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Interview mit This E. Schneider

"Forbo wird den Turnaround in diesem Jahr schaffen"

Nach dem Scheitern des Übernahmeversuchs durch die britische Investmentgesellschaft CVC Capital Partners ist es in der Öffentlichkeit wieder ruhiger um Forbo geworden. Intern wird allerdings intensiv daran gearbeitet, die Schäden aus dem Auktionsverfahren zu reparieren und Forbo für die Zukunft fit zu trimmen. Erstmals seit der Generalversammlung Ende April nahm This E. Schneider, Vorstandvorsitzender und Delegierter des Verwaltungsrats in einem Gespräch mit der angesehenen Schweizer Zeitung Finanz und Wirtschaft Stellung zu der Phase der Unsicherheit und der künftigen strategischen Ausrichtung des Konzerns. BTH Heimtex veröffentlicht das Interview im Original-Wortlaut.

BTH Heimtex: Herr Schneider, Forbo hat wegen des Übernahmeangebots von CVC und des damit verbundenen Auktionsverfahrens turbulente Zeiten durchlebt. Wie beurteilen Sie diese Phase rückblickend?

This E. Schneider: Es war insofern eine notwendige Phase, als sie für das Unternehmen wie ein reinigendes Gewitter gewirkt hat. Negativ war der Schaden, der für Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre verursacht worden ist. Wir mussten unsere Restrukturierungsprojeke für Monate unterbrechen und waren vom Auktionsverfahren, an dem mehrere Gesellschaften teilgenommen haben, absorbiert. Das gehört jedoch der Vergangenheit an, CVC ist nicht zum Zug gekommen, und die Situation hat sich geklärt. Wir verfügen heute über ein stabiles Aktionariat, einen guten Verwaltungsrat, und wir konnten das Management ergänzen.

BTH Heimtex: Unter den Turbulenzen hat aber auch die Glaubwürdigkeit von Management und VR gelitten. Ist sie wieder in Stand gesetzt?

Schneider: Die Glaubwürdigkeit des neuen VR stand nie zur Debatte, er besteht aus qualifizierten Persönlichkeiten. Zum alten Gremium will ich mich nicht äußern. Wenn ich auf die Meinung von Analysten und Aktionäre abstelle, dürfte der Imageschaden heute zum großen Teil behoben sein.

BTH Heimtex: Die lange Dauer des Auktionsverfahrens war der Grund dafür, dass Sie damals ausgeschieden sind. Weshalb hat sich der alte VR so intensiv für dieses Verfahren und das Angebot von CVC eingesetzt?

Schneider: Unter dem alten Verwaltungsrat ist der Gewinn von 90 Mio. CHF im Jahr 2000 auf 16 Mio. CHF im Jahr 2003 gesunken - im letzten Jahr rutschte Forbo sogar in die roten Zahlen. Für den alten VR wäre die Übernahme von Forbo durch CVC eine komfortable Lösung gewesen.

BTH Heimtex: Haben Sie die vom alten VR gesprochene Entschädigung von 800.000 CHF an CVC bestritten oder nicht?

Schneider: Der alte Verwaltungsrat hat ja gegen meine Stimme entschieden, diesen Betrag zu bezahlen. Rechtlich hatte er die Kompetenz dazu. Deshalb hat der neue VR die Zahlung nicht bestritten.

BTH Heimtex: Was waren die Ursachen für den erwähnten Krebsgang von Forbo?

Schneider: Es ist nicht an mir, darüber zu urteilen. Ich werde nicht an der Analyse der Vergangenheit gemessen, sondern daran, was Forbo in Zukunft leistet.

BTH Heimtex: Aber aus Fehlern lernt man.

Schneider: Das ist richtig. Wir haben unsere Lehren gezogen. Es braucht eine klare Strategie, die konsequent umgesetzt wird. Ob wir die richtigen Schlüsse gezogen haben, wird sich in zwei bis drei Jahren am Erfolg der Forbo zeigen.

BTH Heimtex: Was haben Sie als Erstes unternommen, als Sie zu Forbo zurückgekehrt sind?

Schneider: Ich habe mit den Mitarbeitern gesprochen und versucht aufzuzeigen, in welche Richtung es gehen wird. Danach haben VR und Management die Strategie überprüft und weitgehend bestätigt. Jetzt befinden wir uns im Stadium der Umsetzung. Parallel dazu laufen mit hoher Intensität unsere Restrukturierungsprojekte.

