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Heimtextil

Messe kappt ungeliebtenSonnabend

Frankfurt. Die Heimtextil bilanzierte nach Messeschluss Zuwächse bei Ausstellern und Besuchern. Die Messe selbst verlief, zumindest im Segment der Haustextilien, relativ unspektakulär und unaufgeregt - eher geschäftsmäßig. Sie spiegelt somit die solide wirtschaftliche Situation auf dem deutschen Markt wider, der im internationalen Vergleich vergleichsweise gut da steht. Hinzu kommt, dass die Messegesellschaft mit Ihrem Entschluss, ab dem kommenden Jahr schon einen Wochentag früher zu beginnen, also am Dienstag, vielen Gesprächen über den ungeliebten Messe-Sonnabend die Spitze nehmen konnte.

So kann man sich täuschen. Vor einem Jahr thematisierte die Haustex im Abschlussbericht zur Heimtextil aufgrund erneuter Klagen der Aussteller zum wiederholten Mal die Sinnhaftigkeit eines Messe-Sonnabends und wagte die Prognose, dass die Chancen auf die Verlegung der Messe um einen Tag gegen Null tendieren dürfte. Begründung: Traditionen hätten eine gewisse Eigendynamik. Und dass die Heimtextil am zweiten Mittwoch des Jahres beginnt, war eigentlich ehernes Gesetz.

Bis zu diesem Jahr. Denn am ersten Tag der Heimtextil gab die Messegesellschaft bekannt, dass die Messe ab 2016 tatsächlich von Dienstag bis Freitag ihre Tore öffnen werde. Man folge damit dem Wunsch vieler Aussteller und Besucher, heißt es. Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt: "Gerade der Fach- und Einzelhandel braucht den Samstag als Verkaufstag. In Zeiten von zunehmendem Online-Shopping ist es wichtig, dass die Händler ihren Kunden adäquate Angebote und Service dann bieten können, wenn diese stationär einkaufen. Und das ist meistens Samstag." Wenn nötig, schneidet also auch die Messe Frankfurt alte Zöpfe ab.

Bei den Messegesprächen der Haustex war es selbstverständlich Standard, Meinungen zu dem neuen Messestart einzuholen. Das Spektrum reicht von Ablehnung über Gleichgültigkeit bis zu begeisterter Zustimmung. Wobei die Zustimmung insgesamt klar überwog. "Endlich", "habe ich doch schon lange gefordert", "eine gute Entscheidung der Messe", das war oft zu hören. Der eine oder andere zuckte allerdings auch nur mit den Schultern: "Na und? Dann wird der Freitag eben der neue Sonnabend", oder "was soll das schon ändern?". Ein Aussteller stöhnte ganz spontan, als er von der Neuigkeit erfuhr: "Dann ist wegen des Aufbaus das ganze Wochenende vorher kaputt." Ein weiterer Aussteller fand die Entscheidung gar nicht gut, "Veränderungen sorgen auch immer für Verunsicherung."

Auch die Messe Frankfurt kann es nicht jedem Recht machen, kommt aber dem Wunsch einer deutlichen Mehrheit innerhalb der deutschen Aussteller nach. Denn die Meisten sehen ganz klare Vorteile für den neuen Messebeginn. Es war schließlich auch in diesem Jahr auffallend, wie unterschiedlich die vier Messetage in den Haustex-Hallen 8 und 11 frequentiert waren. Mittwoch: okay, im Vergleich zum Vorjahr mit Schwankungen auf der Gefühlsskala nach oben und unten. Donnerstag ein bärenstarker Tag, an dem mancher Besucher auf dem einen oder anderen Stand gar nicht landen konnte. Freitag schon wieder deutlich schwächer und Sonnabend - naja. Viele Gesprächsteilnehmer äußerten vor diesem Hintergrund die Hoffnung, dass sich der Strom der Besucher im kommenden Jahr etwas stärker verteilen werde, so dass die Spitzen am zweiten Messetag reduziert werden können. Dass durch die neue Tagesfolge wieder mehr Besucher aus dem Handel nach Frankfurt kommen werden, glaubte niemand der Befragten. Das dürfte auch nicht die Erwartung der Messegesellschaft sein.

Für eine bessere Verteilung der Messebesucher über die vier Tage spricht auch, dass es schon in diesem Jahr einige Besucher gab, die ganz bewusst zur zweiten Messehälfte angereist waren. Eine Händlerin, die im letzten Jahr aus internen Gründen erst am Freitag statt dem üblichen Donnerstag zur Messe kommen konnte, fand die Situation in den Hallen so gut, dass sie in diesem Jahr bewusst erneut erst am Freitag nach Frankfurt angereist war: "Die Gänge sind dann nicht mehr so voll und man kann viel besser mit den Ausstellern reden", so ihre Erfahrung. Und dann soll es schließlich auch Besucher geben, die auf ihr Wochenende nicht verzichten möchten, Messe hin oder her. Für sie hat die Heimtextil jetzt vier statt drei Tage.

