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Mood 2012 zeigt die Kernkompetenzen europäischer Webereien

Individualität statt Mainstream

Es wird bunt in Deutschlands Wohnungen - zumindest wenn es nach den Ausstellern auf der Brüsseler Mood geht. Hier erlebten Wohnstoffe in peppigen Farben eine Renaissance und verbreiteten fröhliche Stimmung. Das war auch bitter nötig, denn die Zahl der Aussteller und Besucher ist bei der vierten Auflage weiter gesunken. Der Meinung der Messeleitung, dass die Qualität der Veranstaltung darunter nicht gelitten habe, mochte sich nicht jeder anschließen.

Innovationen lautete das Messemotto der vierten Ausgabe der Mood - ein hoher Anspruch an die Aussteller, die in diesem Jahr weniger zahlreich vertreten waren als 2011. Der Schwerpunkt unter den 215 Anbietern lag bei Möbelstoffen, gefolgt von Deko & Gardine und Wandbekleidungen, die sich auf eine Marktnische für High-End-Produkte mit Textilien fokussieren. Auch Leder und Lederimitate nahmen einen wichtigen Platz auf der Messe ein.

Einen erfreulichen Zuwachs verbuchte der Bereich Contract mit 51 Ausstellern. Bereits zum 17. Mal war Trevira in Brüssel mit dabei. Im Rahmen seines Partnerkonzeptes präsentierte sich der Hersteller von Polyesterfasern zusammen mit 11 Gold- und Silber-Kunden aus dem Webereibereich auf dem Trevira CS Square. Insgesamt befanden sich unter den Ausstellern auf der Mood 62 Trevira CS Partner. Und auch sonst ist Trevira auf Erfolgskurs: Die Anzahl der Markenfreigaben ist trotz Krise um knapp 8% gestiegen.

Insgesamt sind aber nicht nur die Aussteller weniger geworden, auch die Menge an Besuchern ist gesunken. 7.000 zählte der Veranstalter, vor allem aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien. 2011 waren es noch 7.300, 2010 sogar mehr als 8.000. Dass aus den europäischen Krisenstaaten weniger Fachpublikum in die belgische Hauptstadt kam, war weniger überraschend als der Besucherrückgang aus dem Mittleren Osten. Skandinavier, Osteuropäer oder Messebesucher aus Fernost konnten das nicht ausgleichen.

Weniger Besucher bei gleichbleibendem Kaufpotential

Immerhin bescheinigt der Abschlussbericht der Mood 2012 eine höhere Qualität des Publikums. Die Anzahl der besuchenden Unternehmen sei gleich geblieben, so dass ein identisches Kaufpotential vorhanden war. Messe-Chef Patrick Geysels lobte vor allem die positive Atmosphäre bei Ausstellern wie Besuchern und zeigte sich mit dem Verlauf der Veranstaltung insgesamt zufrieden. Sie sei besser gelaufen als erwartet. Manche Aussteller hätten die besten Abschlüsse seit 2008 getätigt.

Das mag vielleicht für die Firmen auf dem Trevira CS Square zutreffen. So bilanzierte Michael Bächer von Müller Zell: "Wir sind mit der Anzahl der Besucher auf der Mood zufrieden. Für unser Unternehmen ist sie an erster Stelle eine Kontaktmesse." Auch Gudrun Schiessl, Chef-Designerin bei Lodetex, berichtete von guten Gesprächen.

Andere deutschen Aussteller waren dagegen nicht zufrieden. Zumal der Termin gerade für deutsche Möbelhersteller wegen der anstehenden Hausmessen grundsätzlich ungünstig ist. So klagte Kerstin Baron-Breunig, Vertriebsleiterin bei Gebr. Munzert: "Die deutsche Industrie ist so gut wie gar nicht da, kleine Verleger kommen überhaupt nicht mehr. Wir sind nicht zufrieden, die Resonanz ist dürftig.' Michael Klöckner von der Agentur für feine Stoffe, die u.a. Vigano vertritt, sah ein grundsätzliches Problem: "Die Messelandschaft ist konzeptionslos. Die Messen müssen sich besser strukturieren.' Und Stoeckel & Grimmler Geschäftsführer Hanns Bergmann konstatierte beim Publikum eine gewisse Messemüdigkeit: "Man muss sich fragen, ob die Kunden noch bereit sind, diese Innovationen aufzunehmen. Die Drehungen fehlen.'

