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Domotex – Bodenbeläge

Alles modular

Es war nicht unbedingt damit zu rechnen, aber es brummte auf der Domotex 2016. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind gut. Teppichböden erleben ein Trading-up und der Megatrend Modularität ist allgegenwärtig. Gedanken macht sich die Branche um die Konzentration im Großhandel.

Normalerweise fragt man sich im Vorfeld einer Messe, wer dort ausstellen wird. Im Fall der Domotex 2016 schien die Frage eher zu laugen: Wer kommt denn nicht? Quer durch alle Produktgruppen und Hallen suchte man einige der Zugpferde aus den vergangenen Jahren vergeblich. Ob Parador oder Hamberger, Henkel/Thomsit oder Schönox, die Dura oder Objectflor - sie alle hielten Hannover nicht für eine sinnvolle Vermarktungsplattform. Tarkett konnte sich nicht so recht entscheiden: Die Kosten für den Messestand hat man sich gespart und stattdessen am Messe-Sonntag zu einer eigenen Veranstaltung in die Galerie des Schlosses Herrenhausen eingeladen.

Die Vorbehalte oder gar Befürchtungen, mit denen der eine oder andere auf das Messegelände gekommen sein mag, dürften aber schon am ersten Tag verflüchtigt haben. Es brummte nur so vor Geschäftigkeit in den Hallen. Die Aussteller zeigten sich zufrieden. Viele Unternehmen hatten ein Jahr hinter sich, das zwar im Verlauf Hochs und Tiefs bereitgehalten hatte, am Ende aber als positiv zu bilanzieren war. Ob bei den Textilen oder den Elastischen, die allermeisten berichteten von Umsatzzuwächsen und Investitionen in Personal, Produkt und Point of Sale. Besonders tief in die Tasche greift mal wieder Mohawk. Der weltweit größte Bodenbelagskonzern und Eigentümer der europäischen Schwergewichte Unilin und IVC/Moduleo baut für rund 200 Mio. USD (182 Mio. EUR) zwei neue Werke für elastische Bodenbeläge. Etwa die Hälfte davon fließt in eine neue Fertigung im belgischen Avelgem unter der Regie von IVC.

Treibende Kraft hinter diesen und den allermeisten anderen Investitionen ist der Megatrend Modularität. Er ist in den vergangenen zwölf Monaten vielfach benannt und beschrieben worden. Auf der Domotex war er allgegenwärtig. Er hat eine Sogkraft entwickelt, die jeden erfasst. Bestes Beispiel sind die Schwesterunternehmen Infloor/Girloon. Die hatten 2015 in Hannover noch mit selbsthaftenden textilen Fliesen im Plankenformat für Aussehen gesorgt; 2016 stellte die Inhaberfamilie Dresing/Ritterbach das Thema nun in den Mittelpunkt ihres Auftritts. Das neue Produktsortiment entwickelt sich derart rasant, dass man eine zusätzliche Halle baut, um Produktion und Lagerung auszubauen und zu bündeln. Jetzt wird der Vertrieb vom Objekt- in den Wohn- und Handelsbereich erweitert.

Textile Beläge werden hochwertiger

Balsan und Nordpfeil bauen ihr Fliesensortiment auch aus. Schurwollspezialist Best Wool Carpets freut sich über sein stark wachsendes Geschäft mit abgepassten Teppichen und investiert in diesen Bereich in Form einer eigenen Schneideanlage. Vorwerk fokussiert neben Bahnenware auf Teppiche mit der neuen Serie "Selected Rugs". Und selbst Nadelvlies-Spezialist Findeisen setzt auf den modularen Trend und wird ab März sein Sortiment diversifizieren und abgepasste Nadelvlies-Teppiche unter einer neuen, separaten, aber noch geheimen Marke führen. Schon heute mache man gute Geschäft mit Fliesen und Elementen wie beispielsweise Logos. Deswegen hat auch Findeisen jetzt eine eigene Schneideanlage. Das lohnt, denn die zugeschnittene Ware erzielt wesentlich höhere Abgabepreise.

Den Vertrieb von wertigem und hochpreisigem Teppichboden im Handel kann man bei den Textilen als Trend bezeichnen. Associated Weavers gibt die Marschroute mit emotionaler und ansehnlicher Vermarktung seit Jahren vor. Die belgischen Landsleute von Lano folgen, fassen ihre Hochwertprodukte unter der neuen Marke "X - the taste of luxury" mit VK-Preisen ab 49 EUR/m2 zusammen und übersetzen die Trading-up-Strategie ebenfalls in hochwertige Displays und Verkaufsständer.

Jan Hoekman, Inhaber von Tufting- und Nadelvlies-Schwergewicht Condor, sieht darin eine sehr erfreuliche Entwicklung. Aber Industrie und Handel bleibt auch gar nichts anderes übrig. Der Teppichboden entwickelt sich im Handelsbereich zu einem Nischenprodukt. Einer breiten Käuferschicht wird er nur noch in Fachmärkten und Discountern gezeigt. Für hochwertigere Qualitäten zu höheren Preisen gilt hier in der Regel: Fehlanzeige. Daher müsse man gerade den Raumausstattern, Fachhändlern und -handwerkern geeignete Kollektionen und Verkaufsmittel an die Hand geben, betonte Robert Horst, Prokurist bei Großhändler Jordan. Beides versetze diese Gruppen in die Lage und gebe ihnen das Selbstvertrauen, für qualitativ hochwertige Produkte und deren Verarbeitung gute Preise zu verlangen und durchzusetzen.

