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Berber-Teppiche 2016

Ein adoleszenter Markt wird erwachsen

Betrachtet man heute den europäischen und amerikanischen Markt für alte, authentische marokkanische Berberteppiche, kann man im Rückblick sagen, dass es sich bis in die späten 1990er Jahre um einen verhältnismäßig kleinen Nischenmarkt gehandelt hat, der im Lauf des 20. Jahrhunderts unterschiedliche Epochen der Wertschätzung durchlaufen hat, aber nie ein Massenmarkt wurde. | von Gebhart Blazek

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts wurde diese Nische plötzlich mehrheitstauglich und gewann mit vorher nicht für möglich gehaltener Geschwindigkeit international an Popularität. Die letzte Dekade war sicherlich eine Boomphase mit vielen Höhen und Tiefen, wie sie zwischen einer verträumten Kindheit und den späteren Jahren des Erwachsenseins typisch sind.

Wo steht nun dieser Markt heute? Hat er die Pubertät endgültig hinter sich? Wo liegen die Chancen für die Zukunft und wie kann diese aussehen?

Ein Rückblick

Dazu sei zuerst ein kleiner Rückblick erlaubt: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschloss sich im Zuge des aufstrebenden Kolonialismus und den damit entstehenden besseren Handelszugängen dem europäischen Bürgertum der Zugang zu orientalischen Teppichen, die davor ein Privileg des Adels waren. Die Teppiche wurden aufgrund ihrer feinen und fremdartigen Ornamentik geschätzt, die bürgerlichen Interieurs waren reichhaltig und opulent.

Mit den ersten Strömungen der Moderne im frühen 20. Jahrhundert begannen Architekten über schlichtere Konzepte nachzudenken: Otto Wagner forderte (und entwarf) Teppiche, die sich darauf beschränkten, einerseits das Farbkonzept eines Raumes zu unterstützen und andererseits das akustische und haptische Wohlbefinden im Raum zu tragen. Das Ornament sollte ausschließlich dazu dienen, räumliche Zonierungen zu ermöglichen oder eine Wegführung anzuzeigen.

Ähnlich radikal forderte Le Corbusier, dass ein moderner Raum auf drei Säulen aufgebaut sein sollte: jeweils einer industriellen, einer kulturellen und einer archaischen Komponente. Letztere erfüllten bei ihm die Berber Teppiche, die er (wörtlich) für ihr Flimmern am Boden schätzte (und die damit ein ähnliches Wohlbehagen schaffen sollten, das wir etwa mit einem Lagerfeuer verbinden). Die Berberteppiche erlebten in Folge eine gewisse Verbreitung in Kreisen der Architekturmoderne und der künstlerischen Avantgarde der Zwischenkriegszeit.

In den 1960er Jahren folgte in Marokko eine Kommerzialisierung der weißen Berberteppiche mit simplifizierten Designvarianten und einer dem Bedarf angepassten robusten Struktur mit Baumwollgrundgewebe. Diese Produktionen sind in großen Manufakturbetrieben in Rabat und Salé ansässig und produzieren auch heute noch in weitgehend unveränderter Form für den preisbewussten Einrichtungsmarkt.

Daneben etablierte sich über Jahrzehnte hinweg im gehobenen Einrichtungshandel punktuell ein Nischenmarkt für alte, authentische Berberteppiche. Eine besondere Vorreiterrolle kommt hier der Schweiz zu, wo die in der Moderne erarbeiteten Raumkonzepte immer weiter gepflegt wurden und eine Reihe von Händlern auch seit den 1930er Jahren durchlaufend Berber gehandelt haben.

In den 1970er und 1980er Jahren entwickelte sich vor allem in den USA eine gewisse Sammlerszene für marokkanische Teppiche, die sich noch eher an einem Wertekatalog orientalischer Prägung wie Feinheit, möglichst hohem Alter etc orientierte.

Der Markt heute

Der heutige Markt hat seine Wurzeln in den frühen 1990er Jahren und wurde entscheidend von den Vorbildern der klassischen Moderne geprägt, wie sie im Inventar und den Privatsammlungen des Schweizer Handels über Jahrzehnte gepflegt wurden.