Anders sah das Verkaufsdirektor Bart van der Miessen von Raymakers: "Die Mood ist noch immer gut. Wir sollten eine Messe pflegen, auf der wir in Europa unsere Produkte zeigen und beweisen können, wie qualitativ hochwertig und zuverlässig hiesige Produzenten sind. Wo könnten wir besser als hier unsere Kernkompetenzen kommunizieren, um im internationalen Vergleich interessanter zu werden?'

Blue Drop Award für Delius und Hornschuch

Lohnend war der Besuch der Mood 2012 aber auf jeden Fall. Im Contractbereich stellten zusammen mit Trevira CS unter anderem Lodetex, Création Baumann, Rohleder, Müller Zell und Spandauer Velours aus. Outdoor-Textilien hatten ihre Bühne zwischen den Hallen 7 und 11. Einen Blick in die Zukunft konnte man im Fluxus Trend Café werfen, das ganz im Zeichen der drei Trendthemen Transition (Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur), Prorsum (männlich-agressive Bildsprache, abgemildert durch weiblich-zarte Farben, Glamour und Glitter) und Eccentrics (exzentrischer Lebensstil von Prominenten und Stilikonen mit teuersten Materialien) eingerichtet war, sowie in der Discovery Zone, die auf 630 m reine Inspiration bot. Die Innovationsplattform war erstmals auch für Nicht-Aussteller geöffnet.

Ein Schwerpunkt lag auf funktionalen Geweben, die beispielsweise wasserabweisend, atmungsaktiv oder CO-neutral produziert sind, aber gleichzeitig durch ihre Ästhetik punkten. Im Rahmen der Mood Yarns präsentierte eine von 7 auf 11 angewachsene Zahl von Garnproduzenten interessante Prototypen. Hier war man mit dem Messegeschäft sehr zufrieden. Die Parallelveranstaltung Indigo brachte mit 100 Ausstellern - das sind 9 % mehr als im vergangenen Jahr - das Designangebot der kommenden Jahre auf die Messe und war Plattform für sehr lebhafte Geschäfte.

Zwei deutsche Firmen fanden sich in diesem Jahr unter den Gewinnern der Blue Drops, die von einer Expertenjury an die besten Produkte in insgesamt sieben Kategorien vergeben wurden. Delius gehörte zwar nicht zu den Ausstellern, gewann aber mit dem Dekostoff Delitherm die Auszeichnung für Innovation. Eingewebte Aluminiumfasern schützen sowohl vor Kälte als auch vor Hitze, so dass mit dem weich-fließenden Thermogewebe Energiekosten gespart werden können.

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Die Gewinner des Blue Drop Awards und Trevira Awards 2012.
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Bei Gebr. Munzert wurde in diesem Jahr mit Farben gespielt.
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Messechef Patrick Geysels gab sich trotz rückläufiger Aussteller- und Besucherzahlen zufrieden.
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Hornschuch erhielt zum dritten Mal in Folge den Blue Drop Award dieses Jahr im Bereich Contract für Skai Solino EN. Das Strukturdesign hat kreuz und quer auf einer Plissee-Oberfläche verlaufende, virtuelle Nähte.

Hornschuch erhielt zum dritten Mal in Folge einen Blue Drop dieses Mal für Skai Solino EN im Bereich Contract. Die Jury hob die filigrane und elegante Linienführung hervor, erzeugt nur durch den außergewöhnlichen Prägeprozess. Mit ihrer Wirkung auf der matten Plissee-Oberfläche und in Verbindung mit einem breiten Spektrum aktueller Farben stehe sie exemplarisch für das Innovations- und Leistungsvermögen, mit dem Hornschuch regelmäßig die Contract-Welt beeindrucke.

Den Blue Drop gab es auch für ein von Luccesi entwickeltes Melange Garn aus 100% Trevira CS, mit dem Müller Zell je nach Anwendung sehr schöne natürliche Leinen-, Seiden- oder Wolloptiken erzielt.

