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Interview mit Martin Gerster

"Wir sind qualitätsbewusst und innovativ, flexibel, wendig und schnell"


BTH Heimtex: Die Textilindustrie, auch die Heimtextilien-Industrie verlagert immer mehr Produktionsteile oder ganze Produktionen ins Ausland. Bei Ihnen ist es umgekehrt: Sie investieren sogar umfangreich in den Standort Deutschland...

Martin Gerster: Ja, das stimmt. Wir haben in die Produktion, die Logistik, den Export und den Vertrieb investiert. In die Produktion fließen jährlich regelmäßig etwa 2 Mio. EUR. 2006 haben wir zwei neue, hochmoderne Stickerei-Maschinen installiert, die nicht nur schneller sind, sondern auch mehr können. Außerdem stehen sechs neue Maschinen in der Breitweberei, die ebenfalls schneller sind, leichter einzurichten und die modernen, feinen Garne besser verarbeiten können. Dann haben wir die Lager erneuert und durchrationalisiert und einen neuen Geschäftszweig eingerichtet: technische Textilien. Das sind Bänder aus Carbon und Glasfaser.

BTH Heimtex: Welche Vorteilen hat der Standort Deutschland für Sie?

Gerster: Zum einen hochqualifizierte, gut ausgebildete Mitarbeiter, zum anderen Lieferzuverlässigkeit, Lieferfähigkeit und Liefergeschwindigkeit. Allerdings schlafen die ausländischen Anbieter auch nicht und verfügen über Maschinen, mit denen sie ebenfalls hochwertige Produkte herstellen können. Gerade die Türken sind nicht zu unterschätzen, während wir gegenüber den Asiaten Vorteile im Design und vor allem in der Qualität und der Lieferfähigkeit haben.

Gewisse Standard-Gewebe bei den Stoffen lassen wir inzwischen auch außerhalb produzieren. Sie hier zu produzieren rechnet sich nicht.

BTH Heimtex: Produzieren Sie auch Eigenkollektionen für große Kunden?

Gerster: Das ist eine Frage der Mindestmenge. Bei Stoffen eigentlich nicht. Wobei natürlich große Kunden ihre Ideen mit einbringen. Bei Posamenten kommt es eher vor, dass wir für Großhändler oder Verleger eine Gesamtkollektion herstellen.

BTH Heimtex: Welche Mindestmengen sind da erforderlich?

Gerster: Das hängt stark von den Artikeln ab. Bei einer Schnur etwa braucht man auf jeden Fall 300 m, bei einer Franse reichen schon 50. Für einen Raffhalter verarbeiten wir 2 m Schnur, also müsste der Kunde 150 Raffhalter abnehmen - und das praktisch in jeder Farbe.

Die Einzelteile werden jeweils hier gefertigt und dann in Polen zusammengesetzt. Die Handposamentiers fertigen alles manuell, können damit natürlich auch kleinere Mengen herstellen, die allerdings dann teurer sind als maschinell hergestellte Großmengen.

BTH Heimtex: Wo liegen auf Produktseite Ihre Stärken? Welche sind Ihre Spezialitäten?


Gerster: Generell bewegen wir uns mit hochwertigen Produkten im gehobenen mittleren Segment. Und dann müssen wir nach Produktgruppen gehen: Bei Posamenten sind wir sicher Marktführer - zumindest hier in Deutschland. Bei Gardinenbändern haben wir zwei etwa gleich große und einige kleinere Mitbewerber, wobei wir uns mit hochwertigen, modischen Artikeln auf den Fachhandel konzentrieren, während andere auch große Konfektionäre bedienen. Und bei Gardinen sind unsere Spezialitäten Stickereien und Webstores, Scherlis und Kaffeehausgardinen, hier vor allem Kaffeehausgardinen mit Stickereien. Gut entwickelt hat sich in den letzten Jahren zudem die Fertiggardine.

BTH Heimtex: Sie halten relativ stabil Ihren Umsatz bei 40 Mio. EUR. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Gerster: Wir sind qualitätsbewusst und innovativ, wendig und schnell und stellen uns flexibel auf die Veränderungen im Markt ein. So gibt es beispielsweise bei Posamenten aufgrund der aktuellen Stoff-Mode mit leichten, feinen Qualitäten wie Organza wenig Absatzmöglichkeiten. Also haben wir uns einerseits mehr auf den Export konzentriert, andererseits mit neuen Quasten mit Organza-Bändern oder den Glasperlen-Haltern Modelle entwickelt, die zu diesen transparenten Stoffen passen.

BTH Heimtex: Welche Länder sind im Export für Sie besonders interessant?

Gerster: Gut entwickelt haben sich die Niederlande, Italien, bis vor anderthalb Jahren auch die USA, außerdem Russland und die GUS-Staaten, allerdings von recht niedrigem Niveau ausgehend. Dann gibt es Länder in denen wir eine ähnliche Marktdurchdringung haben wie in Deutschland, etwa die Schweiz und Österreich.

BTH Heimtex: Und wer sind Ihre Kunden?

Gerster: Wir bedienen den lagerhaltenden Fachhandel im gehobenen Segment. Das schließt sowohl den Raumausstatter ein, der zahlenmäßig mit 95% dominiert, im Umsatz zirka 50% ausmacht, wie auch Möbelhäuser, Fachmärkte und Fachgeschäfte, die die übrigen 50% bringen.

Die klassischen Vertriebsformen wie Warenhäuser sind schon fast vom Markt verschwunden. Auch die Raumausstatter verlieren leider an Bedeutung. Stattdessen kommen die modernen Vertriebsformen wie Möbelhäuser und Fachmärkte, fast alle Filialbetriebe, zum Teil auch Baumärkte. Darauf müssen wir uns einstellen. Gleichzeitig wollen wir auf jeden Fall unseren Maximen treu bleiben: hochwertige Produkte, schnelle Belieferung und eine marktorientierte, modische Kollektion.

aus BTH Heimtex 12/06 (Wirtschaft)