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Lösemittel auf dem Rückzug

Die Zukunft gehört wasserbasierten Produkten


Auch nach Einführung strenger Grenzwerte in der Verordnung über flüchtige organische Stoffe (VOC), zu denen Lösemittel gehören, stehen viele Maler den wasserbasierten Farben, Lacken und Lasuren immer noch skeptisch gegenüber. Dabei hat die Industrie eine Vielzahl umweltfreundlicher wasserlösliche Produkte entwickelt, die sich ebenso leicht verarbeiten lassen wie lösemittelhaltige - und gleichzeitig viel gesünder sind.

Die europäische Verordnung zur Begrenzung der VOC-Emissionen, deren erste Stufe 2007 in Kraft trat, zielt darauf ab, die Bildung des umwelt- und gesundheitsschädlichen troposphärischen Ozons (Sommersmog) zu verringern. Sie hat mit ihren abgesenkten VOC-Grenzwerten dafür gesorgt, dass Hersteller von Farben, Lacken und Lasuren ihre Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen erheblich ausweiteten und zunehmend die gefährlichen Lösemittel substuierten. Diese wurden mehr und mehr durch Wasser verdrängt.

Viele Unternehmen boten sogar bereits vor Inkrafttreten der zweiten Stufe der Verordnung zum 1. Januar 2011 komplett VOC-konforme Anstrich- und Beschichtungsmittel an. Die neuen Produkte überzeugen durch die gleichen Verarbeitungseigenschaften wie die herkömmlichen - vor allem wenn es sich bei Beschichtungen für den Innenbereich handelt. Damit bieten sie dem Maler nicht nur Sicherheit, sondern auch die Möglichkeit, sich beim umweltbewussten Kunden zu profilieren.

Wunsch nach Wohngesundheit

"Die Sensibilisierung für umweltrelevante Themen hat auch Einfluss auf das Verhalten von Maler und Auftraggeber", ist man bei den Meffert Farbwerken sicher. Verbraucher stünden chemischen Gerüchen kritischer gegenüber. Sie wünschten sich Wohngesundheit. Deshalb sei die früher gebräuchliche Verwendung von lösemittelhaltigen Alkydharzlacken heute in sensiblen Bereichen wie Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern ein Ausschlusskriterium. Doch auch im privaten Umfeld steige die Nachfrage nach gesundheitlich unbedenklichen Lacken. Deshalb werde der Einsatz lösemittelhaltiger Produkte im Innenraum in naher Zukunft gegen Null tendieren.

Die Entwicklung wird weiter zu Gunsten von Umwelt und Gesundheit gehen, ist Harald Kranz überzeugt. "In wenigen Jahren werden neue EU-Richtlinien die Verwendung lösemittelhaltiger Lackprodukte weiter einschränken. Schon heute ist man in den Niederlanden nur erfolgreich, wenn man hochwertige wasserbasierte Lackprodukte im Sortiment hat", erläutert der Marketingleiter von Zero-Lack. Das Unternehmen bemüht sich seit Jahren, deutsche Verarbeiter für wässrige Produkte zu sensibilisieren und vermittlt über Seminare das nötige Know how. Aber auch die übrigen Hersteller informieren die Maler über die nötige Vorgehensweise und die zu verwendenden Werkzeuge.

Hochwertige Alternative

Einig ist sich die Industrie darin, dass die innovativen Farben, Lacke und Lasuren eine hochwertige und leicht zu verarbeitende Alternative zu lösemittelhaltigen Produkten sind. Schließlich sei es gelungen, die Umweltvorteile der wasserbasierenden Farben mit der für die Verarbeiter erforderlichen Qualität und Gebrauchstauglichkeit lösemittelhaltiger Produkte zu verbinden. "Seit Jahren investieren wir kontinuierlich in die Entwicklung umweltschonender Produkte", heißt es zum Beispiel bei Brillux.

Wie Meffert betont, hat die Weiterentwicklung gerade der wasserbasierten Lacksysteme in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht, wie sie vor zehn Jahren kaum denkbar gewesen seien. So böten beispielsweise moderne wasserverdünnbare Lacke auf Polyurethan-Alkydbasis Hochglanz, extreme Widerstandsfähigkeit und einen Verlauf, der früher nur bei Kunstharzlacken möglich gewesen sei.

Gelungen ist den Unternehmen der Wandel auf zwei Wegen: Zum einen wurde von lösemittelverdünnten auf wasserverdünnbare Anstrichsmitteln und Lacke umgestellt, zum anderen der Lösemittelanteil in herkömmlichen Produkten minimiert. Wichtig ist dabei, dass sie die VOC-Grenzwerte einhalten.


VOC Gefahr für die Gesundheit


VOC steht als Abkürzung für den englischen Begriff Volatile Organic Compounds. Er bezeichnet die Gruppe der flüchtigen organischen Verbindungen. Zu diesen dampfförmigen Stoffen organischen Ursprungs in der Luft gehören Kohlenwasserstoffe, Alkohole, Aldehyde und organische Säuren. Als VOC treten zudem Lösemittel, Flüssigkeitsbrennstoffe und synthetisch hergestellte Stoffe auf, aber auch organische Verbindungen, die dem biologischen Prozess entspringen. Mögliche VOC-Quellen im Innenraum sind unter anderem Bauprodukte, Farben und Lacke. In großen Mengen weichen VOC in die Umgebungsumluft, wenn Lösemittel verdunsten oder flüssige und pastöse Produkte trocknen.

