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Eine kleine Orient-Warenkunde

Sind Sie ein Orientteppich-Kenner?


Es ist zwar schön, wenn man auf die Frage "Sind Sie ein Orientteppich-Kenner?"mit "Ja" antworten kann. Doch alles kann niemand wissen. Vieles muss auch der versierte Fachmann nachschlagen. Mit unserem Ratespiel in diesem Heft möchten wir Ihnen Fachwissen auf eine unterhaltsame Weise vermitteln: Die ausführliche Auflösung der Fragen folgt gleich in der nächsten Ausgabe. Sie finden daher jetzt auch die Auflösung der Fragen aus der letzen Ausgabe.

Jomud - Turkmenischer Stammesverbund


Neben den bekannten Knüpferzeugnissen der Tekke Turkmenen sind unter Teppichsammlern die Arbeiten des turkmenischen Stammesverbands Jomud am häufigsten anzutreffen. Es gibt eine ungeheure Zahl an Teppichen, sowie Behängen, großen und kleinen Taschen, die Liebhaber zu Diskussionen über Muster, Alter und genauer Zuschreibung anregen. Die Stücke weisen die schönsten Nuancen von bräunlichen über auberginefarbene zu blaustichigen Rottönen auf, die neben den örtlichen Eigenschaften der Farbstoffe - im Fall von Rot der Krappwurzel - auch dem Kupfer oder Eisengehalt verschiedener Flussregionen zugeschrieben werden. Mal sind Engsis (Türteppiche) mit asymmetrischem, mal mit symmetrischem Knoten geknüpft. Mal gibt es Seiden-, mal Baumwollschüsse. Dies alles führt zum Bestreben, Kriterien und Namen für Jomud-Unterstämme zu finden.

Die Jomud (auch: Jomut, Yomud, Yomut) werden in der heutigen Literatur wegen der Uneinheitlichkeit der Knüpferzeugnisse nicht mehr als ein einheitlicher Turkmenenstamm, sondern als Stammesverbund bezeichnet. Sie unternahmen aus politischen Gründen und natürlich um ihrer Herden willen weite Wanderungen. Ihre Jurten waren noch im 19. Jahrhundert außerordentlich reich mit Behängen und Teppichen ausgestattet. Ihre Felder wurden von Sklaven bewirtschaftet, wie westliche Reisende berichteten. Ihre Wanderungen und ihr Reichtum haben sicher dazu beigetragen, dass ihre Produkte heute noch in ausreichender Zahl, Schönheit und Qualität die Sammlerherzen erfreuen.


C-14 Methode - Verfahren zur Altersbestimmung antiker Teppiche


Die C-14- oder Radiokarbonmethode ist das bekannteste wissenschaftliche Verfahren zur Altersbestimmung von organischen Substanzen bzw. Objekten aus organischen Substanzen. C-14 bezeichnet ein radioaktives Isotop des Elements Kohlenstoff, dessen stabile, nicht radioaktive Form C-12 genannt wird. Stirbt Leben, nimmt es ab dem Todeszeitpunkt keinen Kohlenstoff mehr auf. Damit wird auch kein neues C-14 mehr durch den Stoffwechsel zugeführt. Stattdessen setzt der radioaktive Zerfall der C-14-Atome ein und deren Anzahl geht zurück. Das Alter lässt sich, sehr stark vereinfacht, so erklären: Da die Halbwertszeit von C-14 bekannt ist, also die Zeit in der sich die Anzahl der C-14-Atome jeweils halbiert, lässt sich der Zeitpunkt errechnen, an dem der Stoffwechsel aussetzte. Der amerikanischen Chemiker Willard Libby (1908 - 1980) entwickelte die Methode in den Ende der 1940er Jahre. 1960 wurde er dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Eine naturwissenschaftlich exakte Methode, das war etwas, worauf die Teppichwelt gewartet hatte. Sie wurde ab den 1990er Jahren vermehrt im Textilbereich angewendet, in der Hoffnung, unzweifelhafte Beweise für Datierungen erbringen zu können. Enttäuschend für Textilfreunde ist, dass die zu untersuchenden Exemplare älter als 350 Jahre sein sollen. Damit ist die Methode für Teppiche, die jünger als 17. Jahrhundert datiert werden, hinfällig. Die Erklärung dafür ist, dass die Kalibrierungskurven an einigen Stellen Plateaus bilden, die längere Zeitabschnitte darstellen, in denen der C-14-Gehalt von Funden kaum variiert. Eine solche Phase gab es zuletzt zwischen 1650 und 1950. Deshalb lässt sich die C-14-Methode bei Proben aus dieser Zeitspanne nicht zuverlässig anwenden.

