Sind Sie ein Orientteppich-Kenner?

Eine kleine Warenkunde

Wir sind gespannt, wer diesmal alles gelöst hat. Einge Begriffe waren sicher nicht einfach zu knacken, aber wer aufmerksam die Heimtex-Orient-Teppich ließt, wird in den Fachartikeln auf etliche Lösungen soßen. Und wenn nicht, schue man in die Fachliteratur oder man rätselt gemeinsam im Kollegenkreis. Jede der nachfolgenden Erläuterungen der im vorigen Heft zur Lösunf angeboteten Fachbegriffe ist ein weiterer Baustein auf dem Wege zum Fachmann. Und die braucht die Branche ganz besonders.

Anatolien - anderer Name für Kleinasien

Der Name Anatolien bedeutet auf Griechisch und aus der geographischen Sicht des abendländischen Hellas "Land der aufgehenden Sonne". Historisch und kunstgeschichtlich ist es eine der bedeutendsten und traditionsreichsten Orientteppichregionen mit zahlreichen, sehr unterschiedlichen Provenienzen, die aber alle ein gewisser, türkisch-anatolischer Duktus eint. Mit der Vertreibung der Griechen in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam die reichhaltige anatolische Knüpftradition weitgehend zum Erliegen. Eine deutliche Wiederbelebung erfuhr sie erst mit dem seit nun etwa dreissig Jahren stetige ansteigenden Türkeitourismus.

Ebenfalls Kleinasien genannt, bildet Anatolien den asiatischen, und damit den größeren Teil der Türkei. Im Norden wird es vom Schwarzen Meer, im Osten von Armenien, dem Iran und Irak, im Süden von Syrien und dem Mittelmeer und im Westen von der Ägäis, den Dardanellen, dem Marmarameer und dem Bosporus begrenzt. Im Schnittpunkt von Europa und Asien liegend, ist es ein uraltes Siedlungsgebiet, dessen Kulturen bis weit in die Frühe Jungsteinzeit nachweisbar sind. Hervorzuheben ist Catal Hüyük, eine Ausgrabungsstätte im Südosten Anatoliens und neben Jericho wohl die bisher älteste größere Siedlung der Menschheit. Die dort in den Häusern entdeckten, mehr als achttausend Jahre alten Wandmalereien, sind nach Meinung der Archäologen noch in der heutigen Kunst als Relikte nachweisbar, also auch in Orientteppichen.

Die Kulturen auf dem Boden Kleinasiens wurden mitgeprägt vom antiken Großreich der indoarischen Hetiter, sowie von vielen lokalen Reichen. An seiner Westküste fand einst der von Homer in der Ilias verewigten Kampf um Troja satt, eine Festung am Südausgang der Dardanellen. Ganz besonders beeinflusst wurde seine Geschichte von den zahlreichen Stadtstaaten der ionischen Griechen. Ihr oströmisch-byzantinisches Reich umfasste einst gesamt Kleinasien und weite Teile Ost-Europas. 1453 eroberten die Osmanen Konstantinopel, die letzte Bastion des Abendlandes auf kleinasiatischem Boden, und benannten es um in Istanbul. Anatolien wurde türkisch, die Bevölkerung zum Islam bekehrt.


Gobelin - gewebter Wand-/Bildteppich aus Europa

Unter Gobelin sind gewebte Wandbehänge französischer und flandrischer (belgischer) Herkunft zu verstehen. Da es durchweg Wandbespannungen sind, müsste die korrekte Bezeichnung eigentlich Tapisserie lauten. In Deutschland hat sich jedoch der Name Gobelin eingebürgert. Ihre künstlerische und handwerkliche Tradition reicht weit zurück bis in die ausgehende Gotik und die Anfänge der Renaissance. Der französische Hof und Adel, sowie das Großbürgertum waren ursprünglich alleinige Auftraggeber.

Als Sujets dienen meist Landschaftsbilder, sog. Schäferinnenszenen und Jagdmotive der verschiedenen Stilepochen. Gut erhaltene, antike Gobelins renommierter Kunsthandwerker sind äusserst selten und erzielen bisweilen Höchstpreise. Die Vermarktung der Gobelins erfolgt überwiegend über den Kunsthandel und entsprechende Auktionen.


