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Interview mit Bruno Torresani, Martin Pfeiffer und Dr. Elena Scapini, Aquafil

"Teppichböden sollten nicht thermisch entsorgt werden"

Faserhersteller Aquafil liefert seit dem Frühjahr Econyl aus 100 % recycelten Polyamid 6-Wertstoffen. Das objektgeeignete Qualitätsgarn steht für die erfolgreiche Strategie der Italiener, bei der industriellen Herstellung auf Nachhaltigkeit zu setzen und zugleich die negativen Auswirkungen explodierender Rohstoffpreise abzumildern. Im Interview mit BTH-Redakteur Jochen Lange erläutern Bruno Torresani, Managing Director Geschäftsbereich BCF-Garne, Verkaufsleiterin Dr. Elena Scapini und Deutschland-Geschäftsführer Martin Pfeiffer die Entstehungsgeschichte des Produkts, erklären, was die deutsche industrie von Amerika lernen kann, und werfen einen Blick in die Zukunft des Teppichbodens.

BTH Heimtex: Herr Torresani, auf der Domotex zu Beginn des Jahres bezeichneten Sie den Anstieg der Rohstoffpreise insbesondere der für Caprolactam, den Ausgangsstoff für die Herstellung von Polyamid 6, als größte Herausforderung für Aquafil. Wie ist die Lage heute, ein halbes Jahr später?

Bruno Torresani: Sie hat sich weiter verschärft. Nicht nur steigende Preise für Rohöl, sondern auch die ständig wachsende Nachfrage speziell in China, wo viele Polymerisationsanlagen entstanden sind, tragen zu der Situation bei. Es ist schwer, von unseren Zulieferern, mit denen langfristige Verträge bestehen, mehr Caprolactam zu erhalten. Auch in diesen Wochen, in denen der Preis für das Barrel Rohöl fällt, kommt es zu keiner Erholung für uns. Die weltweite Nachfrage ist einfach zu hoch. Deswegen sind wir gezwungen, gestiegenen Beschaffungskosten weiterzureichen.

BTH Heimtex: Dann werden Sie sich heute in Ihrer Strategie bestätigt sehen, schon früh auf Nachhaltigkeit und im späteren Verlauf auf Econyl gesetzt zu haben. Das war ja zuerst eine Vision, die bereits 2007 in den ersten Nachhaltigkeitsbericht von Aquafil gemündet ist. Sichert Econyl in Zukunft sogar den Fortbestand des Unternehmens Aquafil?

Torresani: Das stimmt. Econyl hilft uns nicht nur, kurzfristig einen Engpass zu überbrücken. Caprolactam wird ein knappes und damit teures Gut bleiben. Das macht die Econyl-Technologie für Aquafil zu einen wichtigen Standbein. Sie wird uns sehr helfen.

Dr. Elena Scapini: Es gibt bereits Pläne, die Econyl-Anlage in Slowenien zu erweitern und die Kapazität zu verdoppeln. Momentan erreichen wir eine Effizienzquote von 60 %. Bis Ende des Jahres werden wir alle Prozesse optimiert haben. Dann wird der Anteil von Econyl an unserer Gesamtproduktionsmenge des Teppichgarns BCF auf 20 % aufgestockt sein. Das sind dann 10.000 der insgesamt 55.000 produzierten Tonnen im Jahr.

BTH Heimtex: 2011 wurde aus Econyl 70 das Econyl, das zu 100 % aus recycelten Wertstoffen besteht. Um so weit zu kommen, ist Aquafil einen langen Weg der Entwicklung und Investitionen gegangen. Sind Sie zufrieden?

