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Schön ruhig

Heimtextilien und Raumakustik

Heimtextilien sind nicht nur schön, sondern verbessern u.a. auch die Raumakustik. Die Zusammenhänge erklärt Gesine Köppe vom Institut für Textiltechnik in Aachen.

Die Verbesserung der Raumakustik ist eine der wichtigsten funktionalen Eigenschaften von Textilien in der Raumausstattung. Am Institut für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen erforschen und entwickeln wir dazu neue Materialien auf Basis besonders texturierter Gewebe aus speziellen Fasergeometrien und mit besonderen Oberflächenbeschaffenheiten. Mit ihrer Hilfe werden Geräusche gedämmt, so dass sie als weniger störend empfunden werden.

Nötig ist das, weil in Räumen die kahlen Fensterflächen, Wände, Decken und Böden den Schall reflektieren. Dadurch kann schon ein normales Gespräch mit einer Lautstärke von 55 dB (Dezibel, siehe Kasten) als störend empfunden werden. Noch unangenehmer ist es in großen Räumen mit vielen Menschen, etwa in Lokalen, Kantinen oder Großraumbüros - hier entstehen bis zum 65 dB. Zum Vergleich: Straßenlärm liegt zwischen 75 und 90 dB.

Um die Lärmbelästigung in geschlossenen Räumen möglichst gering zu halten, muss die Schallausbreitung reduziert werden. Das geschieht einerseits, indem Geräusche gar nicht erst eindringen können. Hierbei spielen die Schalldämmung des Bauwerks, die Lage des Raumes darin, aber auch dessen Form und Größe (Primärstruktur) eine Rolle. Andererseits wirkt sich das Interieur auf die Schallreflexion aus. Von Bedeutung sind dabei die Oberflächenbeschaffenheit von Wänden, Böden, Decken und Einrichtungsgegenständen (Sekundärstruktur) sowie die Dimensionierung und räumliche Verteilung schallabsorbierender und reflektierender Flächen.

Schallschlucker am Fenster

Textilien können bei der Schallreduzierung gute Dienste leisten, denn mit den Strukturen ihrer Faseroberfläche absorbieren sie Schallwellen. Besonders effektiv sind dabei Gewebe, deren Oberfläche vergrößert ist, weil sie aus porösen Materialien wie Mineral- und Schaumfasern bestehen, Garnen aus 4DG-Fasern oder mit multilobalen (querschnittsmodifizierten) Oberflächen oder dreidimensionalen Gewebestrukturen, etwa einer Waffelbindung.

Auf dieser Grundlage entwickelt die Industrie spezielle Akustiktextilien. So hat etwa Création Baumann unter dem Namen "Sonic" einen blickdichten Verdunkelungsstoff im Sortiment. Es geht aber auch leicht und lichtdurchlässig, wie die Kollektion "Annette Douglas Textile Acoustics" von Weisbrod-Zürrer und das Gewebe "Weave Perf" von Akustik & Innovation beweisen. Und vom Lichtspezialisten Zumtobel kommt die schallabsorbierende Wabenstruktur Airboard, ein Deckenpaneel, das nicht nur für die richtige Beleuchtung, sondern zusätzlich noch für eine verbesserte Akustik am Arbeitsplatz sorgen soll.

Gesine Köppe, Wissenschaftliche Mitarbeiterin ITA:
"Je größer die Oberfläche der Textilien, desto mehr Schall wird absorbiert."
Textilien mit einer dreidimensionalen Struktur wie diese Waffelbindung aus texturierten Trevira
Hybridgarnen verbessern die Raumakustik.
Schallabsorption durch Raumtextilien
Beispiel Vorhangstoff (Draufsicht)

Das textile Gewebe absorbiert einen Teil des auftreffenden Schalls und wandelt ihn beispielsweise in Wärme um. Dadurch sinkt der Geräuschpegel im Raum.

Auch das ITA arbeitet kontinuierlich in diesem Bereich. Unlängst wurde ein Projekt abgeschlossen, das den Einfluss von Bindung, Fasermaterial und Veredelung auf das Schallabsorptionsvermögen ermittelt hat. Als nächstes steht u.a. die Entwicklung eines transparenten Flächenvorhangs mit sehr hohem Schallabsorptionsgrad an. Außerdem möchten wir herausfinden, wie sich der Faserquerschnitt auf die Schallausbreitung auswirkt.

Die Effektivität der Schallabsorption wird übrigens nach DIN EN ISO 11654 Schallabsorptionsklassen bewertet, für die der Absorptionsgrad () entscheidend ist. Dieser beschreibt das Verhältnis von nicht reflektierter Schallenergie zur einfallenden Schallenergie und liegt zwischen 0 und 1. Wobei 0 der Wert bei vollständiger Reflexion ist, also keinerlei Schallabsorption. Und 1 nur als theoretischer Wert für eine vollständige Schallabsorption angesetzt wurde. Denn würde dieser tatsächlich erreicht, gäbe es in diesem Raum keinerlei Geräusche, auch Sprache würde sofort absorbiert.

Grundsätzlich bleibt aber festzuhalten: Je höher der Schallabsorptionsgrad ist, als desto angenehmer wir die Raumakustik empfunden.
Gesine Köppe

gesine.koeppe@ita.rwth-aachen.de


Fachbegriffe Raumakustik
Absorptionsgrad (α) - Er gibt an, wie stark der Schall absorbiert wird.
Dezibel (dB) - Die Einheit, in der Schall gemessen wird.
Schallabsorptionsklasse - Die Spanne reicht von A (α > 0,9) für eine gute Raumakustik bis E (α < 0,2) für eine schlechte.

aus BTH Heimtex 07/16 (Deko, Gardinen, Sonnenschutz)