Antik-Wäsche - Teppichwaschverfahren zum Erzeugen einer Alterspatina

Mit Hilfe einer Antikwäsche werden Farben gemildert, so dass auch neue, vorher grellfarbene Teppiche hinterher in sanften bis pastellartigen Antiktönen erscheinen. Eine solche Farbbearbeitung sollte ausschließlich nur von renommierten Fachbetrieben vorgenommen werden, die dafür keine chlorhaltigen und damit möglicherweise faserschädigenden Mittel einsetzen. Fachgerecht ausgeführt findet nur eine Farbumwandlung statt, die weder die Wolle noch die Baumwolle oder Seide angreift.


Benam - Teppichdesigner aus Täbriz

Seit gut zehn Jahren werden in Täbris Teppiche mit einem besonders markanten Dessin geknüpft, das von dem Teppichdessinateur Benam entworfen wurde. Anfangs nur mit seinem Namen "Benam" in einer geknüpften Kartusche im äusseren oberen, manchmal auch zusätzlich im unteren Bordürenrand gekennzeichnet, wurde dieses Muster mit seiner pastellartigen Farbkomposition, den floralen Details und Girlanden bald auch von anderen Knüpfereien in Täbris übernommen. Entworfen wurde das Benam-Dessin ursprünglich speziell für die arabischen Märkte, gefiel aber schon bald auch den Teppichfreunden im Abendland, so dass die heutige Produktion meist nach Deutschland und in den EU-Raum verkauft wird.

Da das Benam-Dessin entsprechend feingliedrig gezeichnet ist, wird es ausschließlich in Knüpfdichten ab 50 Radj aufwärts geknüpft. Die feinsten Qualitäten haben ein Seidengrundgewebe (Kette und Schuss). Oft sind die Muster mit Reiner Seide appliziert und konturiert, was dem Teppich einen sehr apparten Ausdruck verleiht und ihn entsprechend hochwertig erscheinen läßt.


Arsakiden - antike, persische Herrscherdynastie, von 247 v.Chr-226 n.Chr.

Die Asakiden waren ein Herrschergeschlecht aus dem kriegerischen Reitervolk der Parther, das aus Innerasien in das Iranische Hochland einwanderte. Ihr Dynastiename geht zurück auf den Fürsten Arsakes aus dem Stamm der Parni. Ihm folgte Tiridates, der von Hyrkanien aus herrschte, dem heutigen Gorgan in Nord-Persien. Unter Ihrer Herrschaft entwicklete sich die graeco-baktrische Kunst, die einen prägenden Einfluss auf Persien, Indien und China hatte und deren Nachhall noch in den heutigen Teppichmustern noch zu sehen ist.

Als Beispiel sei hier das beliebte Bordüren-Dessin "Laufender Hund" erwähnt, das dem griechischen Mäander-Rapport entstammt. Bei Karrhai in Syrien schlugen die Arsakiden 53 v. Chr. mit Hilfe ihrer, Kataphrakten genannten, schweren Reiterei und einem nicht endenden Pfeilhagel - jeder Bogenschütze verfügte über 5 Kamellasten Pfeile - die Römer und erbeuteten sieben Legionsadler. Parthisch-arsakidischer Einfluß reichte indirekt sogar bis an den Rhein, denn hier entdeckten Archäologen bei Ausgrabungen einen Tempel, der dem auch bei den römischen Legionären verehrten, arianischen Gott Mithras geweiht war.

Die parthischen Arsakiden gründeten die heute im Nord-Irak gelegene Verwaltungsmetropole Ktesiphon (Persisch: Tisfun), von der aus auch ihre Nachfolger, die Sassaniden (224-651), Persien später regierten.


Kreuzdorn - Pflanze für Farbstoffgewinnung

Der Echte Kreuzdorn (Rhamus catharticus) oder Grünbeere ist ein Strauch oder kleiner Baum, der bis zu fünf Metern hoch wird. Seinen Namen erhielt er, weil die Dornen mit den Ästen ein Kreuz bilden. Bereits in Kräuterbüchern des Mittelalters wird Kreuzdorn als Färbemittel für Violettrot erwähnt. Der Farbsstoff wird aus den frisch gepressten Beeren gewonnen. Die unscheinbaren, grünlichen Blüten reifen zu schwarzen, etwa erbsengroßen, süßlich bitteren Steinfrüchten. Im Mittelalter legte man in der Walpurgisnacht einen Kreuzdornzweig auf die Türschwelle, um so das Haus vor Hexen zu schützen. Heutzutage wird Kreuzdorn auch in der Pharmazie genutzt.