Keine eindeutigen Trends

Technische Innovationen gibt es derzeit kaum. Jeder versucht es mit neuen Materialien oder neuen Ausrüstungen. Der Einsatz recycelter Garne hat sich als Qualitäts-mindernd herausgestellt, gerade mit Blick auf die Materialeigenschaften und die Zuverlässigkeit der Farbe bei Nachbestellungen. Gefärbt wird mit immer weniger Wassereinsatz. Nachhaltigkeit können sich deutsche Produzenten aufgrund der hohen Auflagen im Umweltschutz aber ohnehin auf ihre Fahne schreiben.

Eindeutige Trends waren auf der diesjährigen Mood eigentlich nicht auszumachen. Zumal viele Webereien speziell nach den individuellen Wünschen ihrer Kunden arbeiten. Die Branche setzt auf Besonderheiten, die nicht jeder hat, auf Produkte, die Aufmerksamkeit erregen, auf Nischen, in denen man sich von der Konkurrenz abheben kann. Polsterstoffe müssen angenehm weich und griffig in der Haptik sein. Am Fenster ist der Scherli-Bereich sehr stark, mit Besonderheiten wie Fransen oder plastischen Anmutungen durch unterschiedliche Materialdichte, vielfach auch in schwer entflammbar.

Bei den Wohnstoffen scheint die Zeit für mehr Farbe gekommen; frisch, fröhlich, sonnig und peppig muss sie sein. Ob sich das am Markt durchsetzen wird, bleibt allerdings abzuwarten. Rottöne und Koralle in allen Schattierungen, Pink, Curry- und Honigtöne, Türkis und Apfelgrün bestimmen die aktuelle Farbskala, gerne in Kombination mit Weiß. Vielfach zeigen sich Blau und Grün gemeinsam, aber auch Beere mit Anthrazit und Grün oder Braun-Türkis Farbstellungen mit Schwarz. Töne wie Rosa, Himmelblau und Grün geben sich gerne warm und staubig. Ruhige, morbide Kittöne werden durch Akzentfarben wie knalliges Blau, Pink oder Rot aufgepeppt. Während man im Naturbereich vor allem natürliche, warme Kolorierungen wie Kastanie Stein und Ecru sieht.
Aus der Herrenmode kommen feine Streifen, kleine geometrische Formen oder streng Grafisches. Gerade maskuline Designs wie Hahnentritt oder Frischgrat werden oft farblich verändert und zeigen sich bisweilen auch in weiblicher Kolorierung. Naturalistische Strukturen werden als Stickerei oder Jacquard nachgeahmt, Streifen pinselstrichartig ausgefranst, ja fast ausgerissen wie verschlissene Teppiche.

Schrumpfgarne oder Polypropylen erzeugen mit der entsprechenden Ausrüstung plastische Effekte und 3D-Optiken. Ausgefallene Garnmischungen mit gröberen Anteilen sorgen für Stickerei-Optiken, die aber durch Webprozesse erzeugt werden.

Alte Techniken wie Makramee in Häkeloptik präsentieren sich in modernisierter Ausführung. Dank Digitaldruck zeigen sich Blumen vielfach stilisiert oder prächtig in großflächiger Dessinierung - gerade auch bei skandinavisch inspirierten Mustern. Für Mutige gibt es großflächige Allover-Blumen auch bei Polsterstoffen.

Krise noch nicht überwunden

Die Finanzkrise im Euroraum belastet die Branche weiterhin. Einerseits die Hersteller hochwertiger Textilien in den Ländern Südeuropas, andererseits den Export beispielsweise deutscher Produzenten. Wirklich gut laufe es derzeit eigentlich nirgends, war in Brüssel zu hören.

Sparmaßnahmen und Währungsturbulenzen belasten die Märkte in Griechenland, Portugal und Spanien. Italien steckt seit vergangenem Jahr in der Rezession. Lediglich in Deutschland und Österreich seien die Geschäfte noch zufriedenstellend.

Immerhin sorgt der niedrige Kurs des Euro für Rückenwind bei den Ausfuhren. Und die Lage auf den Rohstoffmärkten hat sich wieder stabilisiert, insbesondere bei Baumwolle. Steigende Ölpreise werden aber Polyester über kurz oder lang verteuern. Und noch ein Problem muss gelöst werden: Es gibt immer weniger Lieferanten und Garnspinnereien.

aus BTH Heimtex 11/12 (Wirtschaft)