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Bei Raumgestaltung Vespermann kann die Zukunft kommen


Inge und Norbert Berndt sorgen gemeinsam mit ihrer Tochter Katharina dafür, dass bei Raumgestaltung Vespermann nach 124 Jahren Firmengeschichte das Verhältnis von Tradition und Moderne stimmt. Mit einer Filiale in Göttingen setzen sie seit 2012 neue Akzente.

Junge Raumausstattermeister brauchen Zeit für Entwicklung und die Möglichkeiten, Fehler zu machen." Das ist die feste Überzeugung von Norbert Berndt, der mit seiner Frau Inge als vierte Generation die Fahnen der Raumgestaltung Vespermann hochhält. Seit fast 125 Jahren gestaltet der Familienbetrieb aus dem 5.000 Einwohner zählenden Moringen bei Göttingen die Räume der Kunden. Und mit Tochter Katharina Berndt steht die fünfte Generation in den Startlöchern zur Firmenübernahme. Norbert Berndt ist sicher: "Der Elan der Jungen und die Erfahrung der Alten - diese Kombination ist wertvoll." Ab Januar 2018 werden also zunächst zwei Inhaberinnen Berndt die Geschicke der Firma gleichberechtigt leiten.

Da Katharina Berndt die Generationenfolge sichert, hat sich die Familie vor fünf Jahren zu einer Firmenvergrößerung mit einer Filiale in Göttingen entschlossen. So konnte das Personal erhalten und der Tochter der nötige Freiraum verschafft werden, erklärt Norbert Berndt. "Wir wollten eine Immobilie mit einem Parkplatz davor und ohne viel Laufkundschaft: So haben wir Zeit für unsere Kunden." Der Standort am Eichendorffplatz erfüllte alle Bedingungen. Die Entscheidung für das Göttinger Ostviertel war nach einem Blick in die aktive Kundenkartei schnell getroffen: Gute 30 % der Kunden kamen schon vorher aus dem Stadtgebiet, wo sich mit zahlreichen Bürgerhäusern mit Deckenhöhen von 4 m viel Gestaltungsraum für Stoffbahnen bietet. Im Oktober 2012 wurde die Filiale eröffnet.

Verkaufsraum als Visitenkarte für hochwertige Raumausstattung

Die Zielgruppe der Familie Berndt, die an beiden Standorten ein "House of Jab" führt, sind Interessenten für hochwertige Raumausstattung. Inge Berndt: "Aber letztendlich decken wir alles ab: Auch klassische Ikea-Kunden können bei uns etwas finden." Denn auch die hochwertigen Hersteller wie Jab Anstoetz haben konsumige Artikel im Angebot. Der Schwerpunkt liege aber im mittleren bis hochwertigen Bereich, gern auch einmal mit Tendenz Luxus. "Wer sich als Raumausstatter im gehobenen Mittelfeld platzieren will, muss sich entsprechend aufstellen", ist Familie Berndt überzeugt. Viele Kunden seien stolz darauf, sich Vespermann leisten zu können, freut sich Inge Berndt. Entsprechend wertig müssen natürlich auch die Dekorationen wirken.

Die Schaufenster - Visitenkarten der Geschäfte - werden alle sechs bis acht Wochen von Inge und Katharina Berndt neu gestaltet. Die Front des 350 Jahre alten Geschäftshauses in Moringen wirkt etwas traditioneller und gemütlicher als die helleren Räume in Göttingen. Mit verschiedenen Farben und Zusammenstellungen der Shop-in-Shop-Systeme von Jab Anstoetz werden unterschiedliche Atmosphären erzeugt. Die kleinen Schaufenster in Moringen lassen nur erahnen, was in Geschäft und Ausstellungsraum auf die Kunden wartet. Auf rund 100 m2 präsentiert Vespermann alle Bereiche der klassischen Raumgestaltung: Dekos und Gardinen, Polsterei, Bodenbeläge, textile Wandbekleidung und Sonnenschutz.