Eine scheinbar moderne Bildsprache, die man vor allem in Teppichen des Mittleren Atlas und der westlich vorgelagerten Haouz Ebene in der Region um den Ort Boujad findet, trat in den Vordergrund. Die Lust am Unerwarteten, Spontanen verdrängte die Wertschätzung für die aus dem Orient bekannten Ordnungsprinzipien. Die Körperhaftigkeit des Teppichs als Spielwiese im Wohnraum löste das Verlangen nach sichtbar gemachtem Status ab.

Mit einer kleinen aber sehr fokussierten Sammlerszene in Europa entwickelte sich ein Markt und eine hohe Wertschätzung für ausgefallene, künstlerisch anspruchsvolle Teppiche. Die folgenden Konferenzen, Museumsausstellungen, Publikationen und die Präsenz auf hochwertigen Kunst- und Antiquitätenmessen sorgten für weitere Aufmerksamkeit.

Als sich schließlich in den frühen 2000er Jahren einerseits der US-Markt für marokkanische Teppiche zu interessieren begann, andererseits die mediale Verbreitung der Information und Bilder über digitale Medien zunehmend an Bedeutung gewann, trat eine geradezu explosionsartige Entwicklung in Kraft.
Ähnlich wie bei den iranischen Gabbehs in den 1980er und 1990er Jahren war die rapide steigende Nachfrage durch die aus abgelegenen Regionen kommenden alten Teppichen alleine nicht mehr zu befriedigen. Zusätzlich verlangte der amerikanische Markt nachdrücklich nach den US-typischen roomsize Formaten, die es in der nomadischen beziehungsweise bäuerlichen Tradition nie gegeben hat.

Zuerst wurde die steigende Nachfrage einerseits durch manipulierte ältere Teppiche gedeckt, bei denen das stereotype und am Markt weniger nachgefragte Muster gegen ein besser vermarktbares ausgetauscht wurde. Die Manipulationen wurden mit einer ebenfalls marktkonformen Antikwäsche unkenntlich gemacht.

In weiterer Folge wurde das bei diesen verhältnismäßig simplen Fälschungen erworbene Know-how in kleinen regionalen Produktionen angewandt um gänzlich neue Teppiche herzustellen, die sowohl in Zeichnung als auch den Formaten den Bedürfnissen des Marktes angepasst wurden. Diese adaptierten Produktionen wurden immer noch als alt vermarktet und im internationalen Branchenvokabular setzte sich der aus dem US-Markt stammende Begriff vintage allgemein durch, der zwar einerseits bezüglich des tatsächlichen Alters wenig aussagekräftig ist, andererseits aber klar signalisieren soll, dass es sich um aus der Zeit stammende nomadische Eigenbedarfsteppiche handelt.

Diese Begriffsverwirrungen wurden zusätzlich durch den Umstand begünstigt, dass die starke Entwicklung der digitalen Medien neue Vertriebswege eröffnet, die auch Laien ohne jegliche Branchen-Vorkenntnisse einen kostengünstigen Einstieg in den (internationalen) Handel ermöglicht.

Beni Ouarain im Wunschformat

Eine gegenläufige Bewegung im Markt entstand, als zuerst Jan Kath und in weiterer Folge auch andere Produzenten die Chance erkannten, Teppiche im charakteristischen hochflorig weißen Beni Ouarain-Stil on demand und auf Maß anzufertigen. Naheliegender Weise ist es unmöglich, diese Stücke als vintage zu vermarkten und Kath ironisierte in seinem Marketing die dubiosen Marktpraktiken indem er seine marokkanischen Teppiche offensiv mit dem Label 21st century rugs bewarb.