Namaslik - Größenbezeichnung für Gebetsteppich

In ihm steckt das arabische Wort Namas für Gebet. Der Namslik ist also ein Teppich, genauer eine Brücke bestimmter Größe (ca. 0,80-1,10 x 1,30-1,50 m), die ursprünglich nur für die täglichen Gebete verwendet wurde. Moslemische Sunniten beten fünfmal, Schiiten dreimal pro Tag. Heutzutage ist Namaslik mehr eine Muster- und Größenbezeichnung.

Ein Namaslik kann überall zum täglichen Gebet ausgebreitet werden und ersetzt dem Moslem den geweihten Boden der Moschee. Sein besonderer Musterduktus besteht in einer, Mihrab genannten Gebetsnische, die in Gebetsrichtung (Kibla) gen Mekka ausgerichtet wird. Namasliks sind daher immer längssymmetrisch. Oftmals befinden sich neben dem Mihrab zwei Handsilhouetten. Das sind keine Handauflageflächen sondern Abwehrsymbole gegen den "Bösen Blick" und anderes Unheil.

Damit ein Muslim weiss in welcher Richtung Mekka liegt, ist in den Hotels islamischer Länder die Kibla mit einem Pfeil an die Zimmerdecke gemalt. So kann er seinen Namaslik immer korrekt nach Mekka ausrichten.


Mafrasch - gewebter Transportbehälter der Nomaden

Die Mafrasch sind textile, gewebte Behälter, die den Nomaden während der Wanderungen zur Aufnahme ihrer Habe als eine Art Koffer dienen. Sie bestehen aus zwei Längswangen und zwei Stirnseiten, die meist in Soumach- oder Kelimtechnick gewebt sind. In sie wird eine Holzgestell plaziert, das dem Koffer seine Form verleiht. Die reichhaltigen Muster enstammen traditionellen Überlieferungen aus der reichhaltigen, mythologischen Welt der Nomaden. Mafrasch werden immer seltener, denn zum einen werden die Nomaden nach und nach sesshaft, zum anderen verstauen sie ihr Hab und Gut mehr und mehr in Packtaschen industrieller Produktion.


Kaschmir - Knüpfregion in Nord-Indien

Das an den Karakorum grenzende Gebirgsland Kaschmir im Himalaya ist geteilt und gehört zu einem Drittel als Provinz zu Pakistan, während die anderen zwei Drittel den Unionsstaat "Djammu and Kashmere" bilden, der zu Indien gehört. Die Bevölkerung des größere Teils ist überwiegend moslemisch und strebt nach mehr Unabhängigkeit von Indien, aber auch von Pakistan. Derzeit wird indisch Kaschmir immer wieder von Terror überzogen.

Die Knüpfteppiche kommen ausschließlich aus dem indischen Teil Pakistans und werden vorwiegend in der Provinzhauptstadt Srinagar und Umgebung geknüpft. Berühmt sind die Seidenteppiche Kaschmirs, die üblicherweise auf Baumwollgrundgewebe entstehen. Die Farben sind in letzter Zeit eher zurückhaltend, die Muster nach wie vor sehr stark persisch beeinflußt. Dies ist geschichtlich bedingt ist, denn einst holten die Mogulkaiser (1526-1857) persische Teppichknüpfer an ihren Hof nach Indien. Man spricht deshalb auch vom indo-persischen Stil. Eine Legende allerdings besagt, dass der tributpflichtige Sultan von Kaschmir 1398 seinen Sohn als Geisel zu Timur Lenk (Tamerlan) nach Samarkand schicken musste. Hier lernte der junge Prinz das ihn begeisternde Knüpfkunsthandwerk kennen und führte es nach seiner Rückkehr in Kaschmir mit Knüpfern aus Samarkand in Kaschmir ein.

Normalerweise werden derartrige Teppiche nach sog. Musterkartons geknüpft. In Kaschmir stellt man dafür sog. Talims her, Papierrollen, in denen mit einer speziell codierten Schrift das Muster erfasst ist und gelesen werden kann. Die zu setzenden Knoten werden von einem Vorsänger dann zun Knüpfern in einem Wechselgesang vorgesungen aufgerufen. Nachdem die Knüpfer die Knoten ausgeführt haben antworten sie mit "hou!" - und weiter geht's.
aus Heimtex Orient 05/03 (Teppiche)