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Interview mit Justus Schmitz

"Wir haben noch gar nicht richtigangefangen, über die Fensterdekoration als aktives Gestaltungsmedium im Raum nachzudenken"

Vor knapp zwei Jahren eröffneten die Schmitz-Werke mit ihrer raumluftverbessernden Drapilux Air-Kollektion ein ganz neues Marktsegment bei Heimtextilien: das der sogenannten intelligenten Stoffe mit funktionellen Zusatzeigenschaften, die sich besonders im Objekteinsatz bewähren. Inzwischen ist die Air-Reihe gut vom Markt angenommen worden und kommt bereits auf einen Anteil von 42% am aktuellen Programm. Wie unterscheiden sich die Drapilux-Produkte von anderen, welche Perspektiven bietet die Zukunft für sie und für diesen ganzen neuen Bereich, welche Möglichkeiten der technischen Weiterentwicklung gibt es noch? Darüber sprachen die beiden BTH Heimtex-Redakteure Claudia Steinert und Birgit Genz mit Justus Schmitz, dem geschäftsführenden Gesellschafter der Schmitz-Werke, der die Redaktion in Hamburg besuchte.

BTH Heimtex: Mit den sogenannten intelligenten Textilien ist vor zwei Jahren eine ganz neue Produktgeneration auf den Markt gekommen. Sie waren damals mit den raumluftverbessernden Air-Stoffen Pionier, haben später noch die bioaktiven Artikel nachgelegt. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe Anbieter ähnlicher Qualitäten. Wie differenzieren sich die verschiedenen Varianten eigentlich voneinander?

Justus Schmitz: Unterschiede gibt es nur bei den raumluftverbessernden Stoffen, auch in der Wirkweise, bei den bioaktiven nicht. Diese basieren grundsätzlich auf einer Modifikation der Faser.

Zunächst einmal sind wir glücklich darüber, dass wir mit der Idee an sich nicht allein geblieben sind. Schließlich sind wir nur ein Spieler in diesem Markt, und wenn andere und auch größere Spieler dazu kommen und diese Idee mit propagieren, kommt es ihr insgesamt zu Gute. Darüber hinaus sind wir auch glücklich darüber, dass wir uns seinerzeit für unser System zur Raumluftverbesserung entschieden haben.

Zu den Unterschieden: Sie sind chemischer Natur. Wir arbeiten mit einem Katalysator; konkret mit einem Reagenz, das auf Metallbasis funktioniert. Das heißt, die Metallionen reagieren und werden nach abgeschlossener Zerlegung von irgendwelchen Molekülen wieder in die ursprüngliche Verbindung eingelagert, so dass sie sich dabei praktisch nicht verbrauchen. Daraus resultiert die dauerhafte Wirkung.

Bei dem Verfahren auf Titandioxid-Basis haben wir es mit einer anderen Reaktion zu tun: Bei allen Titandioxiden findet unter kurzwelligem Licht eine Zerlegung von Sauerstoff statt. Dabei entsteht ein freies Sauerstoff-Atom, dass sich wieder eine Bindung sucht und das kann eben ein vorhandenes Schadgas sein, das gebunden und damit unschädlich gemacht wird.

Eigentlich auch eine gute Lösung. Sie hat nur zwei Nachteile: Zum einen sucht sich dieses freie Sauerstoff-Atom die erstmögliche Bindung. Das erklärt unter anderem, warum es nicht waschstabil ist. Zum anderen reagiert es nicht nur mit Schadstoffen, sondern auch mit anderen Substanzen wie Farben oder Fasern. Und noch ein weiteres Problem gibt es: Titandioxid reagiert nur bei kurzwelligem Licht, also nur tagsüber. Unser Verfahren ist lichtunabhängig - das heißt, die luftreinigende Wirkung von Drapilux Air ist auch über Nacht aktiv.

