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Eine kleine Orient-Warenkunde

Sind Sie ein Orientteppich-Kenner?


Es ist zwar schön, wenn man auf die Frage "Sind Sie ein Orientteppich-Kenner?"mit "Ja" antworten kann. Doch alles kann niemand wissen. Vieles muss auch der versierte Fachmann nachschlagen. Mit unserem Ratespiel in diesem Heft möchten wir Ihnen Fachwissen auf eine unterhaltsame Weise vermitteln: Die ausführliche Auflösung der Fragen folgt gleich in der nächsten Ausgabe. Sie finden daher jetzt auch die Auflösung der Fragen aus der letzen Ausgabe.

Patchwork - Aus Einzelteilen zusammengenähter Teppich
Der Patchwork mauserte sich von einer Modewelle zum etablierten Marktsegment bei den abgepassten Teppichen: der moderne Klassiker. Vor mehr als 10 Jahren kam ein Anbieter aus Istanbul auf die geniale Idee, aus zerschlissenen traditionellen Teppichen die noch brauchbaren Stellen herauszuschneiden und neu zusammenzusetzen. Er befreite damit den Orientteppich vom Mief des Althergebrachten, bewahrte aber dennoch seine Patina. Die Anmutung von "Tausend und eine Nacht" zog im neuen textilen Gewand in die Wohnzimmer der jüngeren Generation ein.

Alte Textilien, löchrige Filze oder auch Leder zu recyceln, ist eine uralte Textiltechnik. Engländerinnen und Amerikanerinnen entwickelten aus dem Patchwork (engl. Flickwerk) sogar eine Kunstform, den Quilt. Und ähnlich wie bei den aufwändigen gequilteten Decken, blieb es auch beim Teppich nicht beim schlichten "Aus Alt mach Neu". Die ursprüngliche Upcycling-Idee wurde vielfach von anderen Produzenten kopiert und verselbstständigte sich zum Einrichtungstrend. Heute werden Teppiche sogar extra zum Zerschneiden geknüpft, farblich unpassende Stücke gebleicht und überfärbt und zuletzt sogar ein Patchworkmuster vollständig neu an einem Stück geknüpft.


Haji Jalili - Hochwertige Tabris-Teppiche
Der Exportteppichmarkt Persiens boomte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dank der wachsenden Nachfrage eines wirtschaftlich erstarkenden Bürgertums in den USA und in Europa. Die Werkstatt des Meisterentwerfers Haji Jalili war in der Lage, gezielt den neuen westlichen Geschmack hoch qualitätvoll zu bedienen. Auf dem dekorativen Antikmarkt - besonders nach Aufhebung des Iran-Embargos im letzten Jahr - sind die klassischen Entwürfe in den abgetönten harmonischen Farben sehr begehrt und erzielen auf Antik-Auktionen hohe Preise.

Hergestellt wurden die Haji Jalili in der ostaserbaidschanischen Stadt Marand, 70 Kilometer nordwestlich von Tabris. Im äußersten Nordwesten Irans, nahe der türkischen Grenze, lag Täbris sehr günstig zu den Handelsrouten nach Europa. Es war der Brückenkopf des persischen Exportteppichhandels und Sitz wichtiger Manufakturen. Zeitlich kann man die Haji-Jalili-Produktion auf das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts bis etwa 1915 eingrenzen. Die Teppiche haben ein Baumwoll-Grundgewebe und Baumwollkanten, die Wolle ist ausgezeichnet. Seidenteppiche sind die Ausnahme. Die Knüpfung ist durchgehend fein bis sehr fein. Berühmt ist das Kolorit: Gold- und Cognacschattierungen, pastellige Blau-, Türkistöne und Korallrot ohne die persertypische Buntheit und Farbenpracht. Diese harmonische Palette ohne große Kontraste wurde später zum Vorbild für viele westliche Teppichproduzenten, zum Beispiel Ziegler und Petag. Das Verdienst der Hadji-Jalili-Werkstatt ist es, die eleganten höfischen Muster der klassischen Perserteppiche zu beruhigen und in westliche Einrichtungsmaße umzusetzen - bis hin zu Übergrößen für die Salons des Großbürgertums. Die harmonische Designierung mit präzise gezeichneten Allover- und floralen Mustern mit Mittelmedaillon ist absolut zeitlos.


Siebenbürger Teppiche - Gruppe anatolischer Teppiche aus rumänischen Kirchen
Die Annahme von einigen durchaus berühmten Teppichexperten, dass es im vorindustriellen Rumänien eine Teppichproduktion gegeben hat, ist vollkommen falsch. Die Geschichte der Siebenbürger Teppiche ist spannend und wurde erst vor einigen Jahren von dem italo-rumänischen Wissenschaftler Stefano Ionescu genau erforscht.