In Göttingen schaut der Kunde hingegen in einen offen, großen Verkaufsraum und erhält so schon einen Eindruck vom Angebot des Fachhändlers. Dazu die Präsenter mit Kissen und Accessoires, die in Moringen einen deutlich geringen Anteil ausmachen. Inge Berndt ist überzeugt: "Schaufenster sind wichtig!" Raumausstatter müssen mit ihrer Auslage neugierig machen und überzeugend zeigen, dass sie dekorieren können. "Wir müssen uns in die Lage des Endverbrauchers versetzen." Ihre Mitarbeiter fordert sie auf: "Stellt Euch vors Fenster und denkt wie ein Kunde. Der soll sehen: Wir sind es wert, dass er uns sein Geld gibt."

Anregungen für die Schaufenstergestaltung geben die Jahreszeiten, aber auch die PoS-Pakete der Editeure, die Raumgestaltung Vespermann nun an beiden Standorten intensiv nutzen kann. "Auch der Tisch mit den Kissen, die Katharina genäht hat, zieht in Göttingen immer wieder Leute in den Laden", freut sich Inge Berndt. Und durch die Verbindung der Tochter mit dem Jungmeisterkreis (siehe Kasten Seite 176) entstünden immer wieder Kontakte, mit denen vorhandene Deko-Pakete getauscht werden. "Das ist Netzwerk in der besten Form."

Klassisches Sortiment

Raumgestaltung Vespermann ist ein klassischer Raumausstatterbetrieb: "Wir polstern, nähen und machen den Boden selbst", fasst Norbert Berndt zusammen. Polsterei und Näherei befinden sich in Moringen, das soll auch so bleiben. Die Hauptstandbeine sind Gardine, Sonnenschutz und Polsterei. "Den Boden wollten wir etwas herunterfahren", erzählt Inge Berndt. Doch seitdem für diesen Bereich keine Werbung mehr gemacht würde, "läuft es besser als vorher". Am liebsten verkaufe sie abgepasste Teppiche. "Doch auch der Teppichboden kommt wieder", freut sich die Raumausstatterin. "Und bei uns steigt Stoff gegen den Trend."

Beim Wareneinkauf konzentrieren sich die Berndts auf wenige Lieferanten. Neben Jab Anstoetz sowie Zimmer + Rohde gehören unter anderem Prestigious Textiles und Fischbacher zum Programm. Bei der Gardine herrsche der Trend, sich auf einzelne Bereiche zu konzentrieren: "Ein ausdrucksvoller Inbetween, halbtransparente Materialien oder eine schöne Übergardine. Ganz selten werden Store und Dekostoff gemeinsam verarbeitet." Der Kunde möchte nur einen Fensterartikel, oft kombiniert mit Sonnenschutz, der immer textiler und wohnlicher wird. "Wenn wir dazu hochwertige Vorhangstangen unter dem Motto ,Überschrift fürs Fenster’ anbieten, kommt das bei den Kunden gut an." In Göttingen sei darüber hinaus die Übergardine zum Zuziehen (nicht nur als Schal an der Seite) ein großes Thema. Bei den Möbelstoffen erkenne sie keinen eindeutigen Trend. "Vom knallorangen Ohrensessel mit grauem Hocker bis zu spannenden Kombinationen wie Pink-Petrol oder den immer beliebten Noncolours ist alles dabei - je nachdem, wo die Möbel zum Einsatz kommen."

Zweimal im Jahr werden bei den Außendienstlern der Lieferanten die neuen Kollektionen begutachtet. "Die Musterkosten für Raumausstatter sind exorbitant hoch", erklärt Norbert Berndt. 8.000 bis 10.000 EUR seien eine beachtliche Größenordnung, und "Bügel die nicht laufen, werden aussortiert - sind aber dennoch bezahlt." Durch den Filialbetrieb haben sich diese Kosten nun verdoppelt. "Doch wenn wir die Produkte nicht zeigen, können wir sie auch nicht verkaufen. Das ist unser Handwerkszeug." Das Stoffangebot deckt preislich eine breite Palette ab.