Lösemittel halten Bindemittel und Pigmente in Lösung und machen den Anstrich damit streich- und sprühfähig. Sie verdunsten nach dem Verarbeiten, der Anstrich wird dadurch fest und trocken. Allerdings gefährden Lösemittel die Gesundheit. Sie gelangen über die Atemluft in die Lunge, wo sie resorbiert und mit dem Blut in die Organe und das Gewebe transportiert werden. Dadurch können sie eine narkoseähnliche Wirkung haben oder Schleimhautreizungen, Schwindel, Übelkeit und Kopfschmerzen auslösen.



Am Beispiel in verschiedenen Farben beschichteten Türen zeigt Brillux, wie vielfältig die wasserlöslichen Lacke sind.
Richard Rüttermann: "Durch die wasserbasierten Produkte hat der Maler eine große Chance, sich als Umweltmaler beim Kunden zu positionieren."

Fünf Fragen an Richard Rüttermann - Leiter Anwendungstechnisches Zentrum Akzo Nobel Deco

"Viele Malerbetriebe haben bereits auf wasserbasierte Produkte umgestellt"


BTH Heimtex: Wie machen sich die Unterschiede von wasser- und lösemittelbasierten Produkten bemerkbar?

Richard Rüttermann: Zwischen wasserbasierten und lösemittelbasierten Lacken gibt es rezepturtechnisch große Unterschiede, zum Beispiel die verschiedenen VOC-Anteile. Aber für Verarbeiter und Endkunden sind diese kaum noch zu erkennen. An der Oberfläche kann beispielsweise der Endkunde keine Unterschiede mehr feststellen. Lösemittelbasierte Lacke haben derzeit einzig noch den Vorteil, dass sie sich bei niedrigen Temperaturen um 0 C und auch im Hochsommer besser verarbeiten lassen. Im Innenbereich aber gibt es keinen Grund mehr, lösemittelhaltige Produkte zu verwenden.

BTH Heimtex: Woran liegts?

Rüttermann: Für den Verarbeiter haben die wasserbasierten Lacke Vorteile wie eine stärkere Oberflächenhärte. Und im Regelfall neigen sie nicht zur Dunkelvergilbung. Außerdem sind sie geruchsarm; das wissen sowohl Verarbeiter als auch Kunden zu schätzen. Weitere Vorteile sind kürzere Trockenzeiten, was ein schnelleres Verarbeiten ermöglicht, sowie die sehr große Farbtonvielfalt in matt, seidenglänzend und hochglänzend.

BTH Heimtex: Welchen Einfluss hat die VOC-Verordnung auf die Produktentwicklung?

Rüttermann: Durch die Vorgaben der VOC-Verordnungen ist die Entwicklung wasserbasierter Produkte so rasant fortgeschritten, dass wir hier mittlerweile Technologieführer sind. Wir konnten die High-Tech-Lacke entwickeln, weil uns heute ganz andere technische Möglichkeiten offen stehen.

BTH Heimtex: Was bedeutet das für den Maler?

Rüttermann: Die Vorteile der wasserbasierten Produkte sind für den Maler eine große Chance, sich als Umweltmaler beim Kunden zu positionieren und zu empfehlen. Selbstverständlich ist es immer schwierig, sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden und zu neuen Produktlinien zu wechseln. Wir stellen im Tagesgeschäft fest, dass - wenn wir wir die Maler umfassend informieren und die anfängliche Hemmschwelle überwunden wird - am Ende des Tages letztlich nur die Qualität der Verarbeitung und die zu erzielenden Ergebnisse zählen. Dieses Leistungspaket überzeugt auch den skeptischen Maler. Nicht umsonst haben bereits viele Betriebe auf wasserbasierte Produkte umgestellt.

BTH Heimtex: Wie gehen Sie damit um, dass Maler sich nur zögerlich umstellen?

Rüttermann: Maler standen wasserbasierten Produkten bis vor kurzem oft kritisch gegenüber: schlechter Verlauf, klebrige Oberflächen und ein zu schnelles Antrocknen erschwerten den Arbeitsalltag. Dies ist dank neuer Technologie Schnee von gestern. Wir setzen auf Überzeugung durch unsere Öffentlichkeitsarbeit und unser breit aufgestelltes Angebot an Schulungen und Seminaren für Maler. Unsere Mitarbeiter sind dafür ausgebildet, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und ihnen den Übergang von lösemittel- zu wasserbasierten Produkten zu vereinfachen.

Insgesamt lautet das Fazit: Maler haben mit wasserbasierten Lacken bei Innenarbeiten ein wesentlich leichteres Arbeitsumfeld, da sie keinen Ärger mit Geruch und langen Trocknungszeiten haben. Außerdem können sie den Kundenwunsch nach umweltverträglicheren Produkten erfüllen ohne Abstriche bei der Qualität machen zu müssen.

aus BTH Heimtex 07/12 (Farben, Lacke)