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Domotex 2015, Hannover

Flachgewebe und Used-Look im Trend

Dank einem guten internationalen Geschäft starten die meisten Aussteller abgepasster Teppiche auf der Domotex zuversichtlich ins Jahr. Erschreckend gering - und aus Sicht der Redaktion unverständlich - war hingegen die Zahl deutscher Besucher. Gefragt waren vor allem Designs und Strukturen mit Used-Look oder gleich im Vintage-Stil - und das vom günstigen Maschinenweb-Teppich bis zu hochklassigen Knüpfteppichen. Gleiches gilt für Flachgewebe; sie waren quer durch alle Warengruppen im Besucherinteresse. Ebenfalls im Trend: silbrig-schimmernder Luxus-Look und pastellige Rot-Töne.

Das Gesprächsthema Nummer 1 in den Teppichhallen der Domotex hatte eigentlich nichts mit dem Produkt selbst zu tun: die massive Expansion der österreichischen XXXLutz-Gruppe und ihr Ausstieg aus dem Einkaufsverband Begros. Die Lieferanten der von Lutz übernommenen Möbelhäuser befürchten Umsatzeinbußen. Doch auch die vermeintlichen Gewinner der Übernahmen, die bisherigen Lutz-Lieferanten, müssen mit erhöhtem Preisdruck und ungünstigeren Konditionen rechnen. Befürchtungen werden laut, dass die Konzentration der Kaufkraft mit einem Verlust der Vielfalt einhergehen werde.

Unabhängig von der momentanen Situation im hiesigen Möbelhandel fiel in Hannover das geringe Interesse seitens der deutschen Fachbesucher auf. Unverständlich und sehr bedauerlich - wo, wenn nicht hier kann man sich über die Trends bei abgepassten Teppichen informieren? Im Gegensatz dazu waren ausländische Besucher überdurchschnittlich stark vertreten. Aufgrund des günstigen Dollarkurses gab es viele Interessenten aus den USA. Aber auch überraschend viele Besucher aus Russland waren angereist.

Gesucht: die neue Mittelklasse


Edelste Handknüpf-Designerteppiche einerseits, die absolute Einstiegspreisklasse bei der Maschinenware andererseits: Das Angebot auf der Domotex zeigt immer stärker die Extreme. Das preisliche - handgeknüpfte - Mittelfeld schrumpft zunehmend; und damit fehlen in diesem Bereich Innovationen.

Mit dem mittelpreisigen Segment bricht auch der darauf spezialisierte Großhandel weg - und umgekehrt. Bereits jetzt gehen Produzenten aus den Ursprungsländern mit eigenem Vertrieb direkt auf Einzelhändler zu und überspringen damit den Großhandel, der die entsprechende Ware nicht mehr auf der Messe anbietet. Die Folge: weniger Vielfalt. Da ist der Schritt zum Direktvertrieb über einen Onlineshop nicht mehr weit.

Ganz anders die Situation bei den hochwertigen Designerteppichen in Halle 17. Hier überbieten die Firmen einander an Innovationskraft - auch wenn der eine oder andere Anbieter immer noch frech bei den Trendsettern kopiert. Jan Kath: "Wirtschaftlich war die Domotex in diesem Jahr sehr erfolgreich für uns. Trotzdem macht mir die Entwicklung, speziell die Entwicklungin Halle 17 große Sorgen. Es kann nicht sein, dass Anbieter, die viel Zeit und Geld in die Entwicklung neuer Designs undganzerPhilosophienstecken, in direkter Nachbarschaft, in direktem Vergleichmit Großhändlern oder indischen Herstellern platziert werden, die einfach nur erfolgreiche Konzepte kopieren undhemmungslos ausschlachten. Das ist ein gefährlicher Trend für die Messe und wird sich bald rächen." Bei aller Kreativität: Verkäuflich sollte es bleiben. Claudia Schick-Stephan, Inhaberin des gleichnamigen Teppichfachgeschäfts in Karlsruhe: "Viele Designs sind zwar durchaus neuartig und faszinierend, eignen sich aber besser für große Eingangshallen oder sogar Kunstgalerien als für private Wohnräume." Zusätzlich stellt sich die Frage, wer sich all diese teuren Kunstwerke leisten soll.

Einige Einkäufer beklagten auch die mangelnde Offenheit mancher Anbieter gegenüber neuen Kunden und interessierten Besuchern: Aussteller wie Jan Kath, Thibault van Renne oder Rug Star würden ihre Stände durch eine geschlossene Bauweise abschotten, hieß es. Gleiches gilt auch für Maschinenweber wie Ragolle.

