostendorf sind zukunftssichere, umweltschonende Anstrichsysteme", betonte Geschäftsführer Gerald Schäfer. Auch bei dem Farbenhersteller aus Coesfeld wird viel Wert auf ökologische Standards gelegt. Er war übrigens als erster Produzent von Farben und Lacken mit einem Stand auf der Heimtextil vertreten. Denn nach Ansicht von Schäfer ist die Farbe wie die Tapete ein wichtiges Gestaltungselement für die Wand. Wie attraktiv sie sein kann, zeigte die Designerin Jette Joop mit ihrem für Ostendorf entworfenen Farbkonzept Signeo Fashion.

Sie war nicht das einzige prominente Zugpferd in Frankfurt: Bei Rasch stellte Barbara Becker, die Ex-Frau von Tennislegende Boris Becker, ihre zweite Kollektion für das Familienunternehmen vor und sorgte für einen enormen Zulauf an Medienvertretern. Die dritte ist in Planung.

Ornamente liegen im Trend

Die neuen Kollektionen unterliegen 2011 keinem Stildiktat. Die Anbieter folgten dem Motto "Schön ist, was gefällt". Dennoch kristallisierten sich Trends heraus. In den Blickpunkt rückten gemäß dem Hang zur Nachhaltigkeit natürliche Strukturen und Farben wie Crème, Champagner und Erdtöne. Auffällig oft war zudem die Farbe Blau in allen Schattierungen vertreten, deren Karriere bereits im vergangenen Jahr begann. Immer noch en vogue sind Metallics. Ganz Mutige zeigen kräftige Töne, die in diesem Jahr in der Modebranche aktuell sind.

In der Dessinierung groß im Kommen sind barocke Ornamente, die bei fast jedem Hersteller zu finden waren. Nach wie vor beliebt: florale Dessins in allen Größen.

Eine Renaissance scheint die Textiltapete zu feiern. Nach Angaben von Harald Katzenberger, Geschäftsführer von Rasch Textil, ist sie jedenfalls wieder da. Die neue Generation sei deutlich besser zu verarbeiten und vergilbe auch nicht mehr.

Höhere Umsätze bahnen sich im Objektbereich an. Die gesamte Branche geht davon aus, dass im Zuge der Wirtschaftserholung das Objekt zunehmend in den Fokus rückt. Bestätigt wird die Entwicklung von André Witschi, einst Deutschland-Geschäftsführer der Hotelkette Accor sowie ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Hotelgruppe Steigenberger. Das Präsidiumsmitglied des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) betonte in einem Gespräch mit BTH Heimtex, dass der Markt für Hoteleinrichtungen in Bewegung sei.

Ein ganz großes Thema war wieder einmal das Branding. A.S. Création ist besonders stark im Lizenzgeschäft. Die Gummersbacher stellten bereits die zweite Brigitte-Home-Kollektion, die dritte Schöner Wohnen-Karte und die sechste Kollektion Esprit Home Wallpaper vor. Weitere Lizenzpartner aus dem Lifestyle-Bereich seien willkommen. Von diesem Erfolg angestachelt wagte auch Marburger den Schritt in die Welt der Lizenzmarken. Mit der Wohnzeitschrift Zuhause Wohnen wurde eine Kollektion für "die urbane Frau von Mitte 30' entwickelt.

aus BTH Heimtex 02/11 (Wirtschaft)