BTH Heimtex: Wo steht das Unternehmen heute?

Schneider: In den vergangenen sieben Monaten ist sehr viel gearbeitet worden. Der Zustand ist heute wesentlich stabiler und besser. Das Management ist wieder vollständig. Wir haben vieles realisiert und in den Restrukturierungsprojekten erste Erfolge verbucht, die uns zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

BTH Heimtex: Welches sind die wichtigsten Baustellen in den drei Geschäftsbereichen?

Schneider: Im größten Bereich, in den Bodenbelägen, haben wir vor zwei Monaten die Produktionsstätte (für CV. Die Red.) im schottischen Nairn geschlossen.

In unseren holländischen Werken haben wir ein Prozessoptimierungsprogramm umgesetzt und die Führung gestrafft. Überdies haben wir das Sortiment der Vinylbeläge über 20% reduziert. Dadurch konnte die Ertragssituation verbessert werden.

Im Linoleum haben wir ein neues Produkt für den Oberflächenschutz lanciert und die Kollektion mit Marmoleum Global 2 erneuert. Im nächsten Schritt müssen wir das Produktsortiment gezielt erweitern, es fehlen uns unter anderem homogene Vinylbeläge.

BTH Heimtex: Die Bodenbeläge werden ausschließlich an sogenannten teuren Standorten produziert. Ist die Verlagerung an Billigstandorte ein Thema?

Schneider: Es trifft zu, dass wir an teuren Standorten sind. Sie sind derzeit aber nicht ausgelastet, und da ist es nicht sinnvoll, andernorts neue Kapazitäten zu erstellen. Wenn zusätzliche Kapazitäten gefragt sind, werden wir wohl in günstigere Länder, vorab nach Osteuropa oder Asien, gehen. Das ist derzeit aber kein Thema.

BTH Heimtex: Bleibt das Klebstoffgeschäft der Wachstumstreiber?

Schneider: Ja, im Klebstoffgeschäft sind die Baustellen weniger auf Restrukturierung ausgelegt als vielmehr auf die Schaffung von Wachstum. Wir werden im Bereich der synthetischen Polymere in den USA eine größere Investition durchführen. Wir wollen den Standort südlich von Chicago ausbauen und für rund 20 Mio. CHF einen dritten Reaktor bauen. In Russland planen wir den Bau einer Fabrik für Bauklebstoffe, auch das ist eine Investition im Umfang mehrerer Millionen Franken. In den USA sind wir eine Kooperation im Bereich von Pack tapes für die Verpackungsindustrie eingegangen. In China sind wir dabei, eine industrielle Plattform zu etablieren.

BTH Heimtex: Der Klebstoffbereich ist in sich selbst breit diversifiziert. Steht eine Konzentration zur Debatte?

Schneider: Wir sind im Klebstoffbereich breit diversifiziert, das trifft zu. Das hat damit zu tun, dass wir in der jüngsten Vergangenheit in diesem Bereich viel akquiriert haben. Wir müssen das Sortiment reduzieren und wollen uns auf die Kernsortimente konzentrieren. Wir sind noch zu stark in den Massenprodukten vertreten. In den letzten Monaten waren wir im Klebstoffbereich für unsere Rohstoffe mit Preiserhöhungen von teilweise über 30% konfrontiert, die im Wesentlichen auf das teure Rohöl zurückgehen. Im Massengeschäft ist es oft nicht möglich, die Erhöhungen auf die Verkaufspreise überzuwälzen. Das wird Spuren in der Ertragsrechnung dieses Bereichs hinterlassen. In Nischenprodukten ist es einfacher, die Preise anzupassen.

BTH Heimtex: Was wird wegfallen?

Schneider: Wir wollen uns auf hochwertige Produkte konzentriern. Wegfallen werden vorwiegend wasserlösliche Klebstoffe, die ohne besonderes Know-How hergestellt werden können.

BTH Heimtex: In der Sparte Kunststoffbänder steht der Turnaround zur Debatte.

Schneider: In diesem Bereich wurde seit fünf Jahren Wert vernichtet. Es gibt nun jedoch erste Anzeichen, das wir die Talsohle erreicht haben. Wir sollten den Turnaround im laufenden Jahr schaffen. Das Resultat wird besser sein als im Vorjahr, ist damit aber noch nicht gut. Wir wollen rasch eine vernünftige Rentabilität erzielen. Ich bin überzeugt, dass uns das gelingen wird.

