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33.600 qm Sonderanfertigung von Desso DLW im Bonner "Post-Tower"

Höchste Ansprüche an Technik und Design

Mit dem Neubau der Konzernzentrale der Deutschen Post in Bonn hat Stararchitekt Helmut Jahn dem Rheinland ein neues Wahrzeichen beschert, das in seinen Ausmaßen, seiner Architektur wie unter technischen Aspekten gleichermaßen Aufsehen erregt. Der Wunsch des Bauherrn, dass sich das exklusive architektonische Gesamtkonzept auch noch im Fußboden widerspiegeln sollte, stellte schließlich auch bei diesem Gewerk alle Beteiligten vor eine besondere Herausforderung.

"Köln hat den Dom, Bonn hat den Post-Tower" - mit diesem gewagten Vergleich umschrieb die regionale Presse in einem der vielen begeisterten Berichte über den Neubau der Konzernzentrale der Deutschen Post World Net die Imposanz dieses Projektes. Die Relation ist nicht ganz aus der Luft gegriffen: Mit seiner stattlichen Höhe von 162,5 m überragt der neue Bürokomplex in der ehemaligen Bundeshauptstadt den weltberühmten Kirchenbau immerhin um 5,5 m. Auch der "Lange Eugen" hat mit seinen gerade einmal 112 m einiges von seinem Status als dominierendes lokales Wahrzeichen einbüßen müssen.

Aber nicht nur die Ausmaße des jetzt höchsten Bürogebäudes Nordrhein-Westfalens reihen den Post-Tower in die "Highlights" am Rhein ein. Das architektonische Gesamtkonzept, die ausgeklügelte Gebäudetechnik sowie eine ganze Reihe bemerkenswerter gestalterischer Details machen das von Helmut Jahn entworfene Bauwerk in vielerlei Hinsicht zum einem Objekt der Superlative.

Ausgefallene Architektur vermittelt Leichtigkeit und Transparenz

Eigentlich besteht der insgesamt rund 107.000 qm bebaute Fläche umfassende Komplex neben dem ehemaligen Abgeordnetenhaus aus drei getrennten Gebäuden: zum einen aus der großräumigen Sockelbebauung - 41 m breit und 82 m lang - in die später einmal Konferenzräume, Casino, Postfiliale und weitere Einrichtungen der Deutschen Post einziehen sollen, und zum anderen aus dem oval anmutenden Turm, der bei genauerem Hinsehen aus zwei separaten Hochhäusern gebildet wird.

Die beiden halbmondförmigen "Turmhälften" mit ihren jeweils 6 Unter- und 41 Obergeschossen stehen versetzt zueinander mit einem Abstand von 7,40 m. Alle 9 Stockwerke verbindet ein sogenannter "Skygarden" die beiden ansonsten völlig eigenständigen Teilgebäude, der gleichermaßen als Fahrstuhl-Umsteigeplatz wie als Kommunikationsplattform dienen soll.

Die Gestaltung des Turmensembles in Form eines "verschobenen Ovals" soll sich am geographischen Umfeld aus Rhein, Siebengebirge und Stadt orientieren, die Ansicht aus Richtung City auflockern und negative Windeinflüsse minimieren, heißt es beim zuständigen Architekturbüro Murphy/Jahn. Der äußere Eindruck wirkt dank der durchgehenden Glasfassade leicht, fast schon filigran und vermittelt Transparenz.

Hochmoderne Gebäudetechnik in gewaltigen Dimensionen

Die gläserne Außenfassade der beiden Hochhäuser ist ebenfalls zweigeteilt: Zwischen der inneren Primär- und der äußeren Sekundärfassade liegt ein 1,3 m breiter Zwischenraum, der in Abhängigkeit von der Außentemperatur über Lüftungsklappen automatisch mit Außenluft durchflutet wird. Durch Öffnen der Fenster in der Primärfassade können die rund 2.000 Mitarbeiter der Deutschen Post, die hier künftig ihren Arbeitsplatz haben werden, die Raumtemperatur ihrer Büros regulieren - der modernen Gebäudetechnik entsprechend via Raumbediengerät.

Der filigranen Optik stehen rekordverdächtige Zahlen gegenüber: Bis zu 800 Handwerker gleichzeitig haben hier seit der Grundsteinlegung im August 2000 rund 80.000 cbm Beton, 16.000 Tonnen Baustahl und 90.000 qm Glas verarbeitet. Zeitweise trafen täglich bis zu 400 Betonlieferungen ein. Während man auf Bauherrenseite gern auf die logistischen Herausforderungen und die architektonische Einzigartigkeit verweist, bleibt das Investitionsvolumen bislang ein gut gehütetes Geheimnis.