Nähe zu Kunden und Mitarbeitern

Als Möglichkeit der Kundenbindung sieht Inge Berndt persönliche Mailings und Events. Die Datei mit rund 2.000 registrierten Kunden wird gut gepflegt, um auch gezielt bestimmte Gruppen ansprechen zu können. Mundpropaganda sei ebenfalls nicht zu unterschätzen - in jede Richtung: "Wenn man schlecht ist, spricht sich das schneller herum, als wenn man gut ist."

Die Vespermann-Filiale am Göttinger Eichendorffplatz feiert in diesem Jahr ihr fünfjähriges Bestehen.
Inge und Norbert Berndt führen Raumgestaltung Vespermann in vierter Generation.
Tochter Katharina Berndt ist Raumausstattermeisterin und wird die Firma ab 2018 gemeinsam mit ihrer Mutter führen.
Der Showroom in Göttingen wirkt klarer und ist weitläufiger als der Traditionsstandort in Moringen mit seinem gemütlichen Ambiente.
Der rote Sessel vor der Wand mit den Teppichmustern ist ein Entwurf von Katharina Berndt, den sie in ihrer Meisterschule in Oldenburg realisierte.

Bei regelmäßigen Verkaufsaktionen und Veranstaltungen im Haus sorgen die Berndts für Kundennähe, beispielsweise mit jährlich stattfindenden Events im Hof hinter dem Ladengeschäft in Moringen. Auch Lieferanten können hier ihre Neuheiten zeigen. Mitunter werden Stoffpräsentationen mit kulinarischen Highlights, Weinproben oder Probefahrten im Luxusauto kombiniert. "Einmal ergänzte eine Malerin unsere Präsentation mit einer Bilderausstellung auf dem Hof, ein anderes Mal haben wir zur Stoffreise eingeladen, bei der zu den Textilien aus verschiedenen Ländern passende kleine Speisen gereicht wurden", erzählt Inge Berndt. Im Oktober, wenn das fünfjährige Jubiläum in Göttingen ansteht, lassen sich die Berndts sicher auch wieder etwas Spannendes einfallen.

Aktuell beschäftigt die Familie neben den beiden Meistern Norbert und Katharina Berndt zwei Gesellen, zwei Lehrlinge und eine Näherin. "Wir setzen auf das Wissen und Können unserer Mitarbeiter", so Norbert Berndt. Die Weiterbildung ist der Familie ein wichtiges Anliegen, ob auf Fortbildungen, Workshops, Tagungen oder Messen.

Wer darüber hinaus Ideen hat, findet bei den Inhabern immer offene Ohren. Einmal im Monat kommt das ganze Team zu einer Betriebsbesprechung zusammen. "Da kann dann jeder Mitarbeiter Wünsche äußern, Kritik üben oder Vorschläge machen - das hat sich für das Betriebsklima bewährt", erklärt Norbert Berndt.

antje.lueckingsmeier@snfachpresse.de


Daten + Fakten
Raumgestaltung Vespermann
Wasserstraße 9
37186 Moringen
Tel.: 05554/12 34
Fax: 05554/25 87
www.raumgestaltung-vespermann.de
info@raumgestaltung-vespermann.de

Filiale Göttingen:
Düstere-Eichen-Weg 19a
37073 Göttingen
Öffnungszeiten Moringen:
Mo. - Fr. 9 bis 13
und 14 bis 18 Uhr
Sa. geschlossen
Öffnungszeiten Göttingen:
Mo. - Fr.: 10 bis 13
und 14 bis 18 Uhr
Sa.: 10 bis 13 Uhr
Inhaber: Inge Berndt
(ab Januar 2018 gemeinsam
mit Tochter Katharina)
Gründungsjahr: 1893
Kunden: 70 % Privat, 30 % Objekt
Mitarbeiter: 2 Gesellen, 2 Lehrlinge und 1 Näherin
Betriebsfläche Moringen: 48 m2 Laden, 50 m2 Ausstellungsraum für Sonnenschutz und Bodenbeläge, Polsterwerkstatt, Atelier, Lager, Garten für Events
Betriebsfläche Göttingen: 110 m2 Laden und Ausstellungsraum für Stoffe, innenliegender Sonnenschutz, Bodenbeläge und Teppiche
Sortiment: Sonnenschutz (35 %), Dekorationsstoffe und Gardine (35 %), Fußboden (20 %), Polstern (10 %)
Leistungsspektrum:
-Nähatelier und Gardinendekoration
-Individuelle Fußböden
-Sonnenschutz innen und außen
-Moderne und traditionelle Polsterei (altdeutsche, französische und englische Art)
-Sonderanfertigungen von Teppichen
-Textile Wandbekleidung und Tapezierarbeiten
-Reinigungs- und Waschservice
-Reparatur und Wartung