Jenseits dieser Diskussionen zeigten sich die Bettenfachhändler und auch ihre Lieferanten ganz entspannt. Die Stimmung auf der Messe war allgemein gut, was auf ein dann doch noch insgesamt recht erfolgreich abgeschlossenes Jahr 2014 schließen lässt. Im Handel zog die Nachfrage zum Jahresende Gott sei Dank wieder an, nach einer ungewöhnlich langen Umsatzflaute in der Jahresmitte, sodass die meisten Händler der Bettenbranche am Ende des Tages ihren Jahresumsatz per Saldo halten oder sogar leicht verbessern konnten. Zwar besteht auch bei ihnen nach wie vor ein Frequenzproblem, aber da es gelingt, durch höherwertige Artikel den Durchschnittsbon zu verbessern, schlägt sich das in den Umsätzen nicht oder nicht so stark nieder.

Auch die Gesprächspartner aus der Industrie waren weit davon entfernt, über ein schlechtes Jahr zu lamentieren. Umsatzzuwächse waren bei ihnen eher die Regel als die Ausnahme. Die aktuelle Verteuerung des US-Dollars gegenüber dem Euro trägt bei denen zur guten Laune bei, die im Export tätig sind. Exporte werden meist in Dollar abgerechnet, und wenn der Euro im Kurs sinkt, bekommt bekommt man mehr für seine Dollar. Dadurch werden Produkte made in Germany im Ausland noch attraktiver.

Die Textilunternehmen, die den jahrzehntelangen Strukturwandel und die Globalisierung des Textilmarktes bis heute überstanden haben, dürften ohnehin gute Zukunftschancen haben. Sie sind inzwischen so gut aufgestellt, dass sie der vermeintlich billigeren Konkurrenz aus dem Ausland durchaus Paroli bieten können. Der Standort Deutschland bietet trotz höherer Arbeitskosten mit qualifizierten Mitarbeitern, stabilen politischen Verhältnissen und schnellen Liefermöglichkeiten einige Vorteile gegenüber einer ausländischen Produktionsstätte. Positive Beispiele sind Wülfing und Bierbaum Wohnen, die ihre heimischen Produktionskapazitäten bereits ausgebaut haben oder noch ausbauen werden. Martin Auerbach, Geschäftsführer Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie, bestätigt dies für seine Mitgliedsunternehmen: "Als weltweit größter Branchentreffpunkt ist die Heimtextil für uns der wichtigste Indikator für aktuelle Themen, Herausforderungen und Stimmungen im weltweiten Heimtextilien-Markt. Die deutsche Heimtextilien-Industrie hat auf der Heimtextil deutlich bewiesen, mit welcher Flexibilität, Energie und Kreativität sie auf die starken Veränderungen und Herausforderungen im internationalen Umfeld reagiert."

Zur guten Atmosphäre bei den Ausstellern trägt sicherlich auch die entspannte Situation auf dem Beschaffungsmarkt für Rohwaren bei, also Daunen und Baumwolle. Es ist noch nicht lange her, dass die Bettwaren-Produzenten kaum wussten, woher sie qualitativ gute Daunen beziehen sollten, von den exorbitanten Preisen, die dafür aufgerufen wurden, einmal ganz abgesehen. Und auch auf dem Baumwollmarkt haben sich die Preise weiter beruhigt. Im Import verteuert der schwache Euro zwar andererseits die meist in Dollar gehandelte Ware, macht die Preissenkungen aber nicht wett.

Zufriedene Gesichter auch bei den Messeverantwortlichen: "Das war die erfolgreichste Heimtextil seit Jahren", bilanzierte Detlef Braun nach Veranstaltungsende. Die Zahl der Besucher konnte nach vorläufigen Zahlen um rund drei Prozent auf mehr als 68.000 gesteigert werden, nach exakt 66.265 im Vorjahr. Ebenso stieg die Zahl der Aussteller von 2.714 auf 2.759, die in diesem Jahr aus 68 nach 62 Ländern 2014 kamen - der laut Messe fünfte Ausstellerzuwachs in Folge. Der Auslandsanteil verbesserte sich je um einen Prozentpunkt, bei den Besuchern auf 68 Prozent, bei den Ausstellern auf 88 Prozent.