Der Fußboden als Spiegel des architektonischen Gesamtkonzeptes

Eines scheint jedoch sicher: Sparen war bei diesem Prestigeobjekt offenbar einmal nicht oberstes Gebot. Das wird auch bei der Fußbodenausstattung deutlich, für deren Ausführung das Fachunternehmen Lindner aus Arnstorf als Generalunternehmer für den Innenausbau verantwortlich zeichnete. Der gesamte Komplex erhielt eine Doppelbodenkonstruktion aus calciumsulfatgebundenen Bodenplatten im Rastermaß 60 x 60 cm, die auf Stahlstützen aufgelagert wurden.

Angesichts der Dimensionen des Objektes bildete schon diese Aufgabenstellung eine besondere Herausforderung - hinzu kam dann noch der ausgefallene Gestaltungswunsch von Architekt Helmut Jahn hinsichtlich des Flächendesigns des auf insgesamt 33.600 qm vorgesehenen Textilbelags. Im Teppichboden sollte sich das architektonische Gesamtkonzept des "Post-Towers" widerspiegeln - in Gestalt eines ebenso außergewöhnlichen wie anspruchsvollen Sonderdessins.

Das Grundmuster sah eine Wellenoptik vor: Über einen anthrazit-melierten Tuftvelours ziehen sich in Querrichtung konzentrische Wellen, die wiederum von aneinander gereihten, sichelförmigen Balken gebildet werden.

Zur Auflockerung reiht sich zwischen diesen weißen "Flügelchen" auf jeder Bahn an gleicher Stelle eine kleine gelbe Sichel ein. Wellmuster und "Flügelchen" sollen die äußere Form der beiden versetzten Halbovale des "Post-Towers" auf den Fußboden übertragen. Gleiches gilt für den von vornherein ausdrücklich gewünschten Rapportversatz zwischen den einzelnen Bahnen.

Doch damit nicht genug: Die Wellen sollten nach Wunsch des Architekten zudem parallel zur halbkreisförmigen Außenfassade verlaufen - also konzentrisch vom imaginären Gebäudemittelpunkt ausgehen.

Belagdessin erforderte Entwicklung einer speziellen Produktionstechnik

Für Belaghersteller Desso DLW, der den Zuschlag für dieses ausgefallene Objekt erhielt, bedeutete die Realisierung dieses Gestaltungskonzeptes nicht weniger, als eine ganz neue, speziell auf diese Aufgabenstellung abgestimmte Fertigungs- und Verlegetechnik zu entwickeln. Der sonst auf Doppelböden übliche Einsatz textiler SL-Fliesen schied von vornherein aus: Das komplizierte Rapportmuster ließ sich nur mit Bahnenware umzusetzen - und selbst das erforderte eine ausgeklügelte Vorplanung.

Eines der Hauptprobleme: Um das Wellendessin parallel zur gerundeten Fensterfront verlaufen zu lassen, mussten sich die Bahnen in Richtung Gebäudemittelpunkt verjüngen - zumal der Rapportversatz stets genau mittig zwischen zwei Wellen verlaufen sollte. Zunächst wurde erwägt, die Bahnen bereits in einer entsprechend konischen Form zu bedrucken oder werkseitig vorzufertigen - eine Idee, die sich aber schon bei der Planung am PC als höchst knifflig erwies und spätestens an produktionstechnischen Sachzwängen bei der Umsetzung gescheitert wäre.

Man entschied sich daher, die Bahnen auf Basis der Qualität Columna in einer durchgehenden Breite von 1,64 m zu produzieren - einem dem Flächendessin angepassten Sondermaß - und erst im Objekt konisch zuzuschneiden. Dennoch war auch bei diesem Konzept noch einiges an Entwicklungsarbeit zu leisten: Aufgrund der hohen gestalterischen Ansprüche des Auftraggebers musste die Gefahr von Musterverzügen auf ein absolutes Minimum reduziert werden. Kein leichtes Unterfangen bei einer Spritzdruckware auf PA-Basis, die im Verlauf des Fertigungsprozesses vom Tuften über den Druck bis zur Rückenbeschichtung vielfältigen thermischen Einflüssen ausgesetzt ist, die naturgemäß zu Maßänderungen führen.

Armstrong DLW GmbH
Die Wellen im Teppichbodendessin breiten sich in Richtung der halbovalen Außenfassade aus, als hätte jemand am imaginären Gebäudemittelpunkt einen Stein in einen Teich geworfen.
Armstrong DLW GmbH
Aufgrund der ausgefallenen Gebäudegeometrie und den hohen technischen Anforderungen war schon bei der Doppelbodenverlegung Präzisionsarbeit gefragt.
Armstrong DLW GmbH
Etagenweiser Arbeitsfortschritt: Während unten bereits der fertig verlegte Belag zum Schutz mit Folie abgedeckt wurde, laufen zwei Etagen darüber noch die Malerarbeiten nach der Doppelbodeninstallation.

