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Interview mit dem neu gewählten Bundesinnungsmeister Joachim Barth, Berlin

"Keine Angst vor klaren Worten"

Die Mitgliederversammlung und das 25-Jahr-Jubiläum der Holzpflastergruppe in Travemünde boten für den neu formierte Vorstand des Zentralverbandes und einen großer Kreis von Innungsmitgliedern aus ganz Deutschland beste Gelegenheit, wechselseitig "Witterung aufzunehmen". Die durchweg entspannte Atmosphäre kommentierte Bundesinnungsmeister Joachim Barth: "Ich hatte Lampenfieber. Jetzt bin ich glücklich. Der gesamte Vorstand zieht an einem Strang." Im Interview machte Barth deutlich, dass man entschlossen sei, die Dinge schnell anzupacken: "Vieles muß straffer und effektiver werden."

Parkett Magazin: Der neue Vorstand hat sich viel vorgenommen. Aber wenn Verbandsarbeit effektiv sein soll, braucht sie den Rückhalt in möglichst hohen Mitgliederzahlen und den entsprechenden Einnahmen. In der letzten Zeit waren die Mitgliederzahlen in den Innungen jedoch rückläufig. Was ist zu tun?

Joachim Barth: Wir erleben einerseits, dass viele junge Handwerker bei der Überlegung, ob sie Innungsmitglied werden, eine kritische Kosten/Nutzen-Abwägung vornehmen. Die Frage "Was bringt es mir?" ist durchaus berechtigt. Dass in fast allen Innungen Parkett- und Fußbodentechnik ein Mitgliederverlust zu verzeichnen ist, hat altersbedingte Gründe, wenn ein Unternehmen aufgegeben wird, weil kein Nachfolger da ist, vor allem aber hängt dies auch mit der angespannten Wirtschaftslage zusammen. Die Wettbewerbsbedingungen werden immer rüder, die Margen immer kleiner, es bleibt nicht viel hängen. Die Mitgliedsbeiträge schrecken da manchen ebenso ab wie die mit der Mitgliedschaft zwangsläufig verbundene Tarifbindung, falls der Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert ist. Oberstes Ziel muss sein, die Vorteile der Innungsmitgliedschaft zu verstärken. Die Frage nach der Beitragshöhe wird umso unbedeutender, desto attraktiver das gesamte Spektrum der Leistungsangebote ausfällt.

Wir sind für Raumausstatter und Maler plötzlich attraktiv, weil wir schon in der Vergangenheit viel für die Bodenleger getan haben und Vorteile bieten, die jetzt - nach der Anerkennung der Bodenleger als Ausbildungsberuf - erst richtig sichtbar werden. Nun müssen wir auf dem eingeschlagenen Weg weitergehen und ihn konsequent weiter ausbauen. Wichtig ist vor allem, dass wir das Berufsbild des Bodenlegers und die Ausbildung optimieren. Bei der Mitgliederversammlung in Bad Honnef wird das ein zentrales Thema sein.

Parkett Magazin: Offenbar kommt auch wieder Bewegung in den Dialog mit anderen Verbänden. Bei der Jahresversammlung der deutschen Parkettindustrie in Würzburg haben Sie in einem Grußwort Gesprächs- und Kooperationbsbereitschaft signalisiert. Wo setzt der Zentralverband Schwerpunkte?

Barth: Seit der Schaffung des Ausbildungsberufes Bodenleger sind wir als Gesprächspartner großer, gewichtiger Verbände gesucht, und wir bieten uns auch selber an - auch wenn das eine gefährliche Gratwanderung sein kann. Selbst wenn wir es wollten - bestimmte Entwicklungen sind nicht aufzuhalten. Aber wir können sie beeinflussen. Uns geht es um Zusammenarbeit dort, wo es Berührungspunkte gibt. Jedoch wollen wir unsere Eigenständigkeit erhalten ebenso wie andere Verbände sie behalten sollen. Persönliche Kontakte können nur Anstöße geben; der Erfolg stellt sich erst bei intensiver Zusammenarbeit ein. Die Arbeit muß zu konkreten, der Sache dienenden Ergebnissen führen. Nur so werden Betonköpfe, die es leider überall gibt, überzeugt.

Parkett Magazin: Haben Sie den Eindruck, dass der neue Zentralverbandsvorstand viele Widerstände zu überwinden hat?

