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Domotex Shanghai 2018 Branchen-Planer

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Domotex + Bau – Bodenbeläge

Teppichfliese verhilft Textil zu neuer Blüte

Die Branche hat ein gutes Jahr hinter sich. Die Hersteller von textilen und elastischen Bodenbelägen zeigten sich auf den Messen auch für 2017 optimistisch. Teppichfliesen verhelfen textilen Belägen zu neuer Blüte. Bei Designbelägen besinnt man sich mit kleinteiligen Formaten und Designs auf die
kreativen Ursprünge des Produktes.


Baugenehmigungen und Bautätigkeit sind auf hohem Niveau. Die öffentliche Hand investiert aufgrund von hohen Steuereinnahmen wieder mehr. Die Auftragsbücher von Handel und Handwerk sind gut gefüllt. Das Konsumklima in Deutschland und Europa ist trotz politischer Unwägbarkeiten gut.

Diese guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beflügeln auch die Hersteller von textilen und elastischen Bodenbelägen. Sie sind optimistisch in 2017 gestartet. Beim Stelldichein der Branche zum Auftakt des Jahres in den Domotex-Hallen 5 und 6 herrschte am Samstag und Sonntag gute Stimmung und geschäftiges Treiben. Die Stände waren teilweise gedrängt voll; Besucher mussten oft auf ihre Ansprechpartner warten. In Halle 9, in der Parkett sowie Holz- und Laminatbeläge ausgestellt wurden, ging es ruhiger zu. Zugpferde wie Hamberger, Parador oder Meisterwerke hatten wegen der Münchner BAU oder eigener Hausmessen auf einen Domotex-Auftritt verzichtet.

Nachdem sich einiges Standpersonal und viele Besucher am Sonntagabend oder spätestens am Montagvormittag auf den Weg gen Süden aufgemacht hatten, lichteten sich die Gänge und Stände in Hannover merklich. In den Messehallen der bayerischen Landeshauptstadt war hingegen die Taktzahl ab Montag wie gewohnt deutlich höher als in Hannover; Stimmung und Atmosphäre wesentlich dynamischer. Denn man kam vom Treffpunkt der reinen Bodenbelagswelt zur Leitmesse der gesamten Baubranche.

Unter dem Strich war die Domotex im BAU-Jahr 2017 eine gute Messe. Mit einem neuen Konzept ab 2018 versucht die Deutsche Messe sie noch attraktiver zu machen - auch und gerade gegenüber der BAU. In Hannover wird dann Freitag der erste Messetag sein und bereits am Montagabend wieder abgebaut. Zudem wird es eine neue Hallenstruktur und jedes Jahr ein übergeordnetes Trend-Thema geben. Viele Aussteller stehen dem neuen Ansatz positiv gegenüber. Alle Details zum Konzept auf Seite 66.

IVC baut Teppichfliesen-Werk

Ob Hannover oder München: Der größte Trend momentan ist, dass textile Bodenbeläge mit Teppichfliesen ein Comeback feiern. Keine andere Ankündigung belegt diese für alle Fans des Textilen wunderbare, aber gerade in Deutschland erstaunliche Entwicklung stichhaltiger als die von IVC. Die International Vinyl Company wird nicht nur ihr Sortiment mit Teppichfliesen des Mutterkonzerns Mohawk diversifizieren. Das Unternehmen baut zusätzlich zu seinen beiden neuen LVT-Produktionsstätten gleich ein eigenes Teppichfliesenwerk im belgischen Mouscron. Geplante Kapazität: 10 Mio. m2. IVC spricht von einem Meilenstein in der 20-jährigen Unternehmensgeschichte. Wohl wahr.

Den Weg, das Sortiment mit modularen textilen Produkten zu erweitern, schlagen derzeit unzählige klassische Anbieter von elastischen Belägen ein: LVT-Pionier Amtico stellte jetzt bereits die Erweiterung seiner erstmals 2015 vorgestellten Kollektion aus Sauberlauf- und Teppichfliesen vor. Marktführer präsentierte in München erstmals die zur Systemkollektion ausgebauten Serie Sie kombiniert LVT mit Teppich- und Sauberlaufplanken. Farblich abgestimmt passen sie auch in der Verlegetechnik zusammen: Alle Looselay-Produkte sind ohne feste Verklebung zu verlegen. Auch Forbo Flooring ergänzt sein bereits umfangreiches Sortiment nicht nur mit Planken des Flockbelags Flotex, sondern geht 2017 mit getufteten Teppichfliesen in den Markt. Auch trendbewusste Großhändler setzen auf das Thema: Kurz vor den Messen ist die neue Kollektion der Mega verteilt worden. Sie kombiniert Teppichfliesen und -planken mit LVT als lose verlegbare Produkte.

