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Bodenbeläge auf der Domotex und auf der Bau

Ruhe vor dem Sturm

Noch scheint es ruhig, aber der Bodenbelagsbranche stehen mit Sicherheit große Veränderungen bevor - und das vermutlich schneller als wir denken. Wer wird zu den Gewinnern gehören, wer zu den Verlierern?

Auch wenn dies ein Messebericht ist: Sparen wir uns lange Worte über Aussteller- und Besucherzahlen. Wir haben schon oft für die großen Branchenmessen plädiert, speziell für die Domotex, und sind auch nach wie vor fest davon überzeugt, dass die Branche diese Treffpunkte braucht - und dass sie auch davon profitiert. Dabei spielt es nicht einmal eine große Rolle, ob in einem Jahr 1.000 Besucher mehr oder weniger kommen; denn erstens sind die wirklich wichtigen Einkäufer immer auf der Messe anzutreffen, weil sie ihre Aufgabe ernst nehmen und zweitens hat jeder Aussteller immer Neukontakte, die er außerhalb der Messe wahrscheinlich nicht hätte.

Wir müssen nicht darüber reden, dass ein Messeauftritt viel Geld kostet. Wobei es manchmal auch eine Nummer kleiner ginge.... Was in diesem Zusammenhang aber viel zu oft vergessen oder verkannt wird, ist der Standortvorteil, den wir dadurch haben, dass die weltweit größten Messen unserer Branche in Deutschland stattfinden - und nicht in USA oder Asien, was viel teurer wäre.

Über die unsinnige Terminüberschneidung von Domotex und Bau braucht man keine Worte zu verlieren. Was die Messegesellschaften hier veranstalten, ist höchst egoistisch und kundenfeindlich. Zumal sich in diesem Jahr ganz klar herauskristallisiert hat, dass beide Messen ganz unterschiedliche Besuchergruppen anziehen: Wer Export und Fachhandel will, muss in Hannover präsent sein, wer Zugang zu Süddeutschland und den angrenzenden Nachbarländern bis hin zu den EU-Neumitgliedern sucht, steht in München richtig.

Übereinstimmend berichteten die Bodenbelags-Aussteller auf der Bau auch von guter Frequenz seitens der objektrelevanten Klientel - seien es Architekten, Planer, Generalunternehmer oder die Mitarbeiter von Bauabteilungen. Und dieses Jahr schien es tatsächlich nicht nur Wunschdenken zu sein wie auf der Bau vor zwei Jahren, denn die Bodenbelagshalle B 5 erfreute sich regen Besuchs.

Aus der Branche

Machen wir uns nichts vor: Die schöne heile Bodenbelagswelt gibt es nicht mehr. Mittelfristig wird es hier zu massiven Veränderungen, vielleicht sogar Verwerfungen kommen, vor allem in der Industrie, und das vermutlich schneller, als wir denken. Der Einstieg des britischen Finanzinvestors Doughty Hanson bei Balta im vergangenen Jahr war das erste Signal, das gerade bei den großen Marktteilnehmern demnächst einiges in Bewegung geraten dürfte.

Erste Frage vor diesem Hintergrund: Was passiert bei Forbo? Die Schweizer haben in den letzten Monaten reichlich Stoff für Schlagzeilen geliefert mit ihrem Hin-und-Her um einen potenziellen Eigentümerwechsel von Teilen oder des ganzen Konzerns. Bei der deutschen Vertriebsgesellschaft reagiert man inzwischen leicht genervt auf dieses Thema. Kein Wunder: Die Mannschaft in Paderborn ist hoch motiviert, hat gute Produkte, will und muss verkaufen, wird auch an ihren Zahlen gemessen - und muss vorn an der Front das ausbügeln, was Vorstand und Verwaltungsrat anrichten, die weitab vom Markt im beschaulichen Eglisau am grünen Tisch um die Zukunft des Konzerns pokern.

Völlig undurchsichtig ist dabei die Rolle, die das Ex-Verwaltungratsmitglied Michael Pieper spielt - nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern anscheinend auch für seine ehemaligen Verwaltungsratskollegen. Er war im Dezember von einem Tag auf den anderen aus dem Gremium ausgeschieden, um sein Aktienpaket in mehreren Etappen aufzustocken und hält inzwischen persönlich und über ihm verbundene Gesellschaften über 20%, die einem Stimmrechtsanteil von 8% entsprechen.