Kleinmanufaktur für kommerzielle
Berber-Teppiche, Azilal-Gebiet. | Photo: paul ott photografiert
Illegale Kopien dieses von Jan Kath entworfenen Teppichs im Beni-Ouarain-Stil wurden in den vergangenen Jahren auch unter dem problematischen Label "vintage verkauft. Matrix. Le Maroc Blanc. Jan Kath, 21st Century Rugs. | Photo: Jan Kath, Bochum
Dieser Lendenschurz der Mbuti-Pygmänen, Kongo
(37 x 73 cm) diente als Vorlage für...
...eine Reihe von manipulierten bzw. neu angefertigten Teppichen im "Beni Ouarain-Stil mit schwarzer, blauer oder violetter Zeichnung. | Photos: Gebhart Blazek, Berber-Arts, Graz
Azilal (?), Ende 20. Jh., 230 x 120 cm. | Photo: Gebhart Blazek, Berber-Arts, Graz
Über den Autor
Gebhart Blazek ist ein unabhängiger Forscher und Fachhändler für alte marokkanische Teppiche sowie Textilien und ist seit 1996 geschäftlich in diesem Bereich tätig. Seit 1992 war er für mehr als 18 Monate für Feldforschungen in Nordafrika und unterstützt ständig internationale Konferenzen und Fachpublikationen mit seinem Fachwissen. Zusätzlich arbeitet Blazek als Berater für Museen, Auktionshäuser, private Sammler, Designer und Architekten. Seinen Hauptsitz hat Gebhart Blazek im österreichischen Graz; er stellt regelmäßig auf internationalen Textilkunstmessen aus. Weitere Informationen sind im Internet unter www.berber-arts.com erhältlich.

Der zweimalige Gewinn des Domotex Carpet Design Award von Kaths Le Maroc Blanc Kollektion in den Jahren 2009 und 2014 signalisiert insofern eine Trendwende am Markt: In den vergangenen Jahren ist die Skepsis der marokkanischen Produzenten und Händler gegenüber einer ehrlichen Altersdeklaration schrittweise einem neuen Selbstbewusstsein gewichen, die eigenen neuen Entwürfe und Angebote im Segment der zeitgenössischen Designteppiche zu platzieren.

Das mag auch damit im Zusammenhang stehen, dass die Goldrausch-Phase, in der jeder marokkanische Teppich hoch profitabel verkaufbar erschien, sich langsam aber sicher dem Ende zu neigt.

Dieser Hype wurde einerseits dadurch begünstigt, dass im amerikanischen Handel Berber lange Zeit eine völlig untergeordnete Rolle spielten, vor allem weil diesen Teppichen von Seiten des traditionellen Handels nur sehr geringe Wertschätzung zu kam. Ab den frühen 2000er Jahren wurde aber einerseits die Präsenz in den meinungsbildenden Zeitschriften wie Architectural Digest, World of Interiors oder Wallpaper immer größer und auch die Nachfrage von Seiten der Interior Designer förderte die Bereitschaft des Handels sich mit dem Thema schnellstmöglich zu befassen. Andererseits wurde der klassische Handel zusätzlich durch die aufkommenden Online-Angebote von kleinen Startup Unternehmen geradezu dazu genötigt, sich direkt vor Ort verfügbare Lager zuzulegen.

Das Ende des Booms?

Zum aktuellen Zeitpunkt scheint die Boom-Phase sich langsam aber doch dem Ende zu zu neigen, wie in kleineren Details und bei genauerer Marktkenntnis sichtbar wird. Der Konkurrenzdruck und ein gewisses Überangebot am Markt scheinen bereits so groß zu werden, dass sich erste Absetzbewegungen zeigen.

Zum Beispiel bot zuletzt eine dubiose Internet-Auktionsplattform in den USA angebliche Sammlungen zum Verkauf an, die sich bei genauerer Betrachtung offenkundig als überschüssiger Lagerbestand zweit- oder drittklassiger Händler erweisen. Erkennbar daran, dass darin größere Mengen neu produzierter US-Roomsize-Formate enthalten sind bzw. überwiegend Teppichtypen angeboten werden, die erst in den letzten Jahren am marokkanischen Markt aufgetaucht waren. Insgesamt typische Händlerware, die niemals in einer Sammlung Eingang finden würde.

Gleichzeitig findet man bei einzelnen Händlern oder Handelsplattformen zunehmend Abverkaufsaktionen mit Preisnachlässen von 30% bis 50%, was in den vergangenen 15 Jahren bei marokkanischer Ware zumindest äußerst selten war.