BTH Heimtex: Warum sind die Kunststoffbänder seit der Übernahme Mitte der Neunziger Jahre nie richtig vom Fleck gekommen?

Schneider: Wir sind weltweit immerhin die Nummer Zwei. Unser Marktanteil an Transportbändern mit tiefen Margen ist noch zu hoch. Wir sind dabei, den Anteil hochwertiger Antriebsriemen weiter zu steigern. Damit und durch gezielte Kostensenkungen soll die Rentabilität verbessert werden.


BTH Heimtex: Werden Sie neue Kapazitäten erstellen?

Schneider: Nein, die Kapazitäten sind ausreichend. Mit den Kunststoffbändern sind wir global aufgestellt. Wir verfügen über Werke in China, Japan, Brasilien, den USA, Deutschland und der Schweiz.

BTH Heimtex: Sie haben für das laufende Jahr noch einmal 40 Mio. CHF an Restrukturierungskosten zurückgestellt. Wird das für alle Baustellen ausreichen?

Schneider: Wir haben im letzten Jahr einen Bedarf von rund 200 Mio. CHF angekündigt. Ein beträchtlicher Teil davon wurde benötigt, um die Altlasten zu bereinigen. Der Rechnung 2004 wurden 160 Mio. CHF belastet, dem laufenden Jahr 40 Mio. CHF. Wir gehen davon aus, dass wir diese Rückstellungen nicht überschreiten werden.

BTH Heimtex: Welche neuen Märkte stehen für Sie im Vordergrund?

Schneider: Im Klebstoffbereich Asien. Unsere Kunden verlegen ihre Produktionsstätten vermehrt in diese Region. Wir können Asien nicht effizient aus Europa oder den USA beliefern, da sind wir zu weit weg. Wir werden alles daran setzen, in nützlicher Frist in Asien eine Produktionsplattform auch für Klebstoffe zu haben.

BTH Heimtex: Favorisieren Sie einen Neubau auf der grünen Wiese oder eine Akquisition?

Schneider: Wir prüfen beide Varianten. Eine Akquisition hat den Vorteil, dass Infrastruktur, Personal und Kunden schon vorhanden sind, birgt aber auch gewisse Risiken.

BTH Heimtex: Sie wollen expandieren und ausbauen. Verfügt Forbo über die dafür notwendige finanzielle Kraft?

Schneider: Wir konnten die Nettoverschuldung im laufenden Jahr weiter reduzieren. Ende 2004 betrug sie 130 Mio. CHF. Sie sollte sich zum Jahresende 2005 auf noch rund 100 Mio. CHF belaufen. Wir verfügen derzeit über rund 300 Mio. CHF Barmittel, die wir für Akquisitionen oder die Schuldenrückzahlung einsetzen können.

BTH Heimtex: Wie ist der Stand in Bezug auf das Private Placement in den USA? Steht eine vorzeitige Rückzahlung zur Debatte?

Schneider: Nein, die Kosten dafür wären zum jetzigen Zeitpunkt hoch, es wird normal weitergeführt. Die Probleme mit den Bedingungen sind gelöst. Wir hatten im vergangenen Jahr Schwierigkeiten, die Anforderung für das minimal notwendige Eigenkapital zu erfüllen. Mit der Kapitalerhöhung vom vergangenen Dezember konnten wir dieses Problem lösen. Damit werden nun alle Anforderungen wieder eingehalten. So lange wir erfolgreich sind und das Eigenkapital mit dem erarbeiteten Gewinn aufstocken können, stellt sich das Problem nicht mehr.

BTH Heimtex: Schreibt der Konzern im laufenden Jahr wieder schwarze Zahlen?

Schneider: Im ersten Semester haben wir einen Verlust von 6 Mio. CHF ausgewiesen. Das zweite Halbjahr ist für uns tendenziell eher etwas schlechter , August und Dezember sind nicht sehr verkaufsstark. Allerdings gehe ich für das laufende Jahr davon aus, dass sich erste Früchte der Restrukturierung zeigen. Das zweite Semester wird daher etwas besser als üblich ausfallen, ob es aber für schwarze Zahlen reicht, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

BTH Heimtex: Und im kommenden Jahr?