Flach statt flauschig


Insbesondere Flachgewebe waren auf der Messe stark vertreten. Sei es als orientalisch gemusterte Kelims, als hochwertiger Handwebteppiche mit Struktur oder als Maschinenwebware, gern im Vintage-Look und/oder mit Chenille. Ganz aktuell: doppelseitig verwendbare Teppiche mit zwei vom Design her unterschiedlichen Seiten.

Im Gegensatz zu den Flachen haben es die Flauschigen schwer. Vor allem bei der Preisgestaltung: Die Maschinenweber sehen zwar keinen echten Rückgang in der Menge, Geld wird mit Shaggies aber keins mehr verdient. Besonders stark vertreten ist der hochflorige Teppich übrigens als Frequenzbringer im Online-Handel, der zunehmend an Bedeutung gewinnt.

In Sachen Material darf es gern weich und glänzend sein, insbesondere im Maschinenwebbereich. Chenille und Mikrofaser sorgen für Struktur und Flauschigkeit. Farbige Akzente setzen Gelb, abgetöntes Grün und ganz besonders pastellige Rot-Töne wie Koralle und Altrosa. Edel wird’s mit silbern schimmernden Tönen, gern auch als Hauptfarbe. Tierfelle und -häute dienen als Inspirationsquellen für Naturoptiken oder werden direkt verarbeitet. Aus Leder oder Rinderfellen entstehen Patchworkteppiche der anderen Art. Insgesamt wirkte die Messe farbiger als in den Vorjahren. Deutlich präsent ist parallel ein breites Spektrum an hellen Natur- und Pastelltönen. "Farbtrends, die sich einmal behauptet haben, verschwinden nicht mehr so schnell von der Bildfläche, sondern halten sich zwei bis vier Jahre", meint MYS Zoha-Geschäftsführer Atif Ansari.

Und die Designs? "Die Bereitschaft, Neues zu wagen, ist gering, ebensowenig sind es die Skrupel beim Kopieren", urteilt die belgische Fachhändlerin Nary Vrouyr. Während sich viele Designer und Produzenten kräftig über diese geschäftsschädigenden Praktiken beklagen, beleuchtet Peter Herick von Star Hali das Phänomen aus einer anderen Perspektive: "Die Hochwert-Anbieter brauchen die Kopierer, sonst wären sie nicht so erfolgreich", findet er, denn immerhin seien die Nachahmer auch diejenigen, die den Designs zu Bekanntheit und Verbreitung verhelfen. Zu beobachten zum Beispiel bei den - inzwischen omnipräsenten - sich auflösenden Designs, die sich aber allmählich ihrerseits in Wohlgefallen auflösen. "Die Kunden wollen endlich etwas Neues sehen", stellt Sanjay Gupta von Global Overseas fest.

Neues und Ungewöhnliches gab es aber vor allem im Hochpreis-Bereich, etwa Jürgen Dahlmanns’ ambitionierte Rug Star-Designs. Einen eleganten Mittelweg zwischen neuer Designsprache und Wohnlichkeit hat offenbar Thibault van Renne gefunden, der seine Designs nicht als Nepal-Knüpfungen, sondern als klassisch persische Knüpfungen (in Indien) sehr hochwertig umsetzen lässt. Der Stand des Belgiers war durchgehend gut besucht.

Handknüpf auf stabilem Niveau


In den Handknüpf-Hallen 14-17 lief das Geschäft "recht ordentlich", wie von vielen Ausstellern zu hören war. Das Angebot hat sich auf einem stabilen Niveau eingependelt. Der klassische Perserteppich habe laut Fachhändler Dr. Reza Khorsand lediglich im High-End-Segment seine Zukunft.

Innovativer als die traditionellen Knüpfregionen zeigten sich einige Anbieter aus Indien. Das Land, das in den letzten Jahrzehnten eher für Nachknüpfungen klassisch-persischer Muster bekannt war, bringt verstärkt innovative Produzenten hervor, die eine eigene Designsprache finden und diese in hoher Qualität umsetzen. Den sozial engagierten Hersteller Jaipur zum Beispiel, dessen aktuelle Kollektion "Project Error" die natürliche Schönheit maschinell bedingter Fehler abbildet. Sehr wohnlich und in aktuellen Tönen. Laut Marketingleiterin Sitara Menon sind Bestellungen aus gut 40 Ländern eingegangen.