Textil und modular sind Trend

Die Strategie dahinter: Man möchte Anbieter von modularen, leicht zu verlegenden und einfach auszutauschenden Bodenbelagslösungen sein. Zudem bieten alle Bodenbeläge in Elementform im Gegensatz zur Bahnenware mehr und flexiblere Möglichkeiten für individuelle und attraktive Bodengestaltungen.

Dieses Ziel verfolgt - aus entgegengesetzter Richtung kommend - auch Teppichfliesen-Weltmarktführer Interface. Was sich bereits Ende 2016 abzeichnete, verkündete das Unternehmen Anfang Februar offiziell: Man steigt in das Geschäft mit LVT ein. Bereits im ersten Halbjahr 2017 soll in den europäischen Märkten Großbritannien, Frankreich, Niederlande und Spanien ein Looselay-Produkt mit 0,55 mm-Nutzschicht in den Markt gehen - später auch in Deutschland. Man reagiere damit auf die veränderten Anforderungen moderner Arbeitsplatzgestaltung, die zunehmend variable Lösungen und auch einen Materialmix verlangten.

Textile Bahnenware hat es weiter schwer

Und was machen die traditionellen Hersteller von textilen Bodenbelägen? In Deutschland, Österreich und der Schweiz haben Anker - schon länger - und jetzt auch Infloor/Girloon, Object Carpet und Findeisen die Zeichen der Zeit erkannt und setzen auf breiter Basis auf modulare textile Beläge. Alles andere wäre auch fahrlässig. Sind die Absätze der Bahnenware doch nach wie vor unter Druck - im Wohnsegment dramatisch, auf Objektflächen weniger.

Andererseits ist der Markt für Teppichfliesen dynamisch und wird aktuell auf 6,5 Mio. m2 geschätzt. Anker ist mittlerweile größter deutscher Hersteller von Teppichfliesen und hat bereits drei reine Fliesen-Serien im Markt. Ulrich Dresing und seinen Vertriebsgesellschaften Infloor und Girloon bescheren die neuen Teppichmodule in Plankenform Absatzrekorde und 2016 unter dem Strich ein Umsatzplus, was allein mit Bahnenware schwer gelungen wäre.

Auch im europäischen Ausland setzt man große Hoffnungen in die Teppichfliese. Balta, größter Teppichbodenhersteller Europas, weitet seine Teppichfliesen-Produktion massiv aus. Fast eine Verdreifachung der Kapazität auf 9 Mio. m2 strebt der französische Hersteller Balsan an. Den traditionsreichen deutschen Herstellern Vorwerk und Dura ist zu wünschen, dass sie in Zukunft wesentlich stärker auf die Karte Modularität setzen. Die Mannschaft von Dr. Christian Schäfer war auf der BAU präsent und zeigte neue Wohn- und Objektkollektionen. Von Vorwerk fehlte jede Spur. Gleichzeitig wurde bekannt, dass Gesamtvertriebsleiter Christian Otte das Unternehmen nach nur rund anderthalb Jahren wieder verlassen hat. Eine schwierige Situation für die Hamelner.

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IVC sorgte nicht nur mit einem gelungenen Standkonzept für Aufsehen, sondern auch mit der Nachricht, ein eigenes Teppichfliesenwerk in Belgien zu bauen.
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Welche Möglichkeiten Digitaldruck auf Teppichboden eröffnet, zeigten Infloor und Girloon auf dem Messestand.
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Der große Trend auf den Messen war die Teppichfliese an sich und ihre Kombination mit Designbelägen in einer gemeinsamen Kollektion. Objectflor
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Ein Hingucker: Digitaldruck wird immer öfter eingesetzt. Das Ergebnis sind lebendigere Bodenbelags-farben und -designs, wie Classen auf dem Messestand wörtlich umsetzt.
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Noch ein Hingucker: Balsan schickte ein Model durch die Domotex-Gänge, das Teppichboden der Franzosen trug.

Jenseits der Teppichfliese ist die Stimmung in der Teppichbodenindustrie durchwachsen. Vor allem im Wohnbereich gehen die Absätze runter. Die Preissteigerungen im Zuge der Aufwertung von Sortimenten können das nicht kompensieren. Für exportorientierte Hersteller, die von Großbritannien als dem wichtigstem Absatzmarkt für Teppichboden in Europa abhängig sind, kommt das Problem Brexit hinzu. Seine Auswirkungen auf den Wechselkurs zwischen britischem Pfund und Euro machen den Herstellern zu schaffen. Teilweise haben sie bereits zum dritten Mal die Preise für den englischen Markt erhöht.

SD-Fasern werten Wohn-Qualitäten auf

Tonangebend bei den zahlreichen neuen Handels-Kollektionen für die deutschsprachigen Märkte sind nach wie vor "Soft & Shiny"-Qualitäten. Dirk Berhorst, D/A/CH-Vertriebsleiter bei Lano, und andere machen aber den Gegentrend "Matt" aus. Er findet sich bereits in der einen oder anderen Kollektion wieder.

Häufiger als in der Vergangenheit konnte man auf der Domotex Teppichböden für den Wohnbereich begutachten, die aus spinndüsengefärbten Polyamid-Fasern produziert werden. Die Qualitäten werden so nicht nur robuster, pflegeleichter und farbechter. Ihr Vertrieb ist auch lukrativer, sagte Jan Hoekman Jr. aus der Inhaberfamilie von Condor Carpets. Generell ist noch einmal ein Trading-up erfolgt; die Kollektionen werden insgesamt hochwertiger.

Druckqualitäten sind weiter auf dem Rückzug. Im Hotel - ehemals ihre Domäne - wird momentan gerne auf strukturierte Scroll- oder Overtuft-Produkte mit Hoch/Tief-Struktur umgesattelt. Die Hersteller von gedruckten Teppichböden setzen stärker auf neue Digitaldrucktechnologie. Infloor und Girloon beeindruckten mit ersten Mustern aus einer Testanlage in Herzebrock-Clarholz. Auch Balta und B.I.G. investieren in diese Technik. Bis sie für textile Beläge technisch ausgereift ist, dauert es aber noch. Bei anderen Bodenbelagsgattungen kommt das Thema auch: Balterio verfügt für Laminatböden über eine neue Digitaldruckanlage. Amorim will im Laufe des Jahres eine neue Anlage fertig stellen.

Hersteller überzeugen am PoS

Den Einkäufern des Handels und den Entscheidern im Objekt wurden nicht nur wieder viele neue textile und elastische Bodenbeläge vorgestellt. Von Herstellerseite hat man registriert, dass vor allem der Handel mehr Verkaufsunterstützung fordert: Konkrete Argumente für und Informationen zu den Eigenschaften und Vorteilen der Produkte müssen in einer Form herausgearbeitet und dargestellt werden, die effektiv und sinnvoll im Verkaufsgespräch hilft.

Die Industrie reagiert. Lano hat seine neue Smartstrand-Kollektion mit leicht verständlichen und bebilderten Informationen zu den Vorteilen des Produktes versehen. Hinter den neuen -Kollektionen von Anker stecken umfangreiche verkaufsdidaktische Überlegungen. Associated Weavers macht sich konkret Gedanken darüber, wie der Handel Endverbrauchern Teppichböden besser präsentieren und verkaufen kann. Dazu gehören Kollektionen sortiert nach Lebens- und Farbwelten, Verkaufstrainings, ein umfangreiches Shop-in-Shop-System mit multimedialen Verkaufshilfen, die Zusammenarbeit mit Schöner Wohnen und vieles mehr.

Auch Hamberger und Moduleo haben gelungene und sehr hochwertige Shop-in-Shop-Konzepte vorgestellt. Mflor und Objectflor sortieren ihre Produkte zukünftig nicht mehr in die traditionellen Kategorien Holz, Stein und Fantasie/Abstraktes, sondern nach Farben oder Einrichtungsstilen. Diese Strategien sind Beispiele für die Entwicklung, dass sich die Industrie von reinen Produzenten bzw. Anbietern zu Entwicklern von Vermarktungskonzepten entwickelt.
LVT-Formate werden kleiner

Im boomenden Segment Designbeläge gibt es mehrere wichtige Entwicklungen. Der Trend zu immer größeren Formaten scheint fast überreizt zu sein, stellte u.a. Project Floors-Vertriebsleiter Bernd Greve fest. Allenthalben waren ästhetische kleinteilige Designs im Fischgrät- oder Würfelmuster zu sehen - eine gelungene Reminiszenz an die kreativen Ursprünge des Produkts.

Bestimmend sind weiter matte Oberflächen. Dekorsynchrone Prägungen stagnieren in ihrer Bedeutung. Immer beliebter werden Kollektionen, die Produkte bieten mit den drei Verlegetechniken Kleben, Klicken und Looselay. Die Nutzschichtstärke 0,55 mm gewinnt noch einmal an Bedeutung. Dryback-Ausführungen erleben ein starkes Wachstum. Immer mehr Anbieter ergänzen ihr Sortiment mit Multilayer-Produkten auf harten, extrudierten Trägern aus PVC oder Kunststoff-Gemischen. Diese verzeihen Unebenheiten auf nicht perfekt vorbereiteten Untergründen.

Zu einem Problem wird der zunehmende Preisdruck. Dieser ist der Branche nicht zuträglich, formulierte Jörg L. Jordan vorsichtig.
| jochen.lange@snfachpresse.de

aus BTH Heimtex 02/17 (Wirtschaft)