Martin Pfeiffer: Ja, sind wir. Vor allem, weil wir diesen Weg zusammen mit unseren Kunden gegangen sind. Die Idee an sich ist aber im Hause Aquafil entstanden. Seit 10 bis 15 Jahren bewegen wir uns schon im Bereich des Kunststoffrecyclings. Irgendwann kamen wir dann auf den Gedanken, das Prinzip auf die BCF-Garne zu übertragen. Daraus ist dann zunächst Econyl 70 entstanden, das noch 30 % klassisch hergestelltes Polyamid enthielt. Das haben wir dann weiter in der Qualität verbessert.

BTH Heimtex: Sie stellen Econyl aus Endkonsumenten- und post-industriellen Polamid 6-Wertstoffen her. In welchen Anteilen fließen die beiden Bestandteile in das neue Caprolactam ein.

Scapini: Momentan im Verhältnis 30 zu 70. Wir steigern den Anteil von Endkonsumenten-Wertstoff aber kontinuierlich. Spätestens 2013 wird dieses Verhältnis umgekehrt sein, also 70 % post-consumer und 30 % post-industriell. Langfristig können wir Econyl zu 100% aus Endkonsumenten-Abfällen generieren ...

BTH Heimtex: ... wofür Sie aber die Hilfe der Wirtschaft und vor allem der Teppichbodenindustrie brauchen.

Torresani: Das ist richtig, speziell in Europa. Teppichböden sollten nicht als Abfall lediglich thermisch entsorgt, sondern als Wertstoff der Wiederverwertung zugefügt werden. Da ist Amerika schon einen Schritt weiter. Die Umweltauflagen und -gesetze dort sind schärfer. Das US-amerikanische Konsortium Carpet America Recovery Effort und viele kleine Firmen sind entstanden, die sich auf die Rücknahme und Wiederverwertung spezialisiert haben. Sie scheren den Flor ausgedienter Teppichböden - Fluff genannt -, sortieren ihn nach Sorten und verkaufen ihn unter anderem an uns. Heute ist die Technologie dieser Aufbereitung weit entwickelt. Die aufbereiteten Wertstoffe erreichen einen Reinheitsgrad von 90-95 %. Dieser ist für unsere Produktion nötig, um das hohe Qualitätsniveau von Aquafil zu erreichen.

Ich hoffe, dass sich auch in Europa Unternehmen mit dieser Thematik noch intensiver beschäftigen. Wir brauchen den Wertstoff. Das ist und wird auch für die Teppichbodenindustrie immer wichtiger, um Nachhaltigkeit und die Idee des geschlossenen Kreislaufs des Produktes Teppichboden konsequent zu Ende zu denken.

BTH Heimtex: Wie wollen Sie Teppichhersteller dazu bewegen, gebrauchten Teppichboden zurückzuführen?

Pfeiffer: Es gibt bereits viele Firmen, die sich mit den Themen Recycling, Verwertung und Rücknahme beschäftigen. Gerade die deutsche Teppichbodenindustrie ist einen großen Schritt vorangekommen im Vergleich zu Unternehmen, die andere Bodenbelagsarten produzieren. Trotzdem bleibt es ein Prozess. Es dauert, bis Ergebnisse zu präsentieren sind. Aquafil ist mit diesen Aktivitäten zufrieden. Wir haben Spezialisten, die unsere Kunden auf diesem Feld beraten und Hilfestellung geben. Damit binden wir sie ein in die Wiederverwertungskette.

BTH Heimtex: Diese weltweite Wiederverwertungskette, in der Wertstoffe rückgeführt, recycelt und wiederverwendet werden - welchen Platz hat Aquafil dort eingenommen?

Torresani: Unsere Mitarbeiter aus der neugegründeten Abteilung Energy & Recycling sind überall auf dem Globus unterwegs, auf der Suche nach post-comsumer Nylonabfällen. Sie haben so z.B. entdeckt, dass eine regelrechte Lücke in der Wiederverwertungskette in Bezug auf ausgediente Fischernetze aus Nylon 6 besteht. Diese werden bisher einfach von den Fischern im Meer versenkt. Wir bezahlen für diese Netze. Jetzt werden sie gesammelt.