Dass die Heimtextil gerade für hochkarätige Einkäufer ein wichtiger Auftakttermin ist, unterstreicht beispielsweise eine Aussage von Patric Gehlhaus, Category Manager bei Galeria Kaufhof/Metro Group gegenüber der Messegesellschaft: "Die Heimtextil besticht durch die Vielzahl an nationalen und internationalen Unternehmen und die hohe Qualität der ausgestellten Produkte. Wir können die Messe besonders zum Trendscouting und Entdecken von Innovationen nutzen, platzieren aber auch konkrete Aufträge. Viel dreht sich momentan um Nachhaltigkeit und das Wohlbefinden der Endkunden. Auch ganzheitliche Wohnkonzepte und die Umsetzung am POS stehen im Fokus."

Und Pedro Hernando Helguero, Geschäftsleiter Haus- und Heimtextilien der vermutlich größten europäischen Warenhaus-Kette El Corte Inglés aus Spanien, erklärte der Messe: "Wer ein riesiges Produktspektrum auf Top-Niveau erleben möchte, muss nach Frankfurt zur Heimtextil kommen. Wir reisen jedes Jahr mit einer großen Mannschaft an und waren dieses Jahr von dem vielfältigen Angebot besonders begeistert." Was für die Großen im Handel gilt, sollte auch für die Kleineren in der Branche gelten.

Heimtextil Frankfurt
Sander, Meerbusch
Heimtextil Frankfurt
Möve Frottana, Großschönau
Heimtextil Frankfurt
Traumina, Renchen

Besucherzuwächse aus Europa gab es der Messe zufolge vor allem aus Großbritannien, Italien und Spanien. Von der finanziell besonders gesegneten arabischen Halbinsel kamen mehr Besucher aus Kuweit, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch aus Japan und den USA zählte die Messe mehr Besucher. Hingegen kamen erwartungsgemäß aus der Ukraine und Russland weniger Besucher als beim letzten Mal.

Zwei Fragen begegneten der Haustex seitens der Fachbesucher auf der Heimtextil des öfteren: "Gibt es etwas Neues zu sehen?", und "besteht die Chance, dass die Matratzen mal wieder nach Frankfurt zurück kommen?". Die erste Frage belegt, dass die Innovationskraft der Haustextilien-Anbieter in diesem Jahr nicht sonderlich ausgeprägt war. Es wäre allerdings auch zuviel erwartet, wenn die Messe jedes Jahr mit einem Produkt-Knaller aufwartete. Es geht unter anderem um Bettwäsche und Bettwaren und nicht um schicke Elektro-Technik mit ihren kurzen Innovationszyklen. In Frankfurt muss man schon mehr aufs Detail achten, um interessante Produkte zu entdecken.

Die zweite Frage nach der Matratzenbranche macht wiederum deutlich, wie sehr es den Bettenhandel und die Einkäufer nervt, für ihre Sortimentsbestückung zwei Messen nacheinander besuchen zu müssen. Auch wenn die Haustex im letzten Jahr mit der Prognose bezüglich des Messe-Sonnabends gründlich schief lag, gehört nicht viel Mut dazu zu prognostizieren, dass in absehbarer Zeit keine Veränderung in der örtlichen Zweiteilung der Sortimentsbereiche zu erwarten ist. Obwohl sich in diesem Jahr der Sleep-Bereich der Möbelmesse keineswegs überzeugend präsentierte. Auf die imm Cologne gehen wir in der kommenden Ausgabe ausführlich ein.

Neue Trends haben sich somit in Frankfurt nicht aufgedrängt. Aber die seit ein, zwei Jahren wachsende Bedeutung des Digitaldrucks im Bettwäsche-Bereich hat sich weiter verstärkt. Anfangs war die Technik aus Kostengründen nur etwas für ganz hochwertige und teure Anbieter. Inzwischen haben aber verschiedene Entwicklungen dazu beigetragen, dass sich der Digitaldruck im preislichen Genre immer mehr in die günstigeren Gefilde bewegt. Die Maschinen werden immer leistungsfähiger und schneller, die Farben, so ist zu hören, kosten inzwischen nur noch einen Bruchteil von früher. Die Messe Frankfurt selbst spricht darum auch von einem Boom-Segment. Derzeit liege der Anteil des Digitaldrucks am Stoffdruck insgesamt nur bei zwei Prozent. Bis 2017 allerdings wird ein Anteil von fünf Prozent prognostiziert, mit jährlichen Wachstumsraten von 25 Prozent.

