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Wohn-Lexikon

Lexikon / stil design / Jugendstil (ca. 1900 bis 1920)

Beschreibung
Als Aufbruch zur Moderne und Überwindung des Historismus entstand um die Jahrhundertwende der Jugendstil mit vielfältigen Strömungen, die in den einzelnen Ländern ihre eigenen Namen hatten, was international als Art Nouveau = Neue Kunst bezeichnet wurde. Wissenschaft und Technik machten gewaltige Fortschritte, wodurch sich Weltbild und Lebensstil veränderten. Mit der zunehmenden Industrialisierung wurde dem künstlerischen Handwerk zunehmend der Boden entzogen.

Der neue Stil wollte eine eigenständige, alle Bereiche der Kunst und des Kunsthandwerks durchdringende Formensprache entwickeln. Vorbild war die Arts & Crafts-Bewegung in England, deren Protagonisten William Morris und John Ruskin sich intensiv um die Wiederbelebung des Kunsthandwerks und die Rettung handwerklicher Traditionen bemühten. Ihr zentrales Anliegen gründete sich auf die Forderung, den freien Künsten eine enge Zusammenarbeit mit dem Handwerk zu ermöglichen und der nachlässig maschinell hergestellten bloßen Nachahmung von Kunsthandwerk in billiger Version solide gearbeitetes Mobiliar entgegenzustellen.


Die künstlerischen Bemühungen galten in erster Linie dem vom Pflanzenmotiv ausgehenden linearen Ornament, einer ganz neuen Linienführung, die an Schlinggewächse erinnert. Die Hauptabsicht lag in der Schaffung eines einheitlichen Stils, der Wiederbelebung des Organischen und in dem Versuch, das Schöne und Menschliche, das natürliche Maß in das kulturelle und soziale Bewusstsein zurückzuholen.


Diese Forderung ging auch in die Bestrebungen der Wiener Secessionskreise ein. Mit der Gründung der Wiener Werkstätten und einer aufstrebenden Kleinkolonie künