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Interview mit Wilhelm Hachtel von MHZ zum 75jähhrigen Firmenjubiläum

"Wir setzen auf Nachhaltigkeit"

Die vergangenen Jahre waren bei Sonnenschutz-Hersteller MHZ Hachtel von entscheidenden Umstrukturierungsmaßnahmen geprägt, um das Familienunternehmen fit für die Zukunft zu machen. Über die Neuorganisation des Innendienst-Service und das neue Logistik-Konzept, über Produkt- und Preispolitik sowie Zukunftsperspektiven unterhielt sich BTH Heimtex-Redakteurin Petra Lepp-Arnold mit dem geschäftsführenden Gesellschafter Wilhelm Hachtel.

BTH Heimtex: Herr Hachtel, ein rundes Firmenjubiläum gibt immer Anlass, Bilanz zu ziehen. In einem früheren Interview mit BTH Heimtex im Dezember 1998 hatten Sie bereits angekündigt, dass Sie Ihr Unternehmen zentralisieren, regionalisieren und umstrukturieren werden. Dieses Vorhaben ist jetzt offenbar im Großen und Ganzen abgeschlossen. Wie steht MHZ heute da?

Wilhelm Hachtel: In der Tat, wir haben drei riesige Projekte hinter uns. Das erste Projekt war die Integration des Markisen-Geschäfts.

Unser zweites großes Projekt war die Umstellung der EDV-Landschaft auf SAP.

Das dritte große Projekt war die Zentralisierung der Verwaltungs- und Fertigungsprozesse, mit dem Ziel, die Serviceleistung für unsere Kunden zu verbessern. Um die Dienstleistungsqualität und die Verfügbarkeit der Dienstleistung an einer Stelle kontrollieren zu können, haben wir unsere gesamte Regionalstruktur liquidiert. Alle 12 regionalen Verkaufsbüros wurden aufgegeben, um in der Verwaltungszentrale Musberg mit mehr Personal eine breitere Erreichbarkeit aufbauen zu können. Das neue Konzept greift seit 18 Monaten mit hervorragendem Ergebnis, was die Kundenzufriedenheit anbelangt. Inzwischen liegen wir bei einer telefonischen Erreichbarkeit von 98% binnen 15 Sekunden. Das heißt, es gibt keine Wartezeiten mehr. Die Hälfte unserer Service-Mitarbeiter kommt aus dem Raumausstatter-Handwerk und hat also selbst einmal auf der anderen Seite des Telefons Dienst getan. Parallel zur stationären Beratung betreiben wir europaweit einen mobilen Außendienst mit 130 Leuten, davon sind 80 Mitarbeiter in Deutschland aktiv.

BTH Heimtex: Ihre Umstrukturierungsmaßnahmen sind auch optisch sichtbar geworden. Im MHZ Hauptwerk in Musberg wurden Innenräume komplett umgestaltet und aufwändig renoviert...

Hachtel: Wir haben die gesamte Konzernverwaltung in Musberg auf 3.600 qm Bürofläche zusammengezogen. Wo früher Holzschienen gefertigt und konfektioniert wurden, befinden sich jetzt Büroräume. Für die Innendienst-Auftragsannahme wurden unter dem Dach insgesamt drei Großraumbüros eingerichtet. Wir haben Kommunikationsknoten mit Zentraldrucker, Fax-Geräten und Digi-Sender geschaffen, sowie gemeinsame Essplätze. Dadurch ist bei uns im Büroflur permanent Bewegung.

Die Mitarbeiter reden miteinander, tauschen sich aus - was die Kreativität fördert und neue Impulse gibt. Mit über 1000 Angestellten sind wir ein Unternehmen in einer Größenordnung geworden, wo wir Gefahr liefen, in strukturierten Prozessen doch etwas von unserer Kreativität und Kommunikation zu verlieren. Das haben wir jetzt ganz gut abgefangen.

Freundlichkeit und Konsequenz, Persönlichkeit, Nahbarkeit. Diese Eigenschaften sind heute nicht mehr wegzudenken, wenn man in einem Spektrum von Produktqualität und -preisen operiert, wie MHZ es tut. Bei Mc Donalds akzeptiere ich eine nicht persönliche Beziehung, wenn der Hamburger herüber gereicht wird. Wenn ich aber ein hochwertiges Restaurant besuche, möchte ich adäquat begrüßt und bedient werden.

BTH Heimtex: Über die Zentralisierung der Verwaltung haben wir bereits gesprochen. Sie haben aber auch ihre gesamte Logistik umgestellt. Wie ist jetzt der Lieferprozess organisiert?

Hachtel: Wir haben früher alle Bestellungen mit eigenem Fuhrpark ausgeliefert und sind mit 200 Fahrzeugen zwei mal in der Woche durch die ganze Bundesrepublik gefahren. Während Langgut-Bestellungen schneller und sicherer beim Kunden ankamen, waren wir bei paketdienstfähigen Lieferungen langsamer als der Wettbewerb. So haben wir uns zu dem relativ rigorosen Schritt entschieden, diese Bestellungen per Paketdienst zuzustellen. Für die Auslieferung unserer Langgutpakete unterhalten wir immer noch 30 eigene Fahrzeuge, die einmal die Woche das sehr kritische Gut transportieren.

