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Maison & Objet

Design schön, praktisch undverkäuflich


Paris/F - Die Messe, zuletzt veranstaltet in Paris-Villepinte von 7. bis 11. September 2012, hat sich verselbstständigt und zu einer Institution entwickelt. Drei "D"-Wörter prägen maßgeblich die maison & objet - von der französischen Messeleitung philosophisch ausgewertet und von breiter internationaler Hersteller- und Besucherseite mehr oder weniger unverändert begeistert aufgenommen. Sie heißen Design, Décoration, Dynamik. Selbst zu Zeiten wie dieses Mal, in denen Aussteller mehr Gelegenheiten fanden, sich zu informieren und Kontakte mit Mitbewerbern zu pflegen, geschah das zwar nicht unbedingt unkritisch, aber verhalten und zuversichtlich. Das ist wohl der größte Werbeeffekt, den ein Messeveranstalter in wirtschaftlich unfreundlichen Zeiten erzielen kann. Dezent bemerkte man während der fünf Messetage allgemein eine "gefühlt" geringere Besucherfrequenz. Was blieb und das nicht vergeblich, war die Hoffnung auf Internationalität.

In Kurzform die Ergebniszahlen der Messeleitung: Im Vergleich zu September 2011 ging die Gesamtbesucherzahl mit 68.006 um 4,8 Prozent zurück. Fast 60 Prozent kamen aus dem Ausland, wobei fast 4 Prozent weniger Besucher aus dem europäischen Bereich vertreten waren. Das Messeziel Paris steuerten im September 2012 aus Deutschland 2.961 Besucher an - immerhin um 251 mehr als im Vorjahr. In allen acht Hallen beflügeltes Warten auf die Branchen-Besucher aus aller Welt! Wahrscheinlich schaffte auch das Dynamik, die aber bereits im Vorfeld die Messegestalter mit der thematischen Auswahl und Zusammenstellung der Ausstellerstände in den einzelnen Hallen bewiesen haben. Es ist für den Besucher nicht einfach zu realisieren, was er wo und warum auf seiner "promenade dinspiration" zu sehen bekommt - und er muss sich auch gar nicht darum bemühen. "Wir prüfen jedes Jahr sehr exakt die Zusammenstellung, um den Besuchern ein exklusives Panorama über die Entwicklungen in der Wohnwelt zu geben", sagt die Messeleitung. Gerade die Besucher, die von weither kommen, fühlen sich gut aufgehoben.

Erfahrungsgemäß startet der Besucherstrom in Halle 7 mit Scènes dinterieur, der Parade-Halle, die einführt in die sozusagen erlesene Welt des Designs. Besonders die internationalen Besucher finden in der "Traumhalle" den Chic à la franaise. 140 international renommierte Marken und Topdesigner präsentierten außergewöhnliche Szenarien, wobei auch kleine Stände berücksichtig wurden mit Neuausstellern, die gute Zukunftsperspektiven mitbringen. Man spricht hier von "Haute décoration", da die für Luxus und Extravaganz bekannten Modehäuser (Fendi, Roberto Cavalli, Daniel Hechter) ihre mode-maison, sprich Home Collections, präsentieren. Aussteller, die bereits seit Saisons den Ruf der progressiven Wohngestalter genießen, halten mit Kreativität und Qualität diesen anspruchsvollen Platz in Halle 7. Aus dem textilen Bereich gehört Leitner mit seinen Leinen-Jacquards dazu, und die Home Collection des 2009 in Mumbai gegründeten Unternehmens, designmäßig aufgebaut und geleitet von Valerie Barkowski, aber auch kleine Herstellerfirmen, die zum Beispiel exklusive Alpaca-Textilien produzieren (Paz Pur Alpaga, Bolivien). Außerdem zeigten hier, umgeben von hochwertigen Möbelmarken, die Boxspring-Bettenhersteller Schramm und Vi-Spring, Sahco mit Ulf Moritz, Flamant - und neu war Meissen Home zu sehen. Das Entrée zu der quicklebendigen Szenerie mit manchmal theatralischen und amüsanten Darstellungen gestaltete Paola Navone in Blau und Weiß mit Motiven, die an chinesisches Porzellan erinnern, an süditalienische Meeresgestaden oder portugiesische Azulejos. Noch einen Ton bedeutungsvoller und diesmal auch Schauplatz für das international gut bestückte Thema Outdoor-Indoor ist die (jüngste) Halle 8 mit now! design à vivre. Hier fand sich ein Rendezvous von Weltmarken, die die Vision von Design und technologischen Innovationen vorantreiben, besucht von Trendsettern aus aller Welt. Aus der textilen Welt hält Marimekko seinen Platz.

