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Bündnis für nachhaltige Textilien

Streit um die Verantwortung in der textilen Lieferkette


Berlin. Handel, Hersteller und Politik wollen Lehren aus dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch ziehen. Die Lieferkette für Textilien soll sozialer und ökologischer gestaltet werden. Doch das hierfür gegründete Textilbündnis ist umstritten.

Der 24. April 2013 war ein schwarzer Tag für die Textilbranche: Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza, 25 Kilometer von Dhaka entfernt, forderte 1127 Todesopfer und lenkte die weltweite Medienaufmerksamkeit auf die Produktionsbedingungen in Bangladesch.

Zwei Jahre nach dem Unglück will die Bundesrepublik ein Zeichen für eine faire Textilproduktion setzen: Handel und Industrie wollen gemeinsam mit der Bundesregierung, Gewerkschaften und Vertretern der Zivilgesellschaft die Lieferkette für Textilien sozialer und ökologischer gestalten.

Das so genannte Textilbündnis soll dabei helfen. Es hat das Ziel, die Lebens- und Umweltbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Produktionsländern zu verbessern. Derzeit sind etwa 70 Organisationen Mitglied im Textilbündnis, darunter nur wenige Produzenten. Auch große Handelsunternehmen wie Otto, Metro oder Aldi, aber auch der Handelsverband Deutschland (HDE) weigerten sich bisher, dem Bündnis beizutreten.

Sie hielten dessen Beschlüsse für nicht umsetzbar. So hätten die Unternehmen mit der Unterzeichnung der bisherigen Bündnisvereinbarung die Verantwortung für die gesamte Lieferkette übernommen, etwa die Garantie existenzsichernder Löhne in den Produktionsländern. "Das ist für die Industrie nicht durchführbar", kritisierte etwa der Geschäftsführer des Fachverbandes Matratzenindustrie, Dr. Ulrich Leifeld, auf der jüngsten Verbandstagung in Wesel.

"Natürlich müssen wir ein Pro-blembewusstein entwickeln, aber es muss sich auch jeder klarmachen, was er da unterschreibt." Die Frage sei nicht nur für die Textilhersteller im Verband relevant, sondern für alle, die Produkte mit textilen Bestandteilen an den Verbraucher mittelbar oder unmittelbar abgeben - damit auch für alle Matratzenhersteller. Mit seinen Bedenken stand Leifeld nicht alleine da.

Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller hatte das Bündnis initiiert, aber von Beginn an starke Kritiker. Sie bemängelten unter anderem, dass viele Unternehmen gar keinen direkten Kontakt mehr zu den Zulieferern hätten, sondern nur noch zu entsprechenden Agenturen.

Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller hat das Bündnis für nachhaltige Textilien ins Leben gerufen und appelliert: "Wir tragen Verantwortung - und zwar alle gemeinsam."
Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza forderte mehr als 1.000 Todesopfer. Er führte zu einer Debatte über die Lebens- und Umweltbedingungen in den Produktionsländern.

Das sogenannte Subcontracting - die Auslagerung von Wertschöpfungsaktivitäten auf andere Unternehmen, ist gang und gäbe - eine Übersicht ber die gesamte Wertschöpfungskette häufig unmöglich. Kinderarbeit, Umweltschäden - auf das, was Endverbraucher hierzulande mit Recht immer stärker kritisch beäugen, fehlt oft der direkte Einfluss. Doch entbindet dies von der Verantwortung?

"Wenn Behörden in Produktionsstaaten ihrer Kontrollfunktion nicht nachkommen, dann können deutsche Unternehmen dafür nicht haftbar gemacht werden", erklärt Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie. Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE), erklärt ebenfalls, dass die Wirtschaft keine hoheitlichen Aufgaben des Staates oder der Tarifpartner übernehmen könne.

Er fordert eine konsequent internationale Ausrichtung des Textilbündnisses, um Nachteile für deutsche Betriebe im internationalen Wettbewerb zu verhindern. "Voraussetzung für einen breiten Beitritt der Wirtschaft ist ein gemeinsamer Bündnisgeist. Nur im Schulterschluss aller Akteure kann das Bündnis in den Produktionsländern etwas bewegen."

Immerhin: Parallel zum Matratzenverband tagten auch die Akteure des Textilbündnisses und verständigten sich über wesentliche Beitrittsvoraussetzungen sowie auf einen gemeinsamen Aktionsplan, um möglichst viele, auch mittelständische Unternehmen zu gewinnen. Einigkeit herrscht demnach unter anderem, dass die Ziele "nicht von allen Partnern auf gleichem Niveau und zum selben Zeitpunkt erfüllt werden können."

Und: "Das Bündnis betrachtet die Lieferkette von Textilien und Bekleidung ganzheitlich: von der Rohstoffproduktion bis zur Entsorgung. Dabei ist beabsichtigt, dass die Mitglieder des Bündnisses ihre Kompetenzen vor dem Hintergrund ihrer eigenen fachlichen Schwerpunkte und organisationseigenen Ziele in Arbeitsgruppen oder konkrete Maßnahmen zu ausgewählten Lieferstufen einbringen."

Die Ziele des aktuellen Aktionsplans dienen als Orientierungsrahmen für die künftige Arbeit. Die Verbände der Textilwirtschaft, unter anderem der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie und der HDE, haben dem Textilbündnis signalisiert, ihren Mitgliedsunternehmen auf dieser Basis eine Mitgliedschaft zu empfehlen. Begeisterung klingt allerdings anders.

Ob man so die großen Akteure ins Boot holt, ist ungewiss. Doch genau die werden gebraucht, um den Druck vor Ort zu erhöhen. "Wir tragen Verantwortung - und zwar alle gemeinsam", betont Minister Müller und macht in Zweckoptimismus: "Schon jetzt interessieren sich viele unserer Partner in Europa und international für unser Textilbündnis, das zu einem echten Markenzeichen auf dem Weg zu sozialen und ökologischen Standards in der Textilindustrie werden kann." Doch der Weg dahin ist lang. Und Papier ist geduldig.

aus Haustex 05/15 (Haustextilien)