Domotex
Der kreativste Bereich der Domotex war ganz sicher der High-End-Bereich in Halle 17. Sowohl die bekannten Trendsetter als auch Newcomer wie Thibault von Renne zeigten, wie der Knüpfteppich heute aussehen kann.
Domotex
Flachwebteppiche liegen im Trend. Nachfrage gab es sowohl für hochwertige, handgefertigte Einzelstücke – wie hier bei Edelgrund – als auch für maschinengewebte Kollektionen in der Einstiegsklasse.
Domotex
Während der Domotex lud das Iranian National Carpet Center INCC zur Diskussion rund um Marketingmöglichkeiten für persische Teppiche ein. Beteiligt waren Ewald Schlögl (XXXLutz), Abbas Zohouri (Konsul der iranischen Botschaft in Hamburg), Ali Majedi (Botschafter Iran) Bahram Tahbaz (President AICE), Joachim Pabst (Up Advertising), Tim Steinert (Carpet XL), Franz ten Eikelder (President BSOT) sowie - nicht im Bild - Siawosch U. Azadi, Peter Mauch, Nary Vrouyr.

Der Patchworkteppich ist durchaus noch Thema, aber die große Welle ist vorbei. Neue Ideen müssen her und sind zum Teil schon da. Zum Beispiel beim schwedischen Anbieter North Carpet: ältere, in aktuellen Farben eingefärbte Knüpfteppiche mit "ausrasierten" Mustern, die zusätzlich durch Waschung und Auszupfen einen Vintage-Look erhalten.

Zur festen Größe geworden sind marokkanische Teppiche - keine reinweißen Berber, sondern Knüpfungen mit Design. Beni Ouarain heißen die weißgrundingen rustikalen Wollqualitäten nomadischen Ursprungs, meist mit Rautenmustern, die sich hervorragend in den gehobenen Einrichtungsstil einfügen. Dabei darf das Design gern ein bisschen unregelmäßig sein. Auf der Domotex wurden sie geschmackvoll präsentiert. Im kleinen, aber feinen Antikbereich traf man auf interessante Menschen. Hier besteht allerdings noch Entwicklungspotenzial.

Maschinenweber haben den Knüpfteppich im Visier


Was bereits auf den letzten Messen abzusehen war: Die Maschinenwebware ist auf dem Vormarsch und entwickelt sich in Sachen Optik und Haptik immer weiter. Damit macht sie nicht nur dem Handtuftbereich, sondern auch den Knüpfteppichen Konkurrenz. Selbst reine Orientanbieter steigen inzwischen in die Webware ein und zeigen maschinell hergestellte, zum Teil handveredelte Teppiche, die auf den ersten Blick von Handknüpfungen nicht zu unterscheiden sind. Und preislich natürlich weit unter rein handgearbeiteten Stücken liegen.

Die flexiblen türkischen Weber bieten Filialisten gern Exklusivkollektionen an und weben mit dem gleichen Garn und den gleichen Farben sehr unterschiedliche Designs. So lässt sich vermeiden, dass direkt vergleichbare Artikel zu unterschiedlichen Preisen beworben werden.

Bordürenteppiche: das erfolgreiche Nischengeschäft


Ein lukratives Thema für die Teppichabteilung oder den größeren Raumausstatter sind die Bordürenteppiche. Wer - wie heute die meisten Konsumenten - seine Wohnräume mit Glattbelägen wie Parkett, Laminat oder dem Shootingstar LVT ausstattet, braucht oft auch etwas Textiles, das das Bodenbild wohnlicher erscheinen lässt. Hier kann der Raumausstatter ein gutes Zusatzgeschäft machen, denn die dezenten Bordürenteppiche passen in jede Einrichtungssituation und kosten nicht viel - selbst wenn sie individuell per Custom Order exakt nach Kundenwunsch konfektioniert werden. Das Programm lässt sich außerdem dank durchdachter Shop-Systeme auf kleinem Raum präsentieren. Auch viele Teppichbodenlieferanten, die Quadratmeter an die Hartbeläge verlieren, steigen in das Geschäft ein oder bauen ihr bestehendes Angebot aus.