Natürlich waren unsere Kunden durch den zweitägigen Turnus verwöhnt - aber ökologisch gesehen ist es relativ schwer argumentierbar, dass man Produkte wie Vorhangschienen im Tagesrhythmus transportiert und dabei wirklich auch große Mengen Energie verbraucht. Dennoch:


85% der Pakete kommen heute durchschnittlich 3 Tage früher an als in der Vergangenheit. Und nur 15% der Pakete kommen durchschnittlich 2,5 Tage später an als früher.

BTH Heimtex: Kommen wir zur Produktpolitik. Nach welchen Kriterien werden Sonnenschutz-Systeme und Dekotechnik-Artikel bei MHZ hergestellt? Welche Rolle spielt das Produktdesign?

Hachtel: Wir setzen auf Nachhaltigkeit. Es gilt für uns, ein Produkt so zu machen, dass es nicht ein natürliches Ende aus mangelnder Qualität findet. Wir müssen bei den Halbfabrikaten die besten Materialien zum Einsatz bringen. Man kann Anzüge von der Stange kaufen und man kann Maßanzüge kaufen - aber niemals wird jemand auf die Idee kommen, einen Maßanzug aus einem schlechten Stoff zu machen. Um ein Beispiel zu nennen: Bei Kunststoffelementen für Schnurbremsen wird bei uns ein Material eingesetzt, das hoch abriebbeständig ist. Dieses Material kostet 19,70 Euro pro Kilogramm. Im Vergleich dazu ist dieselbe Menge Polystorol bereits für 80 Cent zu haben. Der Kunde sieht das im ersten Jahr nicht. Aber wenn er merkt, dass nach 20 Jahren die Schnurbremse immer noch hält, dann liegt darin der Qualitätsunterschied.

Bei den Komponenten konzentriert sich MHZ vorwiegend auf eigene Entwicklungen und Patente. Lizenzprodukte bringen nicht den nachhaltigen Ertrag für uns. Wir haben ein eigenständiges Vorhangstangen- und Schienen-Programm, eine eigene Flächenvorhangtechnik ebenso wie eigenständige Markisen, Horizontaljalousien-, Rollo- und Raffrollo-Systeme. Viele Komponenten des Plisseesystems sind Eigenentwicklungen. Nur bei Vertikallamellen konfektionieren wir das System von Benthin.

Beim Produktdesign verfolgen wir die Devise: Form follows Function - und das in handwerklich hoher Qualität. Es darf durchaus eine ästhetische Aussage drin sein, aber die geht eher auf die Otl Aicher-Schule zurück, Stichwort "Reduktion".

Momentan erleben wir, dass Firmen für Design gelobt werden, das weniger im Produkt steckt, als in der Art der Präsentation.

BTH Heimtex: Stichwort Preisgestaltung. Manche Wettbewerber fahren zweigleisig im Vertrieb mit Maß-Sortiment und SB-Programm. Denken Sie auch über so etwas nach.

Hachtel: Nein, wir haben die Preisstaffelung im Konfektionssortiment. Wir wenden uns an gutverdienende Verbraucher und sind bewusst nicht in den Baumarkt eingestiegen und es gibt keinen strategischen Plan, es zu tun. Wenn man in den SB-Markt einsteigen will, muss man Importware beziehen, um wettbewerbsfähig zu sein.

Unser Ziel ist es jedoch, hohe Qualität im oberen Preissegment zu liefern. Der neue BBE-Branchenreport Dekorativer und technischer Sonnenschutz belegt, dass unsere Strategie nicht schlecht ist. Vom Volumen her läuft der größere Teil der Absatzmengen über den Baumarkt und SB-Kanäle. Aber die Umsätze sind im Fachhandel und in Fachmärkten signifikant höher.

BTH Heimtex: 75 Jahre Wegstrecke hat MHZ jetzt hinter sich. Wie beurteilen Sie die Zukunftsperspektiven Ihres Unternehmens?

Hachtel: Unsere Zukunftsperspektive hängt an der Perspektive des Raumausstattermarktes. Dort erleben wir momentan eine Spaltung. Auf der einen Seite sind Raumausstatter in einem Alter und ohne Nachfolger, die erkennen, dass jegliche Investition, die sie jetzt tätigen, nicht refinanziert wird, in der kurzen Zeit, die sie noch arbeiten werden. Da liegen etwa 25 % des Marktpotenzials. Auf der anderen Seite gibt es hochkarätige Fachhändler, die extrem offensiv mit einer hervorragenden Ladengestaltung operieren, ihr persönliches Management umgestellt haben und systematische Kontakt- und Kundenpflege betreiben. Um Umsätze zu erreichen, wie wir sie heute in solchen Fachgeschäften erzielen, haben wir früher 10 bis 12 Kunden gebraucht. Der Raumausstatter im positiven Sinne des Wortes entwickelt sich zum Lebensraum-Berater, der die Konsumenten mit qualifizierten Marken und hoher persönlicher Kompetenz betreut.

aus BTH Heimtex 12/05 (Wirtschaft)