"Pieper pirscht sich an Forbo heran", titelte ein Schweizer Nachrichtendienst treffend. Tatsächlich nimmt er mit seiner starken Aktionärsstellung eine Schlüsselposition beim Tauziehen um Forbo ein, teilte dem Verwaltungsrat auch bereits offiziell mit, dass er "mit mehreren Bietern in Kontakt stehe". Der Verwaltungsrat seinerseits gibt sich ratlos und räumte in einer Pressemitteilung ein, dass er weder den Gegenstand dieser Kontakte kenne, noch die konkreten Absichten Piepers.... Bis zur Drucklegung dieser Ausgabe war jedenfalls noch keine Entscheidung darüber gefallen, ob Forbo selbstständig bleibt, doch die britische CVC-Gruppe oder ein anderer Finanzinvestor zum Zuge kommt. Wir werden das Ganze weiter verfolgen.

Die Stichworte Balta und Doughty Hanson sind eben schon gefallen. Auch dort scharrt man den Füßen und hält intensiv Ausschau nach weiteren Zukäufen. Nach belgischen Zeitungsberichten hat Balta bereits bei Pierre Lano angeklopft, der sich mit seinem Unternehmen abseits der belgischen Massenhersteller gut in einer Nische mit hochwertigen Teppichböden, Objektware und abgepassten Teppichen eingerichtet hat. Auch auf Anker soll man in St. Baafs-Vivje ein Auge geworfen haben. Das spricht für die Vermutungen von Insidern, dass Doughty Hanson sich nicht mit der Balta-Akquisition zufrieden geben will, sondern darum herum einen größeren Bodenbelagskonzern schmieden will. Was nur mit Firmen Sinn macht, die komplementär zu Balta sind.

Domotex
Forbo demonstrierte Kompetenz in Linoleum mit einer ausgesprochen umfangreichen Kollektion und einem neuen Oberflächenschutz.
Domotex
TWN spürt einen Trend zu Hochwert-Teppichboden und reagiert darauf mit Luxusqualitäten aus Schurwolle.
Domotex
ITC hat sein Corporate Design überarbeitet und vereinheitlicht.
Domotex
Aquafil hat eine Teppichfaser mit optimierten schmutzabweisenden Eigenschaften entwickelt. Offizielle Premiere ist im Frühjahr.
Domotex
Dura kommt mit der gelungenen Universal-Kollektion Living und bringt zum Sommer noch ein neues Objektprogramm.
Domotex
Beste Kontakte zum Großhandel: Schmutzfang-Spezialist C/R/O mit seiner neuen Sauberlauf-Kollektion 2009.

Genauso ist Tarkett auf Brautschau. Wobei sich Vorstandschef Marc Assa nicht für additionelle Kapazitäten oder Produkte interessiert, sondern gezielt sondiert, wo er Europas größten Bodenbelagshersteller weiter stärken kann. Priorität liegt dabei auf Produktseite momentan auf Laminat, wobei er durchaus auch kleinere Ergänzungen bei anderen Segmenten im Blick hat wie unlängst den Erwerb von Marley Floors, mit dem Tarkett eine Lücke in England geschlossen hat. Geografisch ist immer noch Osteuropa interessant, außerdem Asien.

Noch vor wenigen Monaten erschien auch die Zukunft von Armstrong DLW ungewiss, bzw Armstrong Floor Products Europe, wie das Unternehmen korrekt heißt. Inzwischen scheint die US-Mutter wieder mehr Affinität zu ihrem Europa-Ableger zu entwickeln, wie Vertriebsvorstand Ton Raaphorst versichert. Die Amerikaner seien auch zu Investitionen bereit, sagte er und verwies in diesem Zusammenhang auf ein wahres Neuheiten-Feuerwerk, das in diesem Jahr gezündet wird. In praktisch allen Segmenten kommen neue Kollektionen und Produkte: Linoleum, heterogene und homogene PVC-Beläge, Designbeläge, Teppichboden, Teppichfliesen. Überhaupt wolle man wieder mehr Kundennähe suchen....

Aber nicht nur in der Großindustrie laufen Gespräche, sondern auch bei kleineren Unternehmen. Noch nicht abgeschlossen ist das Management-Buyout bei Durmont, wie wir bereits gemeldet hatten. Da wollte wohl jemand die Verhandlungen via Presse beschleunigen.... Laut Anker-Geschäftsführung ist der Verkauf aber noch nicht in trockenen Tüchern, da es noch andere Interessenten gäbe. Durmont-Geschäftsführer Rudolf Pauli hat sich auf jeden Fall schon einmal Kapital verschafft und sich von seiner 7,9%-Beteiligung an Automobilzulieferer Eybl getrennt, wo er bis 2002 Vorstand war. Für sein Paket mit 284.400 Aktien hat er nach österreichischen Zeitungsmeldungen 6 Mio. EUR erhalten und verfügt damit über ein ansehnliches finanzielles Polster.