Schneider: Wir streben für 2007 eine operative Marge von 6 bis 7% an. Im Jahr 2006 wollen wir wieder schwarze Zahlen schreiben. Wir werden den Turnaround dieses Jahr schaffen und im nächsten Jahr bestätigen.

BTH Heimtex: Das Aktionariat von Forbo hat sich grundlegend verändert, und der VR wurde weitgehend neu gebildet. Wie sieht die Zusammenarbeit in diesem Gremium aus, dem Sie als Delegierter ja auch angehören?

Schneider: Es handelt sich bei allen Mitgliedern des Verwaltungsrats um erfolgreiche und gut qualifizierte Persönlichkeiten, die alle Gebiete abdecken und mich unterstützen können. Michael Pieper, der rund ein Viertel der Aktien hält, beansprucht keine Sonderstellung. Zusammen mit dem Präsidenten ist er jedoch für mich ein wichtiger Ansprechpartner.

BTH Heimtex: Wie weit macht sich die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Tweedy, Browne als Aktionär bemerkbar?

Schneider: Wir haben guten Kontakt zu diesem langjährigen Aktionär und wissen ungefähr, was er denkt. Er nimmt jedoch keinen Einfluss auf das operative Geschäft. Soweit ich das beurteilen kann, steht Tweedy, Browne hinter unserer Strategie wie auch hinter dem VR und dem Management.

BTH Heimtex: Wie sieht Ihre mittel- und längerfristige Vision von Forbo aus, halten Sie an der Struktur mit den drei Divisionen fest?

Schneider: Im Bodenbelagsgeschäft sind Weltmarktführer im Linoleum. Diese Position wollen wir ausbauen. In Westeuropa findet für die Vinylbeläge eine Konsolidierung statt, daran wollen wir aktiv teil nehmen. Kooperationen, aber auch Akquisitionen sind möglich. Im Bereich Klebstoffe sind wir in den industriellen Klebstoffen weltweit die Nummer Zehn.

Hier wollen wir unsere Position durch den Eintritt in neue Märkte stärken und uns durch eine klare Focussierung auf ausgewählte Marktsegmente weiter verbessern. In den Kunststoffbändern sind wir weltweit die Nummer Zwei.

Wir wollen mit neuen, innovativen Bändern unseren Kunden Lösungen und Dienstleistungspakete anbieten. Forbo besteht aus drei unterschiedlichen Bereichen, die alle über großes Potenzial verfügen. Verwaltungsrat und Management sind der Meinung, dass wir sowohl personell als auch finanziell in der Lage sind, diees Potenzial weiter auszuschöpfen.

BTH Heimtex: Welche Dimension wird Forbo mittelfristig aufweisen?

Schneider: Wir wollen in einem globalen Markt gut positioniert sein, dafür braucht es eine gewisse Größe. Größe allein ist jedoch nicht das Ziel, eine gute und dauerhafte Profitabilität ist uns wichtiger. Unsere Absicht ist es, in den nächsten Jahren von einem Umsatz von heute rund 1,6 Mrd. CHF auf über 2 Mrd. CHF zu kommen.

BTH Heimtex: Was heißt profitabel? Welche Margen schweben Ihnen vor?

Schneider: Heute erarbeiten wir eine Ebit-Marge von 3,6 bis 3,7%. Unser Ziel ist, im Jahr 2007 einen Wert von rund 7% zu schaffen, also fast eine Verdoppelung.

BTH Heimtex: Der Aktienkurs steigt seit Juni kontinuierlich und liegt über dem von CVC gebotenen Preis. Was steckt dahinter?

Schneider: Nach dem Scheitern des Angebots war der Kurs vorübergehend auf rund 230 CHF gesunken. Mittlerweile glauben die Anleger offenbar wieder, dass Verwaltungsrat und Management in der Lage sind, die Restrukturierung erfolgreich durchzuziehen. Das Vertrauen in Forbo scheint zurückzukehren.

BTH Heimtex: Sind Ihre Rentabilitätsvorstellungen im Kurs schon vorweggenommen oder wird er noch weiter anziehen?

Schneider: Ich spekuliere nicht über Börsenkurse. Mein Auftrag ist, den Wert des Unternehmens auf Dauer zu steigern. Wenn ein Aktionär das attraktiv findet, freut es mich.

aus BTH Heimtex 11/05 (Wirtschaft)