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Interview mit Heinz Schmitt, Vorsitzender des Bundesverbandes Estrich und Belag

"Die Betriebe der Estrichbranche bilden zu wenig aus"


Mit großer Sorge blickt Heinz Schmitt auf die seit zehn Jahren rückläufigen Ausbildungszahlen im Estrichlegerhandwerk. Der Vorsitzende des Bundesverbandes Estrich und Belag stellt klar, dass in der Estrichbranche insgesamt zu wenig ausgebildet wird. Aus Schmitts Sicht haben die Verbände und Innungen nur dann eine Zukunft, wenn es zu einer radikalen Strukturreform der verkrusteten Handwerksorganisationen kommt.

FussbodenTechnik: Wer soll die Estriche und Bodenbeläge von morgen verlegen, wenn der Nachwuchs fehlt?

Heinz Schmitt: Es besteht kein Zweifel darüber, dass die Ausbildungssituation im Estrichlegerhandwerk sehr zu wünschen übrig lässt. Im letzten Jahrzehnt habe ich diese Situation bei zahlreichen Anlässen, aber auch bei den in unserer Branche zuständigen Institutionen immer wieder mit Nachdruck angemahnt. Sicherlich haben die Einführung des Ausbildungsberufes des Bodenlegers sowie aber auch die Novellierung der Handwerksordnung in Bezug auf die Meisterpflicht in unserem Gewerk einiges zur negativen Entwicklung mit beigetragen. Klar festzustellen ist aber, dass die Betriebe in der Branche zu wenig ausbilden.

Als Vorsitzender des Bundesverbandes Estrich und Belag ziehe ich mir für den BEB den Schuh weniger an, da unsere Mitgliedsbetriebe nach wie vor in der Ausbildung engagiert sind. Dies hat sich zuletzt beim Bundesleistungswettbewerb gezeigt, bei dem die ersten drei Platzierten aus Mitgliedsbetrieben des Bundesverbandes kamen. Insofern bin ich der Auffassung, dass die eigentlich sehr gut aufgestellten BEB-Mitgliedsbetriebe weniger als die übrigen Branchenbetriebe unter dem Nachwuchsmangel leiden. Hier scheinen häufig weniger qualifizierte Mitarbeiter die Ausführungen der Estrich- und Bodenbelagsarbeiten vorzunehmen, was die Sachverständigen der Branche häufig bei der Beurteilung entsprechender Schadensfälle feststellen. Insofern geht das Problem des Nachwuchsmangels letztlich zu Lasten des Verbrauchers und nicht ganz unschuldig daran ist auch der Richtliniengeber, wie die Novellierung der Handwerksordnung mit ihren heutigen Auswirkungen gezeigt hat.

Seitens des BEB werden wir weiterhin unsere Mitgliedsbetriebe anhalten, für den geeigneten Nachwuchs zu sorgen. Insofern werden die BEB-Betriebe auch morgen noch die fachgerechte Verlegung der Estriche und Bodenbeläge gewährleisten. Ob diese für die gesamte Branche dann noch gewährleistet ist, scheint mir aufgrund der aktuellen Ausbildungssituation mehr als fraglich.

FT: Wie kann man den Trend umkehren, dass man in Verbänden und Innungen immer die gleichen Gesichter trifft und häufig der Nachwuchs fehlt?

Schmitt: Auch dieser Trend ist aus meiner Sicht nicht für die gesamte Verbändelandschaft zu bestätigen. Es ist einerseits zu unterscheiden zwischen althergebrachter Handwerksorganisation mit den Strukturen der Innungen, Zentral- und Spitzenverbänden, Kreishandwerkerschaften und Handwerkskammern, und andererseits den Fachverbänden. Letztere verstehen sich eher als praxisorientierte Service- und Dienstleister für ihre Mitgliedsbetriebe, die in keine komplexen gesamtorganisatorischen Verbandsstrukturen eingebettet sind. Hierzu zählt bspw. auch der Bundesverband Estrich und Belag mit seinem Institut für Baustoffprüfung und Fußbodenforschung.

Grundsätzlich hat im BEB in den letzten Jahren das Prinzip gegolten, dass die Vorsitzenden nicht länger als zwei Amtsperioden ihr Amt ausübten und dass dann im Allgemeinen die Hälfte der bis dahin tätigen Vorstandsmitglieder ausschieden und durch jüngere ersetzt wurden. Die absolute Altersobergrenze für die Amtsausübung - so auch in der Satzung festgeschrieben - ist das 65. Lebensjahr. Auch diese Altersgrenze sollte meiner Meinung nach noch deutlich herabgesetzt werden. Die Nachrücker im Vorstand waren im BEB nie älter als 50 Jahre.

Es wäre zu begrüßen, wenn auch die handwerklichen Organisationen dieses Prinzip übernähmen und jüngeren Unternehmern ihren Platz in den Entscheidungsgremien einräumten. Häufig finden sie sich in den verknöcherten Vorstandsstrukturen nicht mehr abgebildet und kehren deshalb den Organisationen den Rücken.
Eine Trendumkehr kann damit aus meiner Sicht nur durch eine radikale Strukturreform der verkrusteten Handwerksorganisationen erfolgen.