Wünsche an die Industrie

"Der Weg von der Vorlage der neuen Kollektion bis zur Auslieferung der neuen Musterbügel ist häufig lang", stellt Inge Berndt fest und wünscht sich Abhilfe. Verbesserungspotential sehen die Berndts auch bei allzu zögerlichen Regulierungsbedingungen im Falle werkseitiger Fehler.

Außerdem sind sich Raumausstatter Inge und Norbert Berndt einig: Bei den Lieferanten sollten Zuverlässigkeit und Lösungsorientierung im Vordergrund stehen. "Wir sind sehr verbindlich mit unseren Kunden", erzählt Norbert Berndt. Sein Ansatz sei auch in schwierigeren Fällen: "Wir schaffen das". So eine Einstellung wünsche er sich auch von Seiten der Hersteller. Leider lasse die Bereitschaft, sich mehr einzubringen als nötig, bei vielen Gesprächspartnern nach.

Jungmeister und andere Netzwerke

Norbert Berndt, von 2003 bis 2013 Präsident des Zentralverbands Raum und Ausstattung (ZVR), weiß um die Wichtigkeit von Netzwerken: "Durch die Verbandstätigkeit haben wir gelernt, über den Tellerrand zu schauen." Er trifft sich noch immer mit dem Klassenverband seiner Meisterschule: "Seit 1981 kommen wir alle zwei Jahre mehrtägig zusammen; da bekommt man mit, wie es bundesweit in der Branche läuft." Außerdem mischt Berndt noch im Wirtschaftsclub mit: "Dort wird genetzwerkt, was das Zeug hält - das macht Spaß."

Katharina Berndt geht mit den vom ZVR abgekoppelten Jungmeistern eigene und neue Wege und ist zusätzlich aktiv im Vorstand der Wirtschaftsjunioren. "Die Jungmeister haben sich 2015 gegründet, um aus einem losen Verband etwas Festes zu machen." Ziel sollte sein, ein Netzwerk und Fortbildungsmöglichkeiten zu schaffen für junge und junggebliebene Raumausstatter und Gesellen. "Auch angestellte Meister und Raumausstatter wollen wir mehr mit ins Boot holen", so Katharina Berndt. Alle zwei Jahre gibt es eine große Tagung mit Workshops, Seminaren und Fachvorträgen. In den Zwischenjahren werden ausgewählte Tagungen und Specials mit einzelnen Lieferanten organisiert.

Konkurrenz ist für die Jungmeister kein Thema. "Wir wollen zusammenarbeiten und uns gegenseitig unterstützen", erläutert Katharina Berndt. Die Branche sei zu klein und zu weit gestreut, um sich zu bekämpfen. "Wenn jemand in unserer Facebook- oder Whatsapp-Gruppe eine fachliche Frage stellt, bekommt er innerhalb kurzer Zeit eine Antwort." Über die Facebook-Jobbörse können freie Stellen eingetragen oder Betriebsübernahmen bekannt gegeben werden, darüber hinaus gibt es eine Schaufenstertauschbörse (z.B. für Messen). Katharina Berndt ist sicher: "Wenn man sich gegenseitig hilft, profitieren alle davon." Informationen gibt die Webseite ââwww.jungmeister.eu.

aus BTH Heimtex 09/17 (Handwerk)