Zusätzlich können die Bordürenteppich-Anbieter mit besonderen Dienstleistungen punkten. "Mehr noch als der Preis zählen bei uns Service und Flexibilität", berichtet Michael Rohmann von Dekowe. "Erfahrungsgemäß dauern heute die Entscheidungsprozesse bei der Produktwahl länger, da wünschen sich die Kunden eine um so schnellere Lieferung."

Dem Kunden zuhören und mit ihm sprechen


Stichwort Kundenorientierung: Hierbei gilt es natürlich zunächst, dem Kunden zuzuhören und dessen Wünsche wahrzunehmen. "Die Nachfrage wird immer gezielter", weiß Theko-Geschäftsführer Martin Keller. "Wer zu einem Abschluss kommen will, muss 120% geben; der Artikel muss bis ins kleinste Detail perfekt sein."

Zwischen Anbieter und Endkunde steht der Einzelhandel: vom Discounter über den Möbler bis hin zu kleinen, spezialisierten Fachgeschäften, deren Zahl in Deutschland beständig sinkt. "Gut 50 Jahre lang war Deutschland der größte Abnehmer für handgeknüpfte Teppiche; jetzt stürzt die Warengruppe hier in die Bedeutungslosigkeit ab", kommentiert der Hamburger Importeur Erik Dilmanian die Entwicklung. Die Ursache hierfür sieht er hauptsächlich bei den Möbelhäusern. Die seien seit einigen Jahren dabei, den handgeknüpften Teppich salonunfähig zu machen: durch mangelnde Fachkräfte, eine uninspirierte Präsentation oder ein Marketing, das nur auf billig gemacht ist. "Es ist an der Zeit, dass sich der Fachhandel wieder etabliert und den Orientteppich wieder in den Vordergrund bringt", findet Dilmanian.

Mehr Inspirationen, bitte!


Die Domotex ist noch eine Fachmesse mit starkem Ordercharakter. Hier wird verhandelt, hier wird verkauft. Aber die Domotex will auch inspirieren: zum Beispiel auf der schön gestalteten iTKiP-Präsentationsfläche in Halle 16, die die Werke junger türkischer Teppichdesigner ausstellte und mit Sitzgelegenheiten und Getränkeausschank zum Verweilen einlud. Oder in Halle 17, wo alle Anwärter auf die Carpet Design Awards gezeigt wurden, bevor am Sonntag die Preisverleihungen stattfanden.

Inspirieren könnte die Domotex sogar noch mehr. Dodenhof-Abteilungsleiter Michael Abbetmeyer bedauert, dass das Konzept der Innovations@Domotex nur im hochpreisigen Bereich stattfand. Er hätte gern eine ähnliche Veranstaltung für die "normalen Teppiche der Hallen 2 bis 5". Und Sabine Börger von Arte Espina vermisst die Teppichtrend-Sonderschau Floor Forum, die bis vor einigen Jahren fester Bestandteil der Domotex war und besonders das mittlere Marktsegment im Fokus hatte. Sie wünscht sich ganzheitliche Präsentationen von Einrichtungssituationen mit Möbeln, Tapeten und Heimtextilien, wie man sie etwa auf der Kölner Möbelmesse oder der Maison & Objet in Paris findet.

Auch das Thema Vermarktung und Präsentation am Point of Sale böte sich für eine Sonderschau an. Gerade die Frage, wie sich auf kleiner Fläche eine große Vielfalt ansprechend präsentieren lässt, dürfte viele Einzelhändler brennend interessieren. In Sachen erfolgreiches Marketing bewies Großhändler Reinkemeier Rietberg bereits, dass sich mit Prominenz immer noch viel erreichen lässt. Als Barbara Becker ihre aktuelle Teppichkollektion präsentierte, drängten sich Besucher und Presse auf dem Messestand.

Zum Abschluss noch eine Bitte an die Veranstalter, gerade angesichts der vielen Besucher aus dem Ausland: Im Gegensatz zu den Vorjahren konnte das Messeticket diesmal nicht für Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr genutzt werden. Das war nicht jedem Messebesucher bekannt, und so sorgte diese Änderung mehrfach für unangenehme Momente bei der Fahrkartenkontrolle und für Verwirrung beim Fahrscheinkauf. Immerhin ist das System schon für deutschsprachige Fahrgäste nicht einfach zu verstehen. Vielleicht lässt sich das Ticket im nächsten Jahr gegen einen geringen Aufpreis wieder als Fahrschein verwerten? Gerade die zahlreichen internationalen Besucher wären sicher dankbar.

aus Carpet XL 02/15 (Wirtschaft)