BTH Heimtex: Sind Sie selbst auf das Thema gekommen oder haben Sie es woanders aufgegriffen. Immerhin gibt es in anderen Marktsegmenten Entwicklungen in ähnlicher Richtung - etwa Sprays, die unangenehme Gerüche beseitigen sollen. Waren Sie dadurch sensibilisiert?

Schmitz: Natürlich. Ursprünglich kam der Impuls von außen aus Richtung Dura Air. Und ich fand es faszinierend, die Idee auf Dekostoffe zu übertragen und die Wirkung fest an den Stoff zu binden. Mein Gedanke war, dass es dort noch effizienter sein müsste, weil bei Dekos in der Senkrechte mehr Luftbewegung herrscht als auf der Horizontalfläche eines Teppichbodens.

Die besondere Herausforderung war dann die entsprechende Ausrüstung unserer Trevira CS-Stoffe, ohne dass ihre flammhemmenden Eigenschaften beeinträchtigt werden. Das ist uns gelungen.

BTH Heimtex: Haben Sie Ihr Verfahren patentieren lassen?

Schmitz: Nein, bewusst nicht. Weil es jedes Patent mit sich bringt, dass man dessen Idee veröffentlichen muss. Das wäre uns nicht recht. Es handelt sich um eine Ausrüstung. Um ihre Wirksamkeit zu beweisen, haben wir hieb- und stichfeste Untersuchungen von renommierten Instituten vorgelegt und diese mit Erfahrungsberichten aus der Praxis untermauert. Mit dieser Kampagne sind wir dann auf den Markt gegangen. Dort lief der Verkauf allerdings eher schleppend an, weil die direkte Nachfrage von den Verbraucher fehlte und das Thema zu wenig offensiv vermarktet wurde.

BTH Heimtex: Dabei ist der Nutzen so einfach zu erklären...

Schmitz: Ja, aber man muss sensibel argumentieren. Zum einen gibt wohl keiner gerne zu, dass es bei ihm unangenehm riecht und zum anderen ist die Wirkung nur indirekt zu spüren, weil durch die Stoffe eine Störquelle beseitigt wird und man sich eigentlich nur darüber freuen kann. Mit anderen Worten: Wenn nichts mehr da ist, worüber man sich ärgert, hat man keine tägliche positive Begegnung mehr mit dem Produkt.

Wobei ich von dem Effekt begeistert bin - allein, was die Beseitigung von Zigarettenrauch angeht. Stellen Sie sich vor: Ein Hotelier kann ein Zimmer, in dem ein Raucher übernachtet hat, am nächsten Tag an einen Nichtraucher vermieten, ohne dass der etwas riecht.

BTH Heimtex: Tatsächlich?

Schmitz: Ja, das können wir beweisen. Fragen Sie die Hausdame im Hamburger Hotel Atlantic. Wir haben als Test ihre eigene Belegschaft in einem Gastzimmer rauchen lassen - und es war hinterher überhaupt nichts zu riechen. Danach war sie überzeugt.

BTH Heimtex: Sie sagten vorhin, dass die Wirkung dauerhaft sei - aber Air ist dennoch nur eine Ausrüstung. Wie viele Wäschen übersteht sie denn?

Schmitz: Dazu muss ich ein wenig ins Detail gehen. Bei dieser speziellen Ingredienz handelt es sich um ein Salz, eine Metallverbindung, die langsam wasserlöslich ist und mit einer Art Kleber an das Trevira CS gebunden wird. Sie übersteht durchaus mehrere Wäschen. Vorhangstoffe werden in der Regel einmal jährlich gewaschen und wir haben haben festgestellt, dass man nach fünf Waschzyklen immer noch eine überzeugende Wirkung beweisen kann.

Aber: die Waschfrequenz verringert sich bei Drapilux Air auch.

BTH Heimtex: Warum das?

Schmitz: Weil Gardinen oder Vorhänge oft nur gewaschen werden, weil sie nicht mehr frisch riechen, gar nicht mal, weil sie optisch schmutzig erscheinen. Und das entfällt bei Drapilux Air.

