Mattes & Ammann

Die Zeit ist reif für "Marlene"


Meßstetten-Tieringen - Anfang Juni startete Mattes & Ammann mit dem Verpflanzen von 40.000 Fasernesseln ein deutschlandweit einzigartiges Modellprojekt: Auf der schwäbischen Alb wächst derzeit genau die Pflanze, die in naher Zukunft einen würdigen Baumwollersatz bilden soll. Im Sinne der Umwelt und ohne Qualitätsverlust.

Marlene - ein wahrlich wohlklingender Name, den Mattes & Ammann ausgewählt und frisch als Marke angemeldet hat. Doch handelt es sich in diesem Fall nicht um ein Textil, zumindest noch nicht. Marlene ist eine Fasernessel, also eine heimische Pflanze, die - ganz im Sinne der Unternehmensphilosophie - Umwelt und Ressourcen schonend angebaut werden kann und nach ersten Testerfolgen einen Ersatz für Baumwolle darstellt. Aus diesem Grund wählte der Textilhersteller die Nessel für ein deutschlandweit einzigartiges Modellprojekt aus und startete mit 40.000 bewurzelten Stecklingen Anfang Juni die Suche nach neuen Möglichkeiten der Garngewinnung. Seitdem wachsen und gedeihen die Pflanzen auf einem fußballfeldgroßen Gelände in Sichtweite des Unternehmens. Warum, erklärt Prokurist Werner Moser folgendermaßen: "Der Anbau von Baumwolle zeigt sich zunehmend problematischer: Die weltweiten Anbaugebiete sind beschränkt, da neben der vorhandenen Hitze auch enorm viel Wasser notwendig ist. Ein Faktum, das sich natürlich beinahe ausschließt. Hinzu kommt der bedenkliche Einsatz von Gentechnik und Chemikalien in der Baumwollindustrie. Da gilt es, Verantwortung zu übernehmen und Alternativen zu suchen." Die heimische Nesselpflanze scheint die perfekte Lösung. Auch im Hinblick auf die spätere Verarbeitung, die problemlos auf den modernen Maschinen in den eigenen Werkshallen stattfinden kann.

Ganz nah dran

Die schwäbischen Textilprofis sind äußerst interessiert daran, Garne aus nachhaltigem, ökologischem Anbau zu gewinnen: 2011 erst fokussierte das Unternehmen Leinenfasern und schaffte es, dem kratzigen Image des Naturproduktes eine moderne und weiche Form zu verleihen. Marlene soll es als eine von 2.625 Arten der Familie in der Ordnung der Rosenartigen ähnlich ergehen. Um jedoch nicht einfach irgendeinen Baumwollersatz zu kreieren, sondern damit auch die aus dem Hause Mattes & Ammann bekannte hohe Qualität beizubehalten, kooperierten die Textilprofis dafür mit dem Institut für Pflanzenkultur (hervorgegangen aus Uni Hamburg), der Consulting und Service für pflanzliche Rohstoffe GmbH aus Dresden (C.S.P.) sowie dem Deutschen Institut für Textil- und Faserforschung in Denkendorf. An der Uni Hamburg nahm man sich einer jahrzehntelangen Auslesezüchtung an, die Endzüchtung übernahm schließlich das Institut für Pflanzenkultur und führte sie weiter fort, so dass innerhalb der vergangenen Jahre ein Faseranteil von durchschnittlich 14 Prozent erreicht werden konnte. Mit einer Faserlänge von knapp 6 cm eignet sich die Nessel nun hervorragend für ein hochwertiges Garn: Es ist atmungsaktiv, reißfest, angenehm zu tragen und verfügt über einen seidigen Glanz. "Merkmale, die uns natürlich bei der Auswahl wichtig waren", so Moser. "Dass wir der Pflanze nun auch noch praktisch beim Wachsen vor der eigenen Haustür zuschauen können, ist wirklich beeindruckend und sehr spannend zu verfolgen."

Chemie: Nein, danke

Noch lassen es die krautigen Jungpflanzen ruhig angehen und wachsen langsam gen Himmel. Evelin Tetzner der C.S.P.: "Das ist auch genau richtig so. Es ist nun wichtig, den Bestand regelmäßig zu begutachten und zu pflegen." Und die richtige Pflege beginnt bereits mit der Auswahl des Bodens. Der nämlich muss unter anderem ausreichend Wasser speichern können, also einen hohen Lehmanteil besitzen. Es ist außerdem notwendig, Unkraut zu jäten, ohne den Fasernesseln ihre Härchen zu krümmen. Das passiert bei zu aggressiver Pflege relativ schnell, erklärt Tetzner: "Deswegen muss das Unkraut unbedingt mechanisch entfernt werden, denn Nesseln reagieren insbesondere auf Chemikalien sehr anfällig. Damit würde das komplette Feld eingehen." Da nützt es also nichts: Es gilt, das Ackerland ohne chemische Hilfsmittel sauber zu halten. Denn so zäh das Gewächs auch naturgemäß sein mag - Chemie zwingt es unwiderruflich in die Knie.

Die Ernte ist für Herbst 2013 geplant, Fachleute erwarten dann einen Ertrag von 500 kg bis 1.000 kg Fasermaterial. "Super wäre es, wenn wir bis dahin einen Weg finden könnten, die Pflanze zu 100 Prozent verwerten zu können", erklärt Moser - eine durchaus realistische Vorstellung: Nach der Pflanzaktion zeigten sich bereits mehrere Kunden aus dem Automobil- und Matratzenbereich interessiert an dem Projekt und fragten nach Serienprozessen sowie Produktmodifikationen. Aufgrund solcher Gespräche entstand die Idee, den Rest der Pflanze in Form von Faserverbundwerkstoffen zu nutzen - beispielsweise für Verkleidungsteile oder Trägermaterialien. Denn auch hier braucht es Rohstoffe. Im Idealfall Stoffe aus der Natur. Moser: "Diesen Überlegungen gehen wir gerne nach und prüfen, was möglich ist. Doch zunächst einmal steht das Garn und damit das Textil im Vordergrund." Nicht zu vergessen die Verantwortung, die der Textilhersteller an dieser Stelle übernimmt und damit den Worten des ehemaligen Exekutivdirektors des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), Klaus Töpfer (CDU), folgt: "Aus Wissen muss Handeln werden." Ein Leitspruch, der inspiriert, wie Mattes & Ammann derzeit eindrucksvoll unter Beweis stellt.
aus Haustex 08/12 (Wirtschaft)