FT: Der Bundesverband Estrich und Belag geht mit seiner Entwicklung zur Plattform des Fußbodenbaus einen sehr erfolgreichen Weg. Aber reicht das in Zukunft aus?

BEB Bundesverband Estrich und Belag e.V.
Heinz Schmitt ist Vorsitzender des Bundesverbandes Estrich und Belag und stellvertretender Vorsitzender des Bundesfachgruppe Estrich und Belag im ZDB.
BEB Bundesverband Estrich und Belag e.V.
Im Estrichlegerhandwerk sind die Zahlen der Auszubildenden, Gesellen und Meister seit Jahren rückläufig.

Schmitt: In der Tat hat der Bundesverband im letzten Jahrzehnt in Bezug auf seine Entwicklung einen enormen Sprung nach vorne getan. Durch den Neubau des ihm angeschlossenen Instituts für Baustoffprüfung und Fußbodenforschung zu Beginn des letzten Jahrzehnts konnte er mit einem guten und erfahrenen MitarbeiterPotenzial seine Kompetenzen und Aktivitäten im Bereich des Fußbodenbaus zum Nutzen für die Betriebe der gesamten Branche ausweiten.

Die Gütegemeinschaft Estrich und Belag, die ebenfalls in Troisdorf beheimatet ist, ergänzt das verbandliche Angebot in optimaler Form. Der Zuzug des Zentralverbandes Parkett und Fußbodentechnik vor wenigen Jahren rundete die Kompetenz des Standorts Troisdorf in Sachen Fußbodenbau weiter ab. Natürlich bleiben wir an diesem Punkt nicht stehen. Konsequent treiben wir heute die enge Vernetzung mit benachbarten Verbänden und Institutionen des Bodenbaus weiter voran.

In den letzten Jahren haben wir uns besonders in Sachen Forschung engagiert, die wir maßgeblich durch unser Institut voranbringen. Hierzu zählen bspw. Untersuchungen in den Bereichen Vergleichsuntersuchung an CEM I- und CEM II-Zementestrichen, Ausgleichsfeuchte von Zementestrichen, Betontechnologische Erkenntnisse beim Fußbodenbau oder die Prüfung des Tragfähigkeitsverhaltens von Gussasphaltestrichen.

Der Bundesverband versteht sich insofern nicht als Bewahrer existierender Verbandsstrukturen, sondern als ein leistungserbringendes Kompetenzzentrum, das an den Belangen seiner Mitglieder und der Baupraxis ausgerichtet ist. Unser Bestreben ist es, heute schon dort zu sein, wo andere in Zukunft hinwollen. In unseren 18 BEB-Arbeitskreisen ist fast jedes zweite Verbandsmitglied engagiert. Unsere Wendigkeit zeigt sich heute gerade auch in gewerkeübergreifenden Arbeitsweisen. Wir verstehen uns als Schnellboot der Branche - die Dampfer kommen dann vielleicht später nach.

FT: Müssen Verbände vielleicht auch über eine Fusion mit anderen am Boden beheimateten Verbänden nachdenken, um schlagkräftig zu bleiben? Wie ist Ihre Vision?

Schmitt: Es geht meiner Meinung nach in unserer Verbandslandschaft weniger um Fusionen und Bewahrungen von Verbandsstrukturen infolge einer um sich greifenden Verbandsmüdigkeit bei den Branchenbetrieben. Was wir im Grunde genommen heute brauchen, ist eine grundlegende Reform. Aus meiner Sicht gibt es hier eine viel zu große verbandliche Zergliederung, die auch auf Dauer kaum zu finanzieren ist. Derzeit leben diese Strukturen noch vom vorhandenen Vermögen. Spätestens in zehn oder zwanzig Jahren wird die Verbandslandschaft in Deutschland komplett anders aussehen, da finanzielle Restriktionen, aber auch Beeinflussungen durch den Richtliniengeber, eine Umorientierung erfordern werden.

Nicht von dieser Entwicklung ausgeklammert werden dann sicherlich auch die am Boden beheimateten Verbände. Es scheint mir sinnvoll, bereits heute zu reagieren und nicht erst zu späteren Zeitpunkten, um dann nur noch infolge geänderter Rahmenbedingungen womöglich hektisch agieren zu müssen.

Meine Vision ist es, in einer mittelfristigen Zeitachse die Interessen der am Fußbodenbau Beteiligten - natürlich auch bei einer gewissen Selbstständigkeit der Gewerke - in einer Bundesvereinigung Fußbodenbau zusammenzuführen, um die Energien und Synergien für die bauausführenden Betriebe und letztlich den Beitragszahler der Branche noch effizienter zu bündeln. Oberstes Ziel muss es sein, den Bauteil Boden im Rahmen des zukünftigen Baugeschehens bei Planern, Architekten und Bauherren einen höheren Stellenwert und größere Wertigkeit einzuräumen. Dies gilt sowohl unter Marketingaspekten als auch aus technologischer, ökologischer und energieeffizienter Sicht.

aus FussbodenTechnik 06/12 (Wirtschaft)