Pfeiffer: An der Rückführung selbst beteiligen wir uns nicht. Wir sind an Entsorgungsunternehmen und Verwerter herangetreten und haben unseren Bedarf an Polyamid 6-Wertstoffen angemeldet - ob Fischernetze, Textilien, Kunststoffteile, Halbfabrikate oder Fluff.

Wir sind noch am Anfang des Weges. Er verändert sich täglich und eröffnet uns aber auch tagtäglich neue Möglichkeiten. Die Fischernetze waren zu Beginn sicherlich eine gute Quelle.

BTH Heimtex: Kunststoff-Recycling gibt es schon länger. Aquafil ist aber das erste Unternehmen, das in der Produktionskette bis zu den Fischernetzen zurückgeht. Ist Ihr Wiederverwertungsverfahren neu?

Aquafil S.p.A
Wollen die Econyl-Herstellung bis 2013 von 20 % (Ende 2011) auf 40 % der Gesamtproduktion von Teppichbodengarnen verdoppeln: Aquafil Deutschland-Geschäftsführer Martin Pfeiffer, Verkaufsleiterin BCF Elena Scapini und Bruno Torresani, Managing Director Geschäftsbereich BCF.
Aquafil S.p.A
Den Kreis schließen: Aquafil kauft weltweit ausgediente Fischernetze, die bisher einfach im Meer versenkt wurden, und macht aus ihnen Caprolactam, den Ausgangsstoff für Teppichgarne aus Polyamid 6. Foto: Aquafil
Aquafil S.p.A
Die Einsparungen, die Aquafil jährlich bei der Umwandlung von 11.000 t Wertstoff in 10.000 t Caprolactam erzielt, sind enorm.

Torresani: Wir haben es weiterentwickelt und die Technologie verbessert. Der Prozess, Nylon zu regenerieren, wird schon länger betrieben. Das aus Wertstoffen gewonnene Polyamid 6 ist in seiner Qualität und seinen technischen Eigenschaften identisch mit aus Rohöl produziertem Polyamid 6.

BTH Heimtex: Eine Stärke von Aquafil ist es immer gewesen, nah am Markt zu sein und seinen Kunden individuelle und maßgeschneiderte Produkte zu liefern. Bekommen alle Econyl-Kunden das gleiche Garn oder gibt es Variationen und Spezifikationen?

Torresani: Alle bekommen das gleiche. Wir würden gerne individueller anbieten. Aber wir produzieren in großer Menge und sind gezwungen, die große Anlage am Laufen zu halten. Außerdem planen wir schon eine Verdopplung der Econyl-Kapazität von 20 auf 40 % unserer Gesamtproduktionsmenge an BCF-Garnen.

Scapini: Wir werden aber das Garn-Angebot erweitern. Unsere Produkte werden weiter veredelt und verarbeitet. Jeder Econyl-Kunde kann sein Produktangebot diversifizieren hinsichtlich der Farben und der Konstruktion.

Pfeiffer: Die Nachfrage nach Econyl rührt momentan stark aus dem Objekt- und Automobilmarkt. Dort sind nicht nur hochwertige sondern auch nachhaltige Produkte sehr gefragt. Langfristig nehmen wir natürlich auch den Wohnbereich ins Auge.

BTH Heimtex: Was wird aus dem jetzt auf dem Markt befindlichen Garn Econyl 70?

Scapini: Econyl 70 wird nach und nach durch Econyl ersetzt. Alle vorhandenen Farben werden weitergeführt.

BTH Heimtex: Ist die deutsche Teppichboden-Industrie überhaupt noch ohne recyceltes Garn zu denken und in der Lage, weiterhin Teppichboden zu akzeptablen Preise abzusetzen?

Torresani: Außerdem ist damit zu rechnen, das die Umweltauflagen und -gesetze auch in Europa weiter verschärft werden. Schon heute bekommen unsere Kunden den Zuschlag für große Objekte, weil sie mit Econyl ein nachhaltiges Produkt anbieten können.

