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Austrocknungsverhalten von Estrichen auf Anhydrit- oder Zement-Basis

Nasser Estrich durch zu schnelle Trocknung?

Trocknungsprobleme sind Alltag im Estrichbau. Lange Wartezeiten bis zur Belegreife bedeuten mitunter hohe Folgekosten - ein zu frühes Belegen führt fast immer zum Schaden. Welche Einflüsse bestimmen die Trocknungsdauer konventioneller Zement- und Anhydritestriche? Sind konkrete Vorhersagen überhaupt möglich? Michael Sungen, Estrich-Fachberater der Bayer Industrieprodukte, erklärt wichtige Einflussfaktoren und zeigt, dass auch eine zu schnelle Trocknung die Belegreife verzögern kann.

Wenn der Estrich zum geplanten Zeitpunkt noch keine Belegreife erreicht hat, kommt es häufig zu Beanstandungen seitens der Bauleitung wegen drohender Zeitverzögerungen im Bauablauf und entsprechender Folgekosten. Vor diesem Hintergrund erscheint eine ebenso schnelle wie kalkulierbare Trocknung des Estrichs erstrebenswert.

Aber ab welchem Zeitpunkt ist ein Estrich in der Praxis belegreif? Die weit verbreiteten Meinung vieler Nachbargewerke, dass ein Estrich grundsätzlich nach 28 Tagen belegreif zu sein hat, ist jedenfalls ein Trugschluss. Das belegen zahlreiche Feuchteschäden an Estrich und Belag, bei denen nach Ablauf dieser Frist ohne Feuchtigkeitsprüfung direkt der Belag aufgebracht wurde. Die 28 Tage beziehen sich nämlich ausschließlich auf das Abbindeverhalten des Estrichmörtels: Zu diesem Zeitpunkt muss der Mörtel seine Endfestigkeit erreicht haben - das sagt jedoch nichts über die Belegreife oder Restfeuchte des Mörtels aus.

Wenig hilfreich sind auch populäre Faustformeln wie: "Pro Zentimeter Estrichdicke eine Kalenderwoche Trocknungsdauer". Das mag bei Schichtdicken bis 4 cm meistens zutreffen - bei größeren Dicken verlängert sich die Trocknungsdauer jedoch überproportional. Die Formel lässt sich dann nicht mehr anwenden.

Rechenformeln helfen nur eingeschränkt weiter

Wesentlich näher an der Realität liegt das folgende Rechenbeispiel für eine 60 Millimeter dicke Estrichplatte: 6 cm x 6 cm x Faktor 1,6 = 57,6 Tage. Hier wird die Estrichdicke zum Quadrat genommen und mit dem Faktor 1,6 multipliziert. Der errechnete Wert gibt die Trocknungsdauer in Tagen an, bis der Estrich seine Belegreife erreicht. Voraussetzung ist allerdings ein konstantes Raumklima von 65 % relativer Luftfeuchte und einer Temperatur von 21 C.

Da ein solches "Idealklima" im Baustellenalltag selten geben ist, taugt die Faustformel in der Praxis lediglich als Orientierungshilfe. Die Trocknungsdauer eines Estrichs wird nämlich wesentlich die klimatischen Umgebungsbedingungen beeinflusst, die je nach Baustelle sehr unterschiedlich ausfallen können. Hinzu kommt die Schichtdicke sowie die Mörtelzusammensetzung. Angesichts der vielfältigen Einflussfaktoren bleibt die sicherste Methode zur Bestimmung der Belegreife eine Feuchtemessung durch CM-Prüfung.

7 wichtige Einflussfaktoren für die Trocknungsdauer

Die Bindemittelart spielt für die Trocknungsdauer hingegen nur eine Nebenrolle: Grundsätzlich gilt, dass ein konventioneller Anhydritestrich genau so schnell oder langsam trocknet wie ein konventioneller Zementestrich. Die Trocknungsdauer wird prinzipiell vor allem von den folgenden sieben Faktoren beeinflusst:

1. Das Bindemittelprodukt: Es gibt beispielsweise verschiedene Zementsorten mit unterschiedlichem Wasseranspruch.

2. Der Zuschlag: Ein sehr hoher Feinstanteil im Zuschlag erhöht den Wasserbedarf.

3. Das Zusatzmittel: Hier wird auf chemischem Wege Anmachwasser gespart, was die Festigkeit steigert und die Austrocknung positiv beeinflusst.

4. Die Konsistenz: Je plastischer der Estrichmörtel eingestellt wird, um so mehr Wasser ist in der Mischung - mit entsprechend negativem Einfluss auf Trocknungsdauer und Festigkeiten.

Falsch bemessene Trocknungsmaßnahmen können das Erreichen der Belegreife von Estrichen erheblich verzögern.
Der Autor, Michael Sungen, ist Estrich-Fachberater der Bayer Industrieprodukte.