Warum dies hier erwähnt wird? Die für den Bettwäsche-Sektor noch recht junge Technologie hat gravierende Auswirkungen auf die Optik und das Design der Bettwäsche. Große Muster ohne Rapport sind möglich, wunderbare Farbverläufe. Der eine oder anderer Anbieter, begeistert von den technischen Möglichkeiten, hat es anfangs ohne Zweifel im Überschwang mit den Designmöglichkeiten etwas übertrieben, aber inzwischen sind die Designer auch wieder auf dem Boden der Tatsachen zurückgekehrt. Und Digitaldruck hat einen weiteren Vorteil gegenüber dem herkömmlichen Rollendruck: Für einen Musterwechsel ist es nicht notwendig, die Rollen aufwändig auszutauschen. Stattdessen erfordert es lediglich ein paar Tastendrucke, um ein neues Design aus dem Datenspeicher aufzurufen, und schon kann es mit dem Druck losgehen. Kleinere Serien können auf diese Weise im Vergleich zum Rollendruck schnell und relativ kostengünstig produziert werden.

Auch kein neuer Trend, aber mit stetig wachsender Bedeutung: das Thema Nachhaltigkeit in seiner ganzen Vielfalt. Es ist mittlerweile in vielen Unternehmen selbstverständlich geworden, dass die Produkte umweltfreundlich und ökologisch produziert werden - so selbstverständlich, dass es häufig keiner besonderen Erwähnung mehr bedarf. Große Kunden legen größten Wert darauf, mit Produkten zu handeln, die verantwortlich für Umwelt und Mensch hergestellt wurden. Der Facheinzelhandel profitiert von diesen gehobenen Ansprüchen.

Interessant wird zu beobachten sein, wie sich das ohnehin relativ kleine Segment der Tischwäsche auf der Heimtextil weiter entwickeln wird - ein Sortimentsbaustein, der im Bettenhandel schon mal bessere Tage gesehen hat. Mit Proflax war in diesem Jahr ein Lieferant weniger in Frankfurt zu finden, zugunsten einer Präsenz auf der Ambiente. Diese Messe könnte für die Tischwäsche tatsächlich die interessanteren Ansprechpartner im Handel bieten. Ein anderer Tischwäsche-Produzent auf der Heimtextil spielt daher mit dem Gedanken, auch zur Ambiente zu gehen, ob statt Heimtextil oder ergänzend zur ihr, diese Entscheidung ließ er im Januar noch offen. Artverwandter zum Thema Schlafen sind ohnehin Wohn- und Zierkissen, die in der Regel auch im Sortiment der Tischdecken-Anbieter zu finden sind. Sie stießen auf der Heimtextil auf eine deutlich bessere Nachfrage.

Und wer etwas Promi-Flair auf der Heimtextil suchte, war dort auch gut bedient. Verschiedene Anbieter versicherten sich der Unterstützung durch bekannte Testimonials. Für KBT Bettwaren und die Harald-Glööckler-Kollektion kam der Designer höchstpersönlich für einen Tag auf die Messe und sorgte erneut für einen großen Presseauftrieb. Der bekannte Designer Karim Rashid erklärte auf dem Stand von Grund seine Badematten-Kollektion für das Unternehmen. Barbara Becker stellte ihre Bad-Kollektion bei Kleine Wolke vor.

Für die Haustex war die Heimtextil wieder der ideale Ort, um die Haustex Stars an die Bettenfachhändler des Jahres zu verleihen. In Halle 8 prämierten wir elf ausgezeichnete Bettenfachhändler und eine Persönlichkeit des Jahres. Mehr dazu in einem gesonderten Artikel in diesem Heft. Die Porträts der Preisträger sind, wie in den Jahren zuvor, in einem Sonderdruck zusammengefasst, der dieser Ausgabe beiliegt.

Im Anschluss an die Preisverleihung lud die Messegesellschaft zu ihrer inzwischen traditionellen Branchen-Party after-work@heimtextil, die unter anderem vom Heimtex-Verband mitgesponsert wurde. Weiterer Sponsor war in diesem Jahr aus Anlass ihres 60-jährigen Bestehens die Marke Irisette. Es gab reichlich zu essen und zu trinken. Die Musik kam im Wechsel von einer Life-Band und von einem DJ und sorgte für ausgelassene Stimmung. Am nächsten Tag sah man auf dem Stand von EuroComfort und Irisette-Lizenznehmer Badenia zwar teilweise recht müde, aber höchst zufriedene Gesichter.

Alles in allem kann die Heimtextil somit als Erfolg gewertet werden. Sie hat die Teilnehmer zumindest positiv auf die kommenden Monate eingestimmt.

Die nächste Heimtextil findet statt vom Dienstag, 12. bis Freitag, 15. Januar 2016.

aus Haustex 02/15 (Wirtschaft)