Gleichzeitig versuchen prominentere Plattformen wie 1stdibs und manche Auktionshäuser sich zusehends mit größerer Seriosität bei den Bezeichnungen und den bisher oftmals sehr fragwürdigen Altersangaben von der Konkurrenz abzuheben. Ähnliche Veränderungen hin zu mehr Genauigkeit einerseits und anspruchsvolleren Stücken andererseits zeichnen sich - verbunden mit der Bereitschaft dafür auch mehr Geld in die Hand zu nehmen - besonders im oberen Qualitätssegment deutlich ab.

Als Konsequenz dieser Entwicklungen ist am Markt in Marokko zu beobachten, dass einerseits die stark nachgefragten Spitzenqualitäten der authentischen, alten Teppiche in den vergangenen zwei Jahren eine deutliche Preisentwicklung nach oben vollzogen haben, andererseits das Mittelsegment zusehends unter Druck gerät und das Billigsegment augenblicklich nur mehr innerhalb recht enger Preislimits verkaufbar erscheint.

Neuproduktionen

Parallel dazu scheint der Bereich der Neuproduktionen stark an Bedeutung zu gewinnen. Als Vorreiter im obersten Qualitätssegment seien hier einerseits Beispiele wie Jan Kath und seine Le Maroc Blanc Kollektion erwähnt, die von Label Step fair trade zertifiziert arbeiten und internationales Know-how mit regionalem Wissen und traditionellem Berber-Handwerk verknüpfen.

Ironischerweise haben andere wichtige Neuproduzenten ihre Fertigkeiten und ästhetische Schulung in der jahrzehntelangen Herstellung der besten Fälschungen erworben und wenden diese heute vor allem in der Produktion marktgerechter Großformate an.

Fair trade oder vergleichbare Zertifizierungen sind diesen Herstellern ebenso fremd wie den Produzenten der heute am Markt gängigen Teppiche im Beni-Ouarain-Stil, die in den unterschiedlichsten Preissegmenten angeboten werden. Üblich sind dabei eher Strukturen und Hierarchien, die regionalen Traditionen folgen und stark vom ortsüblichen Angebot und Nachfrage an Arbeitskraft geprägt werden. Obwohl dieser Sektor in mancherlei Hinsicht nicht europäischen oder amerikanischen ethischen Normen entsprechen mag, ist er im Land sicherlich von hoher volkswirtschaftlicher Bedeutung. Ähnliches gilt für Produktionen, die seit Jahrzehnten in unterschiedlicher Stilistik für den Tourismusmarkt produzieren.

Zusammenfassend lässt sich die aktuelle Situation in Marokko durchaus als dynamisch beschreiben. Ein Markt, der jahrzehntelang in Warteposition verharrt hat und in den letzten 10 bis 15 Jahren geradezu lawinenartig ein ihm zustehendes Maß an Anerkennung erfahren hat.

Manche Entwicklungen sind dabei so schnell gegangen, dass sich erst in einer ersten Phase der Beruhigung die Möglichkeit bietet, längerfristige und nachhaltige Strategien zu entwickeln.

Bei den tatsächlich alten oder vintage Teppichen ist die Verfügbarkeit naturgemäß endlich und die starke Nachfrage der letzten Jahre hat das Angebot mittlerweile spürbar ausgedünnt. Gute Stücke werden in Zukunft sicherlich noch deutlich im Preis steigen, das mittlere und vor allem das untere Segment werden nach Abflauen des Booms wohl eher an Bedeutung verlieren.

Die größten Chancen, insbesondere in volkswirtschaftlicher Sicht, bietet in Zukunft sicherlich das Feld der Neuproduktionen. Da Marokko - anders als alle anderen Teppich produzierenden Länder - nach wie vor über eine äußerst vitale ländlich-handwerkliche Produktion für den bäuerlichen Eigenbedarf verfügt, ist ein weltweit einzigartiges kreatives Potential in großer Breite vorhanden, das eine unschätzbar wertvolle Ressource darstellen kann, wenn es in richtiger Weise genutzt wird.

aus Carpet XL 03/16 (Teppiche)