Neu gestaltet und um Angebotsbereiche wie das Thema Kind und Düfte & Wellness im Stil von Lifestyle erweitert wurde die Halle 6. Als einer der dynamischsten Sektoren beanspruchen dekorative Wohnaccessoires, zunehmend in Verbindung mit modischem Zubehör wie Taschen, Schmuck, Kissen und kleinen Objekten für das Zuhause, etwa ein Drittel der gesamten Ausstellungsflächen, haben ständig wachsende Ausstellerzahlen aufzuweisen, davon stets viele Neuzugänge. Diese Angebote sind abgestimmt auf vielseitig unterschiedliche Einkäuferinteressen - für Boutiquen mit Mode, Design, Décoration und Concept-Stores mit diversifizierten Sortimenten. Dieser Bereich in Halle 6 war geprägt von kleineren Ständen jüngerer Aussteller, die Geschenk-Konzepte kreieren, Mode und Déco zu global interessanten Angeboten kombinieren. Textilien sind also immer dabei. Zu nennen sind unter vielen anderen David Fussenegger, A +D Home Fashion, Eightmood.

In etwa der gleichen Kategorie spielen in Halle 5 A - coté déco Charme - die Aussteller ehrgeizig und einfallsreich mit dem gesamten Dekorations-Universum, vom Mobiliar bis zum Küchenutensil. Im Mittelpunkt steht die Familie, die Zweitwohnung, das Ferienhaus am Meer. Die Angebote sind aufgefrischt, modernisiert, zeitgemäß urbaner, leben vom "french touch", der nur in Paris zu finden ist. Dabei ist auffallend viel skandinavischer, aber ebenso ausgeprägt der klassische Stil zu sehen. Sozusagen zwischen Nostalgie und Fortschritt wird das Loft mit typisch industriell gefertigten Einrichtungselementen re-interpretiert und interessant aufgemischt zum stark vorherrschenden Vintage-Look. Typisch im Bereich Charme: Kroemer International mit vielseitigem Wohnaccessoires-Programm, saisonal passend mit Bezug zu Natur und Nachhaltigkeit; Lene Bjerre Design mit viel Textilien als Stimmungsträger; Angel des Montagnes, die als Lifestyle-Einrichter bereits vor Jahren die Alpen als Inspirationsquelle entdeckt hatten; Blanc dIvoire mit international beliebten Einrichtungs-Konzepten, die Bettwäsche mit farbkräftigen ethnischen Bordüren aufgedeckt hatten.

Die Aussteller in Halle 2, der Textil-Halle, wissen, warum sie teilnehmen an der maison & objet in Paris - und auch, dass die Besucher nicht nur der noch so edlen Bett-, Bad- oder Tischwäsche wegen nach Paris kommen. Sie können von der durch die Inspirations-Parcours entlang dem roten Teppich durch alle Hallen angeregten Stimmung profitieren. Die deutschen Aussteller schätzten ihre Chancen ganz realistisch ein. Der gelichtete Besucherstrom irritierte sie nicht. Sie setzten von vornherein auf internationale Kontakte, auf Beratungsgespräche und eventuell Neukunden. Soweit an Ort und Stelle in dieser Hinsicht bereits Ergebnisse spruchreif waren, klangen die Aussagen gut, wenn auch kritisch. Deutlich unzufriedener waren die französischen Aussteller, die die maison & objet im September als Ordermesse für ihre inländischen oder europäischen Stammkunden werten. Sie sahen einen Wettbewerb mit deutschen oder niederländischen Ausstellern, bei dem sie sich unterlegen fühlten. Das trifft zumindest zu für die größte französische Herstellergruppe von mittelpreisigen bis hochwertigen Haustextilien. Die Groupe VDS/ITC mit ihren Stammkollektionen Essix Home Collection und Coucke France Cuisine et table präsentierten sich modern und anregend. Im Blickpunkt standen aber dennoch besser die Lizenzmarken Designers Guild, Souleiado und Catimini, die Bett-, Bad- und Nachtwäsche-Kollektion für Kinder, wobei Mädchen und Jungen von den Designern speziell bedacht wurden. Die hochwertige Bett- und Tischwäsche-Kollektion Alexandre Turpault aus edlen Naturfasern spricht mit typisch französischer Eleganz das kauffreudige internationale Publikum an.

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Halle 7 (Scènes dinterieur), ganz in Blau, der wichtigen Farbe der Saison, gestaltet von Paola Navone.
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Neu in Paris präsentierte David Fussenegger ein Kissen/Deckenkonzept in Baumwolle: Kissen in Reliefvelours mit aparten Streifen, dazu Decken und Plaids in dunklen Farben mit modischem Blaueffekt als maskuline Geschenklinie konzipiert.
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Bettwäsche-Serie "Seduction" in Baumwollsatin, bedruckt mit Marcel Wanders signifikantem Herzsymbol in Tulpen-Ranke mit Abseite Weiß-Dunkelgrau und Weiß-Weiß (produziert und vertrieben von Van Es Home).

