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Interview Prof. Rudolf Schricker, Impulsgeber für "Die Zukunft unter uns"

"Der Boden beeinflusst die Gefühlswelt des Menschen"


Rudolf Schricker ist Innenarchitekt und Inhaber des Planungsateliers Schricker in Stuttgart. Er kann sich vorstellen, dass der Boden in Zukunft zum Freund und Begleiter der Menschen werden kann. Voraussetzung dafür wäre, dass er virtuell zu steuern sei und sich individuell verändern könne.

BTH Heimetex: Herr Schricker, welche Rolle spielt der Boden für Sie?

Rudolf Schricker: Der Boden trägt meines Erachtens ganz besonders zum Streben nach Sicherheit und Wohlbefinden bei. Wenn der Boden unsicher wirkt, wirkt der gesamte Raum unsicher. Erst wenn man sich sicher auf dem Boden bewegt, richtet sich der Blick auf die anderen Gestaltungselemente des Raumes.

Der Boden trägt zur Gefühlswelt eines Menschen bei. Gefühle sind meist geerdet. Ich versuche bei meinen Projekten immer, das Wohlbefinden zu erhöhen und diese geerdete Sicherheit zu vermitteln - und das schaffe ich zunächst vornehmlich über den Boden.

BTH Heimtex: Hat sich die Bedeutung des Bodens in den letzten Jahren verändert?

Schricker: Ja. Ein Beispiel: Einmal sollten wir ein Altersheim für demente Menschen entwickeln, dessen Innenarchitektur gegen Alzheimer wirkt. Demenzkranke sind meist nicht mehr über Logik und Kognition zu erreichen, sondern über Emotionen und tiefgreifende Erinnerungen. Außerdem können demente Menschen einen enormen und schwer zu kontrollierenden Bewegungsdrang entwickeln. Ein Psychologe erzählte uns, dass Menschen ungern in dunkle Bereiche hineinlaufen. Darum haben wir die Bodenbeläge auf langen Fluren dynamisch vom Hellen ins Dunkle gestaltet, das Ganze lichttechnisch unterstützt und auch Wände und Decken stufenweise weniger hell und in differenzierte Dunkelheit getaucht: Innenarchitektur mit bremsender Wirkung. Das Ergebnis dieser wenigen Maßnahmen ist frappierend: Die Demenzkranken werden instinktsicher entschleunigt, lassen sich ablenken und bewegen sich zunehmend langsamer. Boden kann physische, psychische und soziale Vorteile für Menschen haben.

Uzin Utz AG
Prof. Rudolf Schricker

BTH Heimtex: Aus welchen Materialen müssten Böden in Zukunft bestehen?

Schricker: In diesem Zusammenhang finde ich Materialien sehr interessant, die von sich aus antibakteriell sind. Materialien also, die Bakterien abtöten können, aber menschliche Zellen unangetastet lassen. Meistens erfolgt dies über die ionisierende Wirkung von Edelmetallen - besonders Kupfer wird beispielsweise gerne an Türklinken oder Griffen verwendet. Der Einsatz dieser Materialien und dieser Wirkungen am Boden wäre ein Forschungsfeld für die Zukunft. Gerade für den Boden werden in Krankenhäusern neutrale Oberflächenbeschichtungen aufgrund besserer Hygiene gesucht und dies könnte durch die ionisierenden Materialien und Oberflächen unterstützt werden.

BTH Heimtex: Welche Entwicklungen wären in Zukunft noch denkbar?

Schricker: Der Boden könnte beispielsweise unterschiedlich riechen. Wir Menschen verfügen über eine sehr feine Nase und können Gerüche in Sekundenschnelle nach deren Gefährlichkeit oder Harmlosigkeit einstufen. Man könnte dem Menschen über Gerüche den Weg weisen und ihm damit zur Orientierung verhelfen - es könnten quasi Geruchswege abgesteckt werden. Das könnte mit den Empfindungen der Füße über Griffigkeit und Glätte des Bodens kombiniert werden und uns damit führen, zumindest lenkend animieren.

aus BTH Heimtex 09/12 (Wirtschaft)