Patchwork haben sich von einer Modewelle zum etablierten Marktsegment bei den abgepassten Teppichen gemausert. | Photo: OCI
Die Kolorierung der Haji Jalili-Teppiche ist geprägt von Gold- und Cognacschattierungen, pastelligen Blau-, Türkistönen und Korallrot ohne die persertypische Buntheit und Farbenpracht. | Photo: Rippon Boswell, Wiesbaden
In den Kirchen der Sächsischen Gemeinden in Siebenbürgen hat sich eine einzigartige Auswahl osmanischer Teppiche des 15. bis 18. Jahrhunderts erhalten. | Photo: Stefao Ionescu
Die nomadisch lebenden Volksstämme Asiens stellten eine Unzahl von Taschenformaten her. Khordjin, die Doppeltasche, ist eine davon. | Photo: Rippon Boswell, Wiesbaden

Siebenbürgen oder Transsylvanien liegt im Zentrum des heutigen Rumäniens, vielen als die Heimat Graf Draculas bekannt. Seit dem 12. Jahrhundert ließen sich hier unterschiedliche Bevölkerungsgruppen aus Westeuropa nieder, häufig deutschstämmig und zusammenfassend als "Sachsen" bezeichnet. Siebenbürgen wurde wohlhabend durch Landwirtschaft und durch seine wichtigen Handelsrouten, auf denen orientalische Luxusgüter aus dem Osmanischen Reich in den Westen transportiert wurden. In der Reformationszeit konvertierten die meisten Sachsen vom Katholizismus zum Protestantismus. Die Bilderfeindlichkeit der neuen Glaubensrichtung führte dazu, dass in den Kirchen die prächtigen Ausmalungen Weiß übertüncht wurden. So wurde Platz geschaffen für eine neuartige Dekoration mit abstrakt gemusterten Teppichen, importiert aus Anatolien.

Für Teppichfreunde ist die Region deshalb spektakulär: In den Kirchen der sächsischen Gemeinden in Siebenbürgen hat sich eine einzigartige Auswahl osmanischer Teppiche des 15. bis 18. Jahrhunderts erhalten, die im Laufe der Zeit von Gemeindemitgliedern an die Kirchen gestiftet wurden. Die Teppiche dienten über Jahrhunderte zur Ausschmückung des Kirchenraumes. Die 400 sind dort bis heute zu sehen, zu denen klassische Holbein-, Uschak-, Lotto-, Selendi- wie auch sogenannte Siebenbürger Teppiche zählen.


Khordjin - Nomadisches Taschenformat
Die nomadisch lebenden Volksstämme Asiens stellten eine Unzahl von Taschenformaten her. Khordjin, die Doppeltasche, ist eine davon. Es gibt sie in allen Größen von handtellergroß bis hin zum Bodenkissenmaß. Kleine Taschen dienten zur Aufbewahrung von wertvollen Pretiosen, die größeren für Haushaltsgegenstände und Kleidung. Selbst Weizen oder Gerste wurde in ihnen gespeichert. Im Alltag der Nomaden mussten alle Gegenstände des täglichen Gebrauchs nicht nur schön, sondern praktisch sein. Zwei gleich große Taschen, die durch einen Mittelsteg verbunden sind, konnte man bei der Wanderung leicht über den Rücken eines Transporttieres legen, an einem Gürtel befestigen, über der Schulter tragen oder im Zelt über die Stangen hängen.

Die Taschenfronten sind wie kleine Bilder gerne stammestypisch kunstvoll und in den unterschiedlichsten Textiltechniken ausgeführt, zum Beispiel in Kelim- oder Soumakhtechnik oder geknüpft gefertigt. Die Rückseiten und Zwischenstege sind meist flachgewebt und nur durch Streifen oder mit sehr einfachen Mustern dekoriert. Die Nomadenfrauen legten oft ihren ganzen handwerklichen Stolz und ihre Liebe in die Herstellung der Taschen, weil sie nicht für den Verkauf bestimmt waren. Erst mit dem Niedergang des Nomadentums durch Grenzziehungen sahen sich die Stämme gezwungen, ihr nun nutzloses textiles Hab- und Gut zu verkaufen. So kamen Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts in Mengen Taschen auf den westlichen Markt. Meist wurden diese aufgeschnitten und zu Kissen verarbeitet. Für die Taschenfronten aus Anatolien, dem Kaukasus und Turkmenistan bis Persien gibt es heute einen florierenden Sammlermarkt.

aus Carpet XL 03/16 (Teppiche)