Werkhaus
www.decostayle.com


Kronotex Branchen-Planer

Artikel-Archiv


Lust auf textiles Wohnen wecken – aber wie?

Dass etwas für das textile Wohnen getan werden muss, darüber ist sich die Branche einig. Jürgen Bruhn, ehemaliger Redakteur von BTH Heimtex, sagt wie: durch die direkte Ansprache von (angehenden) Innenarchitekten und die gezielte Werbung in Wohnzeitschriften.

Auf Initiative von BTH Heimtex fanden die "Hamburger Deko-Gespräche" statt (siehe BTH Heimtex 1/17, Anm.d.R.). Eine illustre Runde von Wohnexperten diskutierte das Thema "Über welche Kanäle bekommen wir wieder mehr Stoff und damit mehr Atmosphäre in die Räume?" Über die Defizite war man sich einig. Auf der Suche nach Lösungen wurde es schwierig. Hier sind einige.

Die Fachleute aus Presse und Handel hoben die wichtige Rolle der Wohnmedien als Impuls- und Ideengeber wie auch die Rolle der Wohngestalter hervor, also die der Raumausstatter und Architekten. Gleichzeitig wurde beklagt, dass Architekten heute nur noch wenig Ahnung von Stoffen und textilen Wohnelementen hätten. Von den Produkten also, die haptisch wie optisch das Heim gemütlich machen. Sollte das stimmen, dann liegt die Lösung auf der Hand: Die Architekten müssen für textiles Wohnen gewonnen werden.

Wie ist das zu bewerkstelligen? Im Fokus sollten Innenarchitekten stehen, denn die Gestaltung von Wohnräumen ist ihr Metier. Die meisten von ihnen sind im Bund Deutscher Innenarchitekten (BDIA) organisiert. Wenn die Innenarchitekten wirklich über wenig textile Erfahrung verfügen, dann muss man ihnen Hilfeanstellung anbieten. Zu empfehlen ist die Kontaktaufnahme mit der Berliner Bundesgeschäftsstelle oder gleich mit einem der zehn Landesverbände. Alle Daten sind im Netz zu finden.

Wer interessiert ist, sollte diesen Institutionen einen Vortrag oder gleich ein Seminar zum Beispiel mit dem Thema "Trends bei Deko- und Gardinenstoffen" anbieten, gleichfalls für Teppichboden. Auch anwendungsbezogene Themen eignen sich. Es geht darum, die Innenarchitekten wieder näher an das Einrichten mit textilen Elementen heranzuführen. Als Meinungsbildner und Empfehler und gleichzeitig als ausführende Gestalter kommt ihnen eine wichtige Rolle zu. Leider scheint bei ihnen im Laufe der Zeit die Funktionalität der Werkstoffe vor der atmosphärischen Wirkung zu rangieren.

Für wen würde sich die Kontaktaufnahme zu den Architektenverbänden lohnen? Im Grunde für alle, die einen Nutzen davon haben. Für Hersteller und Stoffverlage also, wie auch für den Großhandel und die Einkaufsverbände.

Die Landesverbände des BDIA halten jährlich ihre Mitgliederversammlungen ab und organisieren auch Sonderveranstaltungen. Das sind Gelegenheiten für einen Gastvortrag, bei dem auch die Produktpalette präsentiert wird. Wie viele Teilnehmer zu erwarten sind - dafür gibt es Erfahrungswerte. So kann man sich darauf mit den zu verteilenden Materialmustern einstellen. Noch ein Tipp: Üblicherweise gibt es einen Imbiss. Bieten Sie an, den zu übernehmen.

Und was ist mit dem Architektennachwuchs? Wenn viele Innenarchitekten die textilen Elemente der Räume vernachlässigen, lässt sich schlussfolgern, dass sie während ihrer Ausbildung wenig mit ihnen in Berührung kamen. Oder sie schätzen das Funktionelle mehr als das Atmosphärische. Also Rollos aus Kunststoff und vertikale Lamellenvorhänge aus gleichem Material oder gar metallicbeschichtet statt textile Gardinen und Dekos. Einst für Bürofenster entwickelt, haben diese Erzeugnisse inzwischen Eingang in die Wohnraumgestaltung gefunden.