Halle 2 wird als richtige Arbeitshalle gewertet. Auf 8.630 qm Fläche präsentierten 180 Aussteller - die Hälfte davon Franzosen - auf verhältnismäßig kleinen Ständen. In ihr sammelten sich die aktuell interessantesten Bett-, Bad- und Tischwäsche-Kollektionen in repräsentativer Aufmachung und mit vielen Accessoires. Direkt im Blickpunkt der Besucher am Halleneingang zeigten bisher meist die französischen Elite-Hersteller. Diesmal fiel Descamps weg und der Platz stand italienischen Branchenführern zur Verfügung. Mastro Raphal, seit 17 Jahren auf der Messe Aussteller, rückte nach vorne und konnte die spezielle hochwertige Linie des Hauses interpretieren: als handwerkliche Spitzenklasse für Stickerei und Ajour in traditionell italienischer Manier mit dem gewollt echten und "unperfekten" Handarbeits-Look aus der Region Toskana. Standnachbarn waren Carrara (mit den Lizenzen Roberto Cavalli und Ungaro), Somma und Svad Dondi (mit Univers Bleumarine). Namhafte italienische Spezialisten waren außerdem in einem Gruppenstand vertreten und versuchten internationale Aufmerksamkeit auf handwerkliche Textilkunst aus Italien zu lenken.

Raumbeherrschend in erster Reihe war wiederum die Groupe Fremaux, die tatsächlich alles bot, was betuchte Einkäufer besonders aus dem vorderasiatischen Raum suchten. Yves Delorme repräsentierte im milieugerecht mit Möbeln und dekorativen Accessoires ausgestalteten Ambiente. Etwas jünger und forscher wurde Olivier Desforges bewertet, und Kenzo mit seiner eigenwilligen, wenn auch weniger floralen, sondern farbkräftig grafischen Note konnte nicht übersehen werden. Als Lizenzmarke aus Deutschland fand Boss mit maskulin orientierten dunklen Farbtönen (Schwarz/Nachtblau-Kombination) und sparsamer Musterung seinen Kundenkreis. Anne de Solène trat mit einigen Modellen weniger klassisch und sportlich verjüngt auf, fand viel Aufmerksamkeit für die Design-Home Kollektion Sonia Rykiel und hat außerdem den Frankreich-Vertrieb für Esprit. Blanc des Vosges (mit der Lizenz Sanderson) profitierte mit seiner vielseitigen und frischen Bettwäsche-Kollektion vom Bekanntheitsgrad der Traditions-Hersteller aus den Vogesen.

Für Gesprächsstoff zum Thema Bettwäsche sorgte Van Es Home mit Essenza und den Lizenzen Pip Studio, Marco Polo und dem Neuauftritt der Bett- und Badwäsche-Designer-Kollektion Marcel Wanders for Essenza. Der international anerkannte holländische Produktdesigner Marcel Wanders inspirierte sich an niederländischer Malkunst und zauberte einen Mix aus modernen und historischen Mustern. Fasziniert war er aber vom textilen zeitlos schönen Material Leinen, vor allem von seinem ursprünglich ehrlichen, vorgewaschenen zerknitterten Look, den er mit Rüschen und grober Spitze verbrämte. Damit lag er im Trend, was Bett- und Tischwäsche betraf.

Die begehrte ausländische Kundschaft, vor allem aus der arabischen Welt, suchte klassische Rüschen und Spitzenbilder, eher herkömmlicher Art und nicht einfallsreich modernisiert. Lurex in Gold und Silber und Transparenz entsprachen dem Prestigebedürfnis nach europäischem Lifestyle. Zufrieden mit der guten Resonanz auf ihre außergewöhnlich schönen, nach traditionellen Vorlagen neu interpretierten Spitzen und Stickereien äußerte sich Heike Peter aus dem sächsischen Vogtland mit ihrer Kollektion Weissfee. Unverkennbar Favorit unter den Materialien, die eine ganz wichtige Rolle spielten, ist Leinen jeglicher Art, fein und leichtgewichtig bis zu rustikalen, groben Varianten. Damit beschäftigten sich vor allem junge Designer und Aussteller, die für Tischwäsche neue Optiken, grafische Drucke und Farbkombinationen suchten (Marcelise, LinenMe). Unverändert anziehend, wenn auch mengenmäßig verhaltener reagierte das internationale Publikum auf Traditions-Jacquard-Tischwäsche von Garnier-Thiebaut und Le Jacquard Franais LJF, oder auf die eleganten und festlichen Drucke von Beauvillé. Einige Textilhersteller in Halle 2 zeigten stolz auf ihrem Stand das vom französischen Staat verliehene Anerkennungs-Zertifikat EPV Entreprise du Patrimoine Vivant, das 60 französische Hersteller erhielten, die in Frankreich produzieren. Nicht vergessen werden darf die Bedeutung und das zunehmende Interesse für bestens ausgearbeitete Bettwaren mit Qualitätsfüllungen und gefertigt aus teuren, eleganten Materialien. Traumina aus Deutschland stellte sich mit einem kleinen, aber optisch gut wirkenden Stand zum ersten Mal auf der maison & objet mit der Kassetten-Einziehdecke "Star of Silk Paisley" in der neuen, auffallend leuchtenden Farbe Viola - neben Green apple, Brown und Silver - als designbewusster Bettdecken-Hersteller vor. Auch Billerbeck nutzte wieder die Messe, um einen größeren Kundenkreis über Neuentwicklungen, die bis Ende des Jahres spruchreif sein werden, zu informieren.

Die nächste maison & objet findet in Paris Nord Villepinte vom 18. bis 22. Januar 2013 statt.

aus Haustex 10/12 (Wirtschaft)