Joachim Barth: Die Stimmung nach der Neuwahl ist allgemein positiv und erwartungsvoll. Wir wollen sie nutzen, um die "Etablierten" davon zu überzeugen, dass die junge Generation eine Mitwirkungschance bekommen muß. Die Innungen sind gefordert. Ich würde nicht davor zurückschrecken, mit einem Obermeister, an dem der Nachwuchs ständig "abprallt", ein klares Wort zu sprechen. Wenn wir in den Innungen eine Familie sind, müssen wir uns - wenn nötig - "en famille" auch fetzen können. In Berlin haben wir seinerzeit die Vorstandsarbeit der Innung ganz bewußt für den Nachwuchs geöffnet - mit dem Ergebnis, dass drei junge Meister in absehbarer Zeit leitende Funktionen in der Innung Nordost übernehmen werden. Auch im Vorstand des Zentralverbandes öffnen wir uns, indem sich jeder Ressortleiter seine Zuarbeiter sucht. Diese "zweite Reihe" ziehen wir uns heran; daraus lassen sich dann Besetzungen für die erste Reihe rekrutieren.

Was für den Nachwuchs und für die Innungs- und Verbandsarbeit gilt, gilt im übrigen auch für den Sachverständigen-Nachwuchs. Wenn erkennbar wird, dass persönlich und fachlich geeignete Bewerber trotz Bedarfs abgeblockt werden, weil sich "Etablierte" ihre Pfründe sichern wollen, wird der Zentralverband - falls erforderlich - "ein ernstes Wort" reden müssen.

Parkett Magazin: Die Arbeit des Zentralverbandes, so haben Sie angekündigt, soll auch darauf ausgerichtet werden, mit weniger Aufwand mehr Effektivität zu erzielen. Um welche Veränderungen geht es konkret?

Joachim Barth: Beispielsweise lassen sich Veranstaltungen gut zusammenlegen. Das ist schon praktiziert worden. In Heidelberg wurden Mitgliederversammlung und Restauratorentreffen kombiniert - mit gutem Erfolg. Auch die Mitgliederversammlung und die Jubiläumsfeier der Holzpflastergruppe in Travemünde werteten sich gegenseitig auf. Es wäre in Zukunft denkbar, dass innerhalb einer Doppel-Veranstaltung die Vortragsangebote räumlich, zeitlich und hinsichtlich der Referenten so organisiert werden, dass jeder Teilnehmer sein Interessengebiet bedienen kann.

Parkett Magazin: Der Teilnehmerkreis wäre dann zwangsläufig größer, und damit würde es erforderlich, in großen Hotels zu tagen. Aber bei vielen Mitgliedern ist herauszuhören, dass es "nicht immer die teuren Kästen" sein müssen. Denkt der Verband auch hier an Kosteneinsparungen?

ZVPF Zentralverband Parkett und Fußbodentechnik e.V., BIV Parkettlegerhandwerk und Bodenlegergewerbe
Bundesinnungsmeister Joachim Barth

Joachim Barth: Hotels mit großen Kapazitäten müssen nicht unbedingt "teure Kästen" sein. Aber grundsätzlich ist das seit langem ein Thema, das wir jetzt entschlossen angehen. Erstmals bei der Sachverständigentagung in Feuchtwangen durchbrechen wir die bisherige Praxis. Veranstaltungsort und Übernachtungsort sind dezentralisiert, die Teilnehmer können zwischen verschiedenen Mittelklassehotels wählen. Weil für dieses Jahr viele Buchungen aber bereits verbindlich sind, wird sich das neue Konzept erst 2003 voll auswirken.

Parkett Magazin: Sie haben bereits häufig, lange vor ihrer Wahl zum Bundesinnungsmeister, dafür plädiert, dass sich das Handwerk im politischen Umfeld mehr Gehör und mehr Gewicht verschaffen muß. Indirekt ist das Kritik am ZDH, der das ihrer Meinung nach offenbar versäumt hat. Wollen Sie ihre Position in erster Linie für Lobbyarbeit nutzen?