Die Firma Jordan sorgte nicht nur als Aussteller für Gesprächsstoff in Hannover. Was bereits zum Jahreswechsel durchgesickert war, bestätigte sich auf der Domotex: Ende 2016 verlässt das Unternehmen die Copa. Lange hatte man an der Mitgliedschaft in der Großhandelskooperation festgehalten. Inzwischen sei man aber stark genug, um eigenständig zu agieren, und gibt zukünftig direkten Geschäftsbeziehungen zu den Lieferanten den Vorzug.

Domotex
Balsan: Teppichfliesen und -bahnenware von der neuen Colourpoint-Anlage.
Domotex
Würden gut neben einen LVT-Verkaufsständer passen: Die Handels-Displays der neuen Teppichplanken-Serie Modul Living von Infloor.
Domotex
Vielfarbige LVT-Optiken innerhalb eines Designs von Project Floors.

Die Konzentration im Großhandel wird kritisch gesehen

Das zweite Großhandelsthema in den Messehallen war die zum 1. Januar 2016 vollzogene Übernahme der Steffel-Gruppe durch Brüder Schlau. Das Handelshaus aus Porta Westfalica wächst damit noch einmal um 16 Standorte in Deutschland und Österreich mit rund 77 Mio. EUR Jahresumsatz. "Durch diesen Schritt steigen wir zu einem der bedeutendsten Großhändler in unserer Branche auf", so Eberhard Beeth, Beiratsvorsitzender bei Brüder Schlau, deren Großhandelssparte 2015 einen Umsatz von 190 Mio. EUR erzielt hat.

Die Konzentration im deutschen Großhandel sieht manch ein Marktteilnehmer zumindest kritisch, teilweise auch mit Sorge. Jetzt sind es noch weniger große Firmen(-gruppen), die den Markt prägen - Jordan, Schlau, die Mega und die übrigen Malereinkaufsgenossenschaften. "Volumen macht gefügig" - die oft kolportierte Aussage von wichtigen Großhandelseinkäufern muss deswegen Anfang 2016 in einem neuen Licht betrachtet werden. Es ist zu hoffen, dass im Markt zukünftig genug Platz bleibt auch für mittlere und kleine Großhandelshäuser. Fachhandel und Fachhandwerk wissen deren Angebot und Stärken zu schätzen.

Apropos Volumen: Nach der Übernahme durch Brüder Schlau ist die Mitgliedschaft der Steffelgruppe in der Copa beendet. Zusammen mit dem Austritt Jordans verliert die Kooperation bis Ende 2016 rund 40 % ihres Einkaufsvolumens. Das ist ein Schlag. Viele Industrievertreter hätten aber bereits signalisiert, dass die Konditionen in einem Rahmen bleiben, der für die verbliebenen Mitglieder lukrativ sei, stellte der scheidende Geschäftsführende Vorstand Manfred Birkenstock fest. Sein Nachfolger Josef Führes, der Mitte Februar seine Arbeit aufgenommen hat, wird mit der neuen Situation umgehen müssen, die aber zumindest einen Vorteil bringt: Die Mitgliederstruktur wird homogener. Das kann zu mehr Schlagkraft und effektiveren Verbandsdienstleistungen führen.

E-Commerce war kein großes Thema

Auf europäischer Ebene freuen sich die exportorientierten Hersteller textiler und elastischer Beläge über die steigende Nachfrage in den zuletzt noch von den Nachwirkungen der Finanzkrise gebeutelten Märkten wie Spanien, Italien oder Großbritannien. Anders sieht es in Russland aus. Teilweise haben sich die Umsätze dort halbiert. Das belastet besonders die Hotel-Spezialisten; dieses Segment ist in Russland wichtig.

Positiv wirken sich hingegen die niedrigen Rohstoffpreise und der günstige Wechselkurs zwischen US-Dollar und Euro auf die Geschäfte der Bodenbelagsindustrie aus. Seitens der Abnehmer gebe es noch keine Forderungen nach Preisnachlässen, etwa aufgrund von gesunkenen Kosten etwa bei den Vorprodukten wie etwa Garnen.

Erstaunlich war, dass in den Hallen 5 und 6 Online-Vertrieb bzw. -Vermarktung keine große Rolle spielten. Nach dem "Parador-Schock" Ende 2014, als der Hersteller mit der Direktvermarktung über das Internet seine Handelspartner auf die Barrikaden getrieben hatte und das Projekt zurückziehen musste, wird das Thema E-Commerce nur noch "handelskonform" angegangen. Das betonten jedenfalls alle Lieferanten, die man darauf ansprach. Gleichzeitig ließen sie durchblicken, dass hinter verschlossenen Türen intensiv an entsprechenden Konzepten gearbeitet wird. Einen Hinweis auf die Akzeptanz digitaler Vermarktung wird markenboden.de geben. Die Plattform von Meisterwerke startete im Februar. Zum Zeitpunkt der Domotex hatten sich bereits 150 zahlende Partner angemeldet.
jochen.lange@snfachpresse.de

aus BTH Heimtex 02/16 (Wirtschaft)