BTH Heimtex: Wir reden jetzt über die konventionelle Wäsche. Wie ist es bei der Reinigung?

Schmitz: Dort verlangsamt sich der Auswaschungsprozess, weil nicht mit Wasser gearbeitet wird.

BTH Heimtex: Kein Produkt hat nur Stärken. Hand auf's Herz: Was sind die Nachteile Ihres Systems?

Schmitz: Ganz ehrlich, auch wen es unbescheiden klingt: Ich kenne keine.

Schmitz-Werke GmbH & Co. KG

Justus Schmitz: "Wir müssen kundenorientierter denken, mehr überlegen, wo die Bedürfnisse der Verbraucher liegen, aktiver mit den Faserherstellern über mögliche Entwicklungen nachdenken - dann haben wir als mittelständische
Textilunternehmen sehr gute und auch langfristige Chancen."

BTH Heimtex: Besetzen Sie die Air-Ausrüstung exklusiv?

Schmitz: Nein, nur für Trevira CS oder andere flammhemmende Polyesterfasern- und gewebe. Ansonsten steht die Air-Ausrüstung auch anderen unbeschränkt zur Verfügung - sogar, wenn sie einen Stoff mit Modacryl flammhemmend ausstatten.

BTH Heimtex: Wieviel verteuern sich Stoffe mit Air-Ausrüstung?

Schmitz: Das kann man nicht so pauschal sagen, weil es vom Stofftyp abhängt. Wir haben kalkuliert, dass unsere Herstellungskosten um ca. 10 % steigen und diese Preiserhöhung 1:1 weitergereicht.

BTH Heimtex: Jetzt zu den bioaktiven Stoffen. Ist das Prinzip dort ähnlich?

Schmitz: Nein, ganz anders. Bei Air handelt es sich um eine Ausrüstung, die bioaktiven Stoffe basieren auf einer entsprechend modifizierten Faser von Trevira. Dort sind in der Fasermasse Silberionen integriert, die das Bakterienwachstum verhindern. Sie migrieren von innen nach außen, so dass praktisch immer aktive Silberionen an der Oberfläche sind. Eine aufwändige, aber auch elegante Methode. Wobei man schon lang weiß, dass Silberionen Keimfreiheit bewirken...nicht ohne Grund aß man früher mit Silberbesteck.

Diese High Tech-Fasern sind relativ teuer. Uns ist es aber gelungen, Gewebekonstruktionen zu entwickeln, mit der wir die Preiserhöhungen in einer vergleichbaren Range wie bei Drapilux Air-Stoffen halten können, also bei etwa 10%.

BTH Heimtex: Beschäftigen Sie sich auch mit Stoffen, die vor Elektrosmog schützen?

Schmitz: Wir haben uns entschlossen, keine Artikel dieser Art in den Markt zu bringen, weil wir keine echte Notwendigkeit dafür sehen. Zum einen würde ein wirklich wirksamer Schutz gegen Elektrosmog eine komplette Abschirmung des Raumes bedingen und es erscheint uns wenig realistisch, dass das tatsächlich jemand macht, zum anderen bedarf gerade das Fenster am wenigsten Schutz, weil es meistens mit einer Wärmeschutzverglasung versehen ist, deren hauchdünne Metallschicht bereits abschirmend wirkt.

BTH Heimtex: Also haben wir jetzt raumluftverbessernde und antibakterielle Stoffe. Gibt es darüber hinaus noch weitere interessante funktionale Zusatzeigenschaften?

Schmitz: Jede Menge. Es ist so viel denkbar, so viel machbar, wenn man das Ganze aus Verbrauchersicht betrachtet. Denken Sie zum Beispiel an Gardinen und Vorhänge, die in Abhängigkeit von der Außenbeleuchtung die Lichtfarbe ändern. Oder in Abhängigkeit von der Temperatur die Lichtfarbe oder die Transparenz....

Im Grunde haben wir noch gar nicht angefangen, wirklich über die Fensterdekoration als aktives Gestaltungsmedium in einem Raum nachzudenken.