Und dann verschwinden leider auch immer wieder Firmen aus wirtschaftlicher Not vom Markt. Jüngstes Opfer ist Naturfaser-Spezialist Natufa, der am 10. Februar beim Amtsgericht Neu-Ulm Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt hat.

Veränderungen auf dem Markt ergeben sich ferner durch neue Wettbewerber. Nach dem koreanischen Mischkonzern LG, der sich nach dem Tod seines deutschen Kontaktmannes Dietmar Armbröster mit Ex-Domo-Außendienstmann Wolfgang v. Massow am Markt versucht, will sich jetzt die Willie-Gruppe aus Taiwan die Tür nach Deutschland aufstoßen. Auf der Domotex präsentierten Präsident Chen-Chi Mao und sein Schwiegersohn Ping Po im versteckten Kämmerlein einer Handvoll Ausgesuchter ihr Programm, darunter auch der Redaktion BTH Heimtex. Die Kontakte knüpfte ein alter Bekannter: Achim Kuhlmann, früher bei Armstrong DLW und danach mit dem Hamburger Großhändler Bauer selbstständig. Die Asiaten hatten drei Produkte mitgebracht, die es unseres Wissens in dieser Form noch nicht auf dem europäischen Markt gibt: lose verlegbare Designfliesen - hoch interessant, wobei sie sicher einen perfekten Untergrund benötigen -, Designbeläge mit raumluftverbessernder Ausrüstung und einen Glas-Boden.

Alleinstellung beansprucht auch Laminathersteller Witex, der den Prototyp eines neuen Objektbelages vorstellte: ein Klickpaneel, das auf einem HDF-Träger mit Polyurethan-Nutzschicht aus WPT-Produktion basiert. Witex Pur soll durch eine "optimal geschlossen Molekularstruktur" an der Oberfläche "unschlagbar hygienisch und pflegeleicht" sein, außerdem hoch strapazierfähig, antistatisch und antimikrobiell. Als kleiner Kritikpunkt sei angemerkt, dass die Elemente etwas zu breit geraten scheinen. Schmaler würden sie eleganter wirken.

Zu textilen Belägen: Es ist fast, als sei die deutsche Teppichboden-Industrie aus dem Winterschlaf erwacht. Mag sein, dass sie sich die Worte von Rigromont-Geschäftsführer Claus Hoffmann zu Herzen genommen hat, der im letzten Jahr gegenüber BTH Heimtex geäußert hatte, dass die inländischen Hersteller doch "wieder stärker nebeneinander rücken und ihre Kompetenz in Qualität, Mode und Design heraustellen sollten" (Zitat aus BTH Heimtex 2/04), mag auch sein, dass sie endlich erkannt hat, dass sie sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der allgemeinen Marktflaute ziehen muss. Wie auch immer: Jedenfalls haben die Produzenten die Apathie abgestreift, die sie lange Zeit zu lähmen schien und präsentieren sich dynamischer, motivierter und markt- und kundenorientierter.

Dura, Enia Carpets und Vorwerk wetteifern um die schönste Servicekollektion - und tatsächlich fällt die Wahl schwer, welche denn wirklich am besten gelungen ist - nirgendwo wurde gespart, überall stecken viele Ideen, Kreativität und Esprit drin. Und nicht nur das: Dura und Vorwerk kommen darüber hinaus in diesem Jahr auch noch mit neuen Objektprogrammen.

Auch bei Anker weht ein frischer Wind: Das fängt beim neuen Corporate Design an und reicht bis zu einer Vielzahl neuer Produkte. "Anker stand immer für Qualität, künftig wollen wir auch wieder für Innovation stehen", benennt das Management das Ziel. Und TWN spürt verstärkte Nachfrage nach Hochwert-Teppichboden und reagiert darauf mit Luxus-Artikeln aus gefilzter Schurwolle und Schurwoll-Alpaka-Gemisch. Das macht wieder richtig Spaß, findet auch der Handel.

Hotelkollektionen, bereits im letzten Jahr ein starkes Thema, gibt es inzwischen zuhauf. Dabei haben sich einige Hersteller ein Beispiel an Vorwerk genommen und kommen mit Lagerprogrammen, Maltzahn Carpets beispielsweise bietet zusätzliche Individualisierungsmöglichkeiten.

aus BTH Heimtex 02/05 (Wirtschaft)