Vor diesem Hintergrund erfolgten alle Produktionszyklen unter definierten Rahmenbedingungen und Zeitplänen, die zuvor auf Grundlage umfangreicher Testreihen festgelegt worden waren. So ließen sich mögliche Musterverzüge in einem definierbaren Rahmen halten, der beim Druck berücksichtigt werden konnte. Gedruckt wurde also nicht das fertige Dessin, sondern ein Muster, dass erst nach Abschluss aller Produktionsprozesse dem vorgesehenen Dessin entsprechen würde. Bei Desso DLW war zeitweise das gesamte Entwicklungs- und anwendungstechnische Team mit der Konzeption und Umsetzung dieser Aufgabenstellung befasst.

Hohe technische Anforderungen bei flexibler Wiederaufnahmefähigkeit

Mit der Umsetzung der anspruchsvollen Gestaltungswünsche des Auftraggebers war es aber nicht getan. Der Fußbodenausstattung musste ebenso hohen technischen Anforderungen gerecht werden. Schließlich handelt es um ein gewerblich genutztes Objekt, das uneingeschränkte Stuhlrolleneignung voraussetzt und ein intensive Beanspruchung erwarten lässt - also eigentlich nach einer vollflächigen Klebung des Textilbelags verlangt. Wäre da nicht der durchgehende Doppelboden, der andererseits eine einfache Wiederaufnahme der Fußbodenkonstruktion gewährleisten soll, um jederzeit auf die unzähligen Versorgungsleitungen im Unterboden zugreifen zu können.

Hier war also ebenfalls eine Speziallösung gefragt, die in Abstimmung zwischen Belaghersteller und Verleger entwickelt wurde. Für Desso DLW stellte sich vor allem die Aufgabe, eine besonders maßstabile Ware mit hervorragenden Selbstliegeeigenschaften zu entwickeln - die also auch ohne vollflächige Klebung den zu erwartende Beanspruchungen standhält und im Nahtbereich bei Temperaturschwankungen keine Fugen oder Stippnähte bildet. Die Lösung fand sich in einer EVA-Rückenbeschichtung.

Sie weist ähnlich gute Selbstliegeeigenschaften wie herkömmliche Bitumenbeschichtungen unter SL-Fliesen auf und setzt zudem den Ausdehnungskoeffizienten der Ware auf ein Minimum herab. Darüber hinaus wurde ein Glasgelege als Träger eingesetzt. Dadurch ließ sich das Maßänderungsverhalten der Bahnen auf unter 0,1 % in der Länge und weniger als 0,02 % in der Breite verringert - Werte, die den Verzicht auf eine konventionelle Verklebung erlaubten.

Für die Arretierung des Belags auf den Doppelbodenplatten wählte Lindner nach zahlreichen Testverlegungen eine als sehr emissionsarm eingestufte Dispersionsfixierung von Mapei. Das Fachunternehmen hatte als Auftragnehmer für die gesamten Fußbodenarbeiten sowie als Spezialist für Doppelbodenkonstruktionen genaue Vorstellungen hinsichtlich der technischen und handwerklichen Anforderungen an das Fixierungssystem: Es sollte ohne vorherige Grundierung funktionieren, den Belag möglichst sicher arretieren und zudem ein vergleichsweise geringes Eindringverhalten aufweisen, um ein Verkleben der Plattenstöße zu vermeiden.

Arbeiten verlangten ausgefeilte Logistik und handwerkliches Können

Nach Abschluss der Entwicklungsarbeit in Sachen Bodenbelag und Fertigstellung des Rohbaus begann Lindner in Kooperation mit der Anwendungstechnik von Desso DLW im Februar dieses Jahres schließlich mit den ersten Probeverlegungen. In einem "Musterhaus" neben dem eigentlichen Objekt wurde der komplizierte konische Zuschnitt von 1,64 m auf bis zu 0,75 m Bahnenbreite, die Ausführung des geforderten Rapportversatzes und die Fixierung der Bahnen auf den Doppelbodenplatten geübt. Schließlich folgte die Verlegung der ersten vier Bahnen im Objekt, die dem Bauherrn zur Begutachtung vorgelegt wurden, der sich mit dem Ergebnis vollauf zufrieden zeigte. Nun konnte die Ausführung der insgesamt 33.600 qm Fußbodenfläche in dem exklusiven Teppichbodendessin starten.