Wir stellen ihnen zertifizierte Daten zur Verfügung, die sie bei der GUT zur Erstellung von EPDs einreichen können. Diese Umweltproduktdeklarationen weisen den zertifizierten Nachhaltigkeitswert des Endproduktes - den ökologischen Fußabdruck - aus.

BTH Heimtex: Sie haben den 2008 gegründeten Unternehmensbereich Energy & Recycling schon angesprochen, der Nachhaltigkeit in allen Unternehmensfeldern und Produktionsstätten umzusetzen soll. Wie sieht diese Abteilung aus?

Pfeiffer: Die Kollegen dort betrachten sämtliche energetischen Abläufe und Recycling-Vorgänge in allen Aquafil-Bereichen. Man hat bewusst eine Business Unit gegründet, die von den einzelnen Sparten getrennt agiert, um den Anspruch der Nachhaltigkeit tatsächlich umzusetzen und eine möglichst hohe Ressourceneffizienz zu erzielen.

Ein Ergebnis dieser Vorgehensweise ist beispielsweise die 15 Mio. EUR-Investition in die Econyl-Anlage in Slowenien: Die Produktion wird durch erneuerbare Energie gespeist. Aquafil ist an Wasserkraft-Projekten in Trient und an einem Solar-Park in Süditalien beteiligt, um diesen Energiebedarf zu decken.

Aquafil Daten und Fakten


Aquafil S.p.A.
Via Linfano 9
38062 Arco, Italien
Tel: +39-0464 / 58 11 11
Fax: + 39-0464 / 53 22 67
www.aquafil.com
info.aquafil@aquafili.com

Konzernumsatz 2010: 432,3 Mio. EUR, davon 233,4 Mio. EUR mit BCF
Mitarbeiter: 1.945
Produkte:
- BCF Polyamid 6-Garne
- Synthetische Garne
- Komposit-Werkstoffe

CEO: Giulio Bonazzi
Managing Director BCF: Bruno Torresani
Vertrieb und Marketing BCF: Dr. Elena Scapini
Geschäftsführer Aquafil Deutschland: Martin Pfeiffer


Econyl - Recyclingfaser für den Teppichboden


Die Econyl-Faser besteht aus 100% recycelten Polyamid 6-Wertstoffen von Industrie (post industrial) und Privathaushalten (post consumer) wie z.B. Fischernetzen, Textilien, Kunststoffteilen, Halbfabrikaten oder abgeschorenem Teppichflor. Das durch die Wiedergewinnung hergestellte Caprolactam - der Ausgangsstoff für Polyamid 6 - ist qualitativ identisch mit dem auf traditionellem Wege aus Erdöl hergestellten. Gegenüber der erdölbasierten Polyamid-Produktion werden 15% weniger Wasser benötigt, 80% weniger organischer Abfall produziert und 85% weniger Treibhausgase ausgestoßen. Ebenso deutlich verringern sich je erzeugter Tonne Polyamid der Rohölbedarf und der CO2-Ausstoß um eine bzw. zwei Tonnen.

Econyl ist eine spinndüsengefärbte (solution dyed) Faser. Diese Technik bringt die Farbe bereits während des Spinnens in die Faser ein und nicht erst später beim sonst üblichen Färben. Neben den daraus erwachsenen Nutzungsvorteilen (Farbechtheit, Chlorresistenz) wird auch die Umweltbelastung durch die Teppichproduktion reduziert. Denn die Färbung und der damit verbundene Energie- und Wasserverbrauch entfallen. Im Vergleich zu einer konventionellen Kufenfärbung für ca. 800 m Teppichboden werden 20.000 l Frisch-, 20.000 l Abwasser, sowie 1.500 kWh Energie für das Aufheizen und Abkühlen der Farbflotte eingespart.

aus BTH Heimtex 09/11 (Wirtschaft)