Joachim Barth: Das Handwerk muß eine Lobby haben. Die zu schaffen, ist eine vordringliche Aufgabe, bevor noch mehr Betriebe zugrunde gehen. Es ist durchaus möglich, etwas zu tun. Ein Musterbeispiel ist Obermeister Jürgen Schmudlach, der Druck gemacht und "seine" Hamburger Handwerkskammer "auf Vordermann" gebracht hat. Der Handwerker muß stärker Einfluß nehmen. In diesem Sinne werde ich den Zugang zu bestimmten Veranstaltungen nutzen und - wenn nötig - die direkte Konfrontation mit ZDH-Präsident Philipp auch nicht scheuen.

Insgesamt ist das eine Frage der Zivilcourage, die vom Handwerker von seinen Organisationen auf allen Ebenen einzufordern ist. Damit handelt man sich gelegentlich den Vorwurf ein, nationalisitsch zu sein. Das ist ein Argument, das schnell mundtot macht und jede weitere Diskussion unterbindet. Aber es ist nun einmal die ureigenste Aufgabe eines Präsidenten oder Vorsitzenden, sich für seinen Verband und die Belange seiner Mitglieder, die er vertritt, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln einzusetzen.

Parkett Magazin: Lobbyarbeit ist gut. Wenn sie Erfolg hat, muß sich das Handwerk dem gewachsen zeigen.

Joachim Barth: Wir müssen zwischen der Handwerkspolitik im allgemeinen und der fachbezogenen Verbandspolitik unterscheiden. In der allgemeinen Handwerkspolitik stellen 860.000 Handwerksbetriebe in Deutschland eine Wirtschaftsmacht und zusammen mit Angehörigen und Nahestehenden ein gewaltiges Wählerpotential dar. Warum wird dieses Potential nicht vom ZDH in die politische Waagschale geworfen?

Bezüglich der fachbezogenen Verbandspolitik, ist die Qualitätssicherung ein ungeheuer wichtiges Thema. Seit 1997 liegt beim Zentralverband ein Papier in der Schublade, das sich als unverändert aktuell erweist. Qualitätssicherung muß bei den Herstellern anfangen; denn mängelbehaftetes Parkett aus Massenproduktion kann durch das Handwerk nicht besser gemacht werden. Das Handwerk seinerseits wird sich in Anlehnung an die Zertifizierung nach ISO 9000 orientieren müssen. Das Zertifikat ist nicht das Wichtigste; der Weg ist das Ziel. Der Zentralverband muß daran mitwirken, dass der Meisterbetrieb-Nimbus beim Verbraucher gestärkt wird. Der Kunde muß überzeugt sein, dass sich Qualität für ihn auszahlt. Die Restauratoren sind da auf dem richtigen Weg. Der kenntnisreiche und erfahrene, kurz: der klassische qualitätsbewußte Parkettleger, ist heute vielfach bei den Restauratoren zu finden.

Eine gute Hilfe auf dem Weg zu mehr Qualität kann auch die gerade fertig gestellte ôkobilanz für Parkett und Holzfußböden leisten. Der darauf aufzubauenden Werbung, an der sich sicherlich auch der Zentralverband Parkett- und Fußbodentechnik beteiligen wird, muß es gelingen, ohne detailliertes Eingehen auf Einzelaspekte beim Endverbraucher Vertrauen und Sympathie zu wecken. Dann wird die Ökobilanz in ihrer Wirkung auf den Verbraucher mehr leisten können als manche teure Werbung. Das Handwerk ist allerdings nicht davon entbunden, sich selbstkritisch der Lösemittelproblematik zu stellen.

Parkett Magazin: Einmal haben Sie ihre Bewerbung um das Amt des Bundesinnungsmeisters zurückgezogen. Dann wurden aus der Innung Nordost deutliche Wünsche artikuliert. Brauchten Sie diese "Hausmacht", um das Amt schließlich doch anzunehmen?

Joachim Barth : Nein, diese "Hausmacht" brauchte ich nicht. Was ich brauchte, waren der Zuspruch und die Zusage der Verbandskollegen, mit mir die Geschicke unseres Handwerks zu lenken, und die habe ich erhalten. Und was ich noch brauchte, war eine Mehrheit für mich und meinen Vorstand bei der Wahl. Das Ergebnis war mehr als überzeugend. Jedes der Vorstandsmitglieder gehört zu den derzeit besten Fachkräften in Deutschland und leistet wertvolle Zuarbeit. Das ist eine "Hausmacht", die unser Verband dringend braucht.

aus ParkettMagazin 03/02 (Wirtschaft)