5. Das Raumklima: Hohe Luftfeuchtigkeit durch geschlossene Fenster und Türen verhindert die Abgabe des Überschusswassers an die Raumluft. Problematisch sind vor allem stark durchfeuchtete Neubauteile wie frisch verputzte Wände, Decken und Betonbauteile - sie geben große Mengen Wasser an die Raumluft ab. Altbauten und Trockenbauweise begünstigen hingegen die Trocknung.

6. Folgehandwerker: Nachfolgegewerke, die große Teile der Estrichfläche mit Gipskartonplatten, Sand oder Folien abdecken, verhindern ebenfalls das Austrocknen.

7. Künstliche Trocknungsmaßnahmen: Kondenstrockner (Bautrockner) sorgen für ein optimales Raumklima, so dass alle Bauteile ihre Feuchtigkeit gleichmäßig an die Raumluft abgeben können. Dadurch lässt sich die Estrichtrocknung deutlich begünstigen.

Achtung: Auch bei "Idealvoraussetzungen" können Probleme auftreten

Es kann allerdings vorkommen, dass ein Estrich selbst unter scheinbar besten Trocknungsbedingungen überhaupt nicht trocknet. Hierzu ein Beispiel aus der Praxis: In einem Altbau wurde ein 5 cm dicker Zementestrich auf Dämmschicht eingebaut. Die Mischung wurde mit einem Zusatzmittel versehen, um die Trocknungszeit zu verkürzen - zumal als Oberboden ein dampfdichter PVC-Belag vorgesehen war.

Eine erste Feuchtigkeitsmessung nach rund 18 Tagen ergab eine Restfeuchte von mehr als 3,5 CM-%. Daraufhin wurden zur weiteren Trocknungsbeschleunigung zwei Kondenstrockner mit einer Leistungsfähigkeit bis zu 120 Liter Kondenswasser pro Tag aufgestellt. Dennoch zeigte der Estrich auch 32 Tage nach der Verlegung und dem ordnungsgemäßen Aufstellen der Kondenstrockner immer noch eine Restfeuchte von 3,5 CM-%.

Keiner der Beteiligten - Architekt, Bauherr, Boden- und Estrichleger - hatte eine Erklärung für dieses Phänomen. Man wandte sich an den Materialhersteller, bei dem jedoch zunächst ebenfalls Ratlosigkeit herrschte.

Die Ursache ergab sich erst beim Ortstermin: Das trockene Umfeld im vorliegenden Altbau, die Verwendung eines bauchemischen Trocknungsbeschleunigers, die erdfeuchte Mörtel-Konsistenz (Maschinenglättung), der überdimensionierte Einsatz von Kondenstrocknern und das Raumklima hatten in dem Gebäude zu einer extrem niedrigen relativen Luftfeuchtigkeit von 30 % geführt. Die Folge: Während der Trocknung kam es zu einem so genannten "Kapillare-Filmabriss" in der oberen Estrichzone, der die weitere Trocknung verhinderte. Der Estrich war also zu schnell getrocknet worden.

Zu rasch getrocknete Randzone kann weitere Trocknung verhindern

Wird die in der oberen Estrichzone enthaltene Feuchtigkeit zu schnell an die Raumluft abgegeben, reißt die kapillare Wassersäule ab. Das restliche Wasser in den unteren Estrichschichten kann dann kaum noch durch diese trockene Schicht hindurch diffundieren. Ähnlich verhält sich das Erdreich bei einem Regenguss nach einer "langen Dürre": die stark ausgetrocknete Oberfläche kann kein Wasser aufnehmen - es kommt zur Überschwemmung.

Bevor man bei Estrichen Maßnahmen zur Beeinflussung der Trocknungsdauer ergreift, empfiehlt es sich daher immer, zunächst die Rahmenbedingungen zu prüfen. Ein Estrich sollte grundsätzlich möglichst gleichmäßig austrocknen - bis der geforderte Restfeuchtegehalt erreicht ist. Eine effektive Beschleunigung setzt einen richtig berechneten Einsatz der gewählten Maßnahmen zur Trocknungsbeschleunigung voraus.

Was tun, wenn der Estrich dennoch zu schnell getrocknet wurde? Im oben beschriebenen Beispiel wurde die Oberfläche leicht mit Wasser befeuchtet, um den Feuchtigkeitstransport aus den unteren Schichten durch die Kapillarkräfte wieder in Gang zu bringen. Nach einer erneuten Trocknung durch regelmäßiges Stoßlüften erreichte der Estrich 40 Tage nach der Verlegung schließlich eine Restfeuchte von 2,0 CM-% - und hatte damit endlich Belegreife erreicht.

aus FussbodenTechnik 05/02 (Handwerk)