BTH Heimtex: Welchen Anteil nehmen die Air- und Bioaktiv-Qualitäten aktuell am Drapilux-Sortiment ein?

Schmitz: Wir haben inzwischen über 40 % unserer Kollektion auf Air umgestellt. Die Air-Textilien sind mittlerweile ein richtiger Mengenartikel mit erkennbarer Breitenwirkung für uns geworden. Auch alle Neuheiten fertigen wir mit Air-Ausrüstung, sofern das technisch möglich ist.

Die bioaktiven Qualitäten nehmen dagegen erst einen relativ geringen Anteil an der Kollektion ein, um 10%. Einer der Schwerpunkte ist hier der Krankenhaus-Bereich. Gerade in diesem Segment herrschen besondere Regeln, nicht nur was die funktionellen Eigenschaften anbetrifft, sondern auch die Optik. So dürfen die Stoffe nicht zu viel Licht absorbieren und sollen möglichst pastellig, zurückhaltend coloriert sein, weil das dem Heilungserfolg nachweislich am meisten hilft.

BTH Heimtex: Sie sagten eben, die Neuheiten kämen in Air-Version, sofern technisch möglich. Wo ist denn die Limitierung?

Schmitz: Rein technisch gesehen gibt es keine. Aber die Optik soll natürlich auch unbeeinträchtigt bleiben. Und es gibt bestimmte Stofftypen wie Tafte, Organzas usw. für die man ein Garn mit trilobalem Querschnitt verarbeitet, der die Lichtbrechung intensiviert. Eine Ausrüstung, die an das Garn angelagert wird, verändert den Querschnitt, damit die Lichtbrechung und damit den Glanz. Im schlimmsten Fall sieht dann ein ausgerüsteter Taft gar nicht mehr wie ein Taft aus, weil sein charakteristischer Schimmer-Efffekt fehlt.

Und für uns ist letztlich die ansprechende Optik eines Stoffes wichtiger als der Zusatznutzen.

BTH Heimtex: Sind Spezialitäten dieser Art die einzige Möglichkeit für die gebeutelte deutsche Textilindustrie, hier zu überleben, eine auskömmliche Rendite zu erzielen und nicht so schnell in den Billigländern kopiert zu werden?

Schmitz: Im Grunde können rund um die Welt identische Sachen produziert werden - nur zu unterschiedlichen Kosten. Und Deutschland ist ein Standort, bei dem alle Kosten hoch sind: die Löhne, Energie, Verwaltung, Umwelt.... Überall liegen wir höher als andere Länder.

Was uns hier als Vorteil bleibt, ist die Nähe zum Kunden, die Nähe zum Markt. Nehmen Sie konkret uns als Objektspezialisten: Wir sind leistungsfähig, flexibel und schnell in der Produktion, kurzfristig vor Ort, können schnell nachproduzieren, wenn Bedarf ist. Irgendein ein Mengenhersteller in Asien wird sich dagegen kaum ein Bein für einen hiesigen Kunden ausreißen, wenn dem eine kleine Menge fehlt. Wir machen das. Und diese extreme Kundenorientierung ist unsere Chance.

Eine weitere Chance ist der Aufbau von Marken mit bestimmten Inhalten, die immer wieder kehren und Vertrauen stiften. Auch daran arbeiten wir.

Darüber hinaus müssen wir insgesamt kundenorientierter denken, mehr überlegen, wo die Bedürfnisse der Verbraucher liegen, aktiver mit den Faserherstellern über mögliche Entwicklungen nachdenken und diese Überlegungen in die Realität umsetzen. Wenn wir das alles mit Verstand tun, haben wir sehr gute und auch langfristige Chancen. Vielleicht nicht unbedingt für den Massenmarkt - aber für die mittelständischen Unternehmen, die wir hier in Deutschland haben, wird's allemal reichen.

aus BTH Heimtex 09/05 (Wirtschaft)