Das rautenförmige und mit Haken besetzte Dyrnak-Göl kommt nur in den Hauptteppichen der Jomud vor.
Mit der C-14-Methode lässt sich das Alter von Teppichen bestimmen, die vor 1650 hergestellt wurden. | Photo: AAC - Austrian Auction Company
In den feinen Seidenteppichen aus Heriz wird der Lebensbaum besonders fein dargestellt. | Photo: Max Lerch, München
Handloom-Teppiche werden auf von Hand betriebenen Webstühlen hergestellt.


Lebensbaum - Verbreitetes Motiv in Orientteppichen


Das Lebensbaum-Motiv ist seit der Antike bekannt. Es findet sich schon in syrischen und phönizischen Reliefs. Im Alten Testament wächst der Lebensbaum neben dem Baum der Erkenntnis inmitten des Garten Eden. Gott vertreibt Adam und Eva aus dem Paradies, nachdem sie die Früchte vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten. Er verhinderte mit der Vertreibung auch, dass die beiden durch die Früchte des Lebensbaumes ewiges Leben erlangt hätten. Im Koran dagegen steht im Paradies einzig der "Baum der Unsterblichkeit und der Herrschaft, die nicht vergeht" (aarat al-huld wa-mulk l yabl). So wie in der Bibel und im Koran kommt das Motiv in vielen Religionen und Mythen vor. Es steht allgemein für Fruchtbarkeit und Leben. In der islamischen Lebenswelt stellt es zudem noch die Verbindung dar von Unterwelt (Wurzeln), über die irdische Welt (Stamm und untere Äste) zum Geistigen/Göttlichen im Himmel (Baumkrone).

Lebensbäume in den unterschiedlichsten Ausformungen sind ein sehr häufig vorkommendes Motiv auf Teppichen und Flachgeweben. Am naturalistischsten und häufig sehr fein gezeichnet wird der Lebensbaum auf persischen Heriz-Teppichen aus Seide. Gerne steht er zwischen den Säulen einer Gebetsnische und macht so seine Bedeutung als Bindeglied zwischen der materiellen und geistigen Existenz des Menschen deutlich. Manchmal wird er von Wächtern und Tieren flankiert und von Vögeln umschwirrt. Anders als bei den Manufaktur-Teppichen Persiens, wird bei Nomaden- oder Dorfarbeiten das Lebensbaummotiv oft abstrahiert. So zeigen etwa die Hälfte aller Gebetsteppiche der Belutsch das Lebensbaummotiv in einer stark vereinfachten, fast geometrischen Form. In regelmäßigen Abständen gehen von einem sich nicht verjüngenden Stamm gerade Äste ab, die in großen Blättern enden.


Handloom - Halbmechanisches Teppichherstellungsverfahren


Der Begriff Handloom - oder Handweben - meint zweierlei: Zum einen bezieht er sich auf ein halbmechanisches Webverfahren, welches gegenwärtig in Ländern wie Marokko, Griechenland und Tunesien Anwendung findet. Auch gibt es im deutschsprachigen Bereich kleine Handwerksproduktionen. Der Weber trägt hierbei die Schussfäden von Hand ein, das Anschlagen erfolgt dann mechanisch. Typischerweise werden so beidseitig verwendbare Flachgewebe hergestellt.

Heutzutage jedoch wird der englische Begriff Handloom vor allem im Zusammenhang mit der indischen Teppichproduktion genannt. Handloom bedeutet in diesem Fall "vollständig mit dem Handwebstuhl hergestellt". Es wird die Wertigkeit des Handgefertigten betont. Gleichzeitig grenzt man damit dieses Verfahren gegen das mechanische Powerloom- oder andere halbmechanische Verfahren, aber auch das Tuften ab. Mit dem Handwebstuhl können unterschiedlichste Techniken zur Teppich- und Flachgewebeherstellung umgesetzt werden. In der Praxis werden vor allem Langflorteppiche oder unifarbene bzw. einfach gestreifte Gabbeh- und Loribaft-Kopien auf solchen Webstühlen hergestellt. Da Indien über eine uralte Tradition in der Teppichherstellung verfügt, sind die Weber bestens ausgebildet und versiert. Diese Ressource an günstigen, gut ausgebildeten Arbeitskräften machte diese Art der Teppichherstellung rentabel.

aus Carpet XL 02/14 (Teppiche)