Das gesamte Gebäude wurde in Nord- und Südflügel sowie nach Etagen aufgeteilt und die Bahnenware stets gezielt für einen bestimmten Abschnitt produziert, um Chargengleichheit und einen durchgehenden Musterrapport zu gewährleisten. Darüber hinaus erhielt jede Bahn eine Kennzeichnung, aus der sich exakt der spätere Verlegeort ablesen ließ.

Die Verpackung erfolgte Etagenweise und die Lieferung immer gleich in die Etage, für die die betreffende Palette bestimmt war, um spätere Verwechselungen zu vermeiden. Dort wurden die Bahnen dann entsprechend der werkseitigen Nummerierung in der vorbestimmten Reihenfolge verlegt.

Bei der Verarbeitung wurden hohe Anforderungen an das handwerkliche Können der Bodenleger gestellt: Für eine fehlerfreie Umsetzung des komplexen Flächendesigns musste sich das Lindner-Team exakt an die Nummerierung halten sowie zudem sehr sauber und gewissenhaft arbeiten.

Eine Bahn zu verschneiden hätte schließlich die komplette Neuverlegung der gesamten Etage nötig gemacht. Denn das Einlegen einer einzelnen Ersatzbahn der gleichen Charge aber eines anderen Musterabschnitts wäre durch einen falschen Musterrapport aufgefallen - eine nachproduzierte Bahn des gleichen Rapportabschnitts durch die Chargenungleichheit. Kurz: Hier durften trotz der großen Fläche keinerlei Fehler gemacht werden.

Aufgabenstellung trotz Schwierigkeiten gemeistert

Als wenn das alles den Beteiligten noch nicht genug abgefordert hätte, sorgten auch noch Wassereinbrüche für zusätzliche Probleme. Die Schneemassen im Frühjahr hatten ein provisorisches Glasverdeck zum Einsturz gebracht und dadurch einige der frisch ausgeführten Fußbodenflächen der feuchten winterlichen Witterung ausgesetzt. Die Doppelbodenplatten in den betroffenen Etagen mussten ausgetauscht werden und zudem der Unterboden getrocknet werden. Dank des vergleichsweise schönen Sommers reichte allerdings ein Öffnen der Revisionsöffnungen.

Dank der professionellen Zusammenarbeit von Verlegebetrieb, Belag- und Verlegewerkstoff-Hersteller ließen sich die hohen gestalterischen und technischen Ansprüche des Bauherrn trotz aller Schwierigkeiten schließlich doch erfüllen. "Solche Aufgabenstellungen kann man nur im Team meistern", ist Stefan Sperber im Rückblick überzeugt, Leiter der Anwendungstechnik bei Desso DLW. "Das gilt sowohl für die verschiedenen Abteilungen in unserem Unternehmen vom Verkauf über die Entwicklung bis zur Anwendungstechnik als auch für das Zusammenspiel aller Beteiligten vor Ort." Insbesondere die Kooperation mit dem Lindner-Team sei "geradezu vorbildlich" verlaufen - für Sperber ein wesentlicher Aspekt des Erfolgs.

Zwar konnte der ursprüngliche Zeitplan für die Fertigstellung des Objektes nicht ganz eingehalten werden - was allerdings primär an anderen Gewerken lag, die ebenfalls mit der ausgefallenen Architektur und Gebäudetechnik zu "kämpfen" hatten - nun steht einem Einzug der rund 2.000 Post-Angestellten vom Pförtner bis zum Vorstand jedoch nichts mehr im Wege.


Objekt-Telegramm

Objekt: Neubau der Konzernzentrale der Deutschen Post World Net AG in Bonn
Aufgabenstellung: Neuverlegung eines rapportgemusterten Teppichbodens in konzentrischem Flächendesign
Umfang: 33.600 qm (+ 410 qm in Sockelgebäude)
Bodenbelag: Tuftvelours-Bahnenware mit EVA-Rücken in Wellendessin, Sonderanfertigung von Desso DLW auf Basis der Qualität Columna
Untergrund: Doppelbodenkonstruktion von Lindner aus calciumsulfatgebundenen Bodenplatten auf Stahlstützen
Verlegewerkstoffe: sehr emissionsarme Dispersionsfixierung Mapei Ultra/Bond Eco Fix
Architekt: Helmut Jahn, Architekturbüro Murphy/Jahn, Chicago/Berlin/Bonn/München
Auftraggeber und Projektmanagement: Deutsche Post Bauen GmbH, Bonn
GU Innenausbau: Lindner AG, Arnsdorf
Objekteur: Lindner AG, Arnsdorf

Belag-Info: Desso DLW Textil GmbH
Tel.: 07142/71-0
Fax: 07142/71-373

aus FussbodenTechnik 06/02 (Referenz)