Beim "Hamburger Deko-Gespräch" mit Bettina Billerbeck, Chefredakteurin Schöner Wohnen (r.), hieß es "Die Gardine kommt zurück". Jetzt muss die Branche dran bleiben, um das textile Wohnen weiter nach vorne zu bringen.

Gleiches gilt für die Böden. Sie sind heute toll designt, aber hart. Erst kamen die geknüpften Teppiche aus der Mode - demnächst vielleicht auch Teppichboden? Die Entwicklung der Absatzzahlen für Laminat und Designböden im Vergleich zu Textilböden lässt diese Vermutung nicht abwegig erscheinen.

Wie steht es um die Ausbildung der Innenarchitekten? Sie findet in Deutschland an unterschiedlich strukturierten Instituten statt. An Fachhochschulen wie auch an Hochschulen oder an Kunstakademien, insgesamt 16 an der Zahl (Anschriften im Internet). In sechs- bis siebensemestrigen Studiengängen kann ein Bachelor- oder Masterabschluss gemacht werden. Inwieweit bei den Studiengängen im Fach Werkstofflehre auch Kenntnisse über Dekorationsstoffe und Gardinen bzw. über deren Anwendung vermittelt werden? Ein Blick auf die Lehrpläne oder ein Kontakt zur Hochschule kann aufklären.

Wie wäre es, dem nächstgelegenen Institut zum Einstieg eine Gastvorlesung vorzuschlagen? Mit Themen wie "Die neuen textilen Fensterdekorationen" oder "Das Zusammenspiel textiler Fenster-, Wand- und Bodenelemente bringt Wohlfühlatmosphäre ins Haus". Auch anwendungstechnische Themen sind denkbar. Wenn sich die Hochschule darauf einlässt, hat das Unternehmen langfristig einen Nutzen. Denn in den Köpfen der angehenden Innenarchitekten bleiben die Produkte und der Name des Herstellers erhalten. Außerdem wird ganz allgemein ein Beitrag für die Verwendung textiler Elemente in der Wohnraumgestaltung geleistet.

Die textilen Wohnprodukte im Bewusstsein der Architekten zu verankern führt zu Raumgestaltung, mit welcher das Wohnbehagen der meist gut situierten Kunden erhöht werden kann. Und was ist mit jenen, die ihr Heim selber einrichten? Sie holen sich ihre Anregungen aus den Wohnzeitschriften oder aus den Wohnbeilagen der Tagespresse. Hier sollte das Marketing der Hersteller ansetzen.

Zeigen Sie den Redakteuren von Schöner Wohnen, Zuhause Wohnen, Deco und wie sie alle heißen, in welcher Fülle an Farben und Dekoren die Stoffe jedes Jahr aufs Neue herauskommen. Welche eleganten oder kuschelig weichen Materialien es gibt, um den Kunden Wohlfühlerlebnis zu bieten. Wie man das macht? Telefonische Kontaktaufnahme mit der Redaktion, Terminvereinbarung für ein Präsentationsgespräch im Verlag und dazu den Musterkoffer einpacken.

Parallel dazu werden die Tageszeitungen mit PR-Beiträgen gefüttert, in denen die ganze Themenpalette des textilen Wohnens behandelt wird. Ob Hersteller von Teppichböden, Dekorationsstoffen oder Gardinen, vielleicht sogar zusammen - alle sind aufgerufen, ihre textilen Wohnprodukte wieder begehrenswert zu machen. In den siebziger und achtziger Jahren klappte das doch. Warum jetzt nicht wieder?

| Jürgen Bruhn

aus BTH Heimtex 03/17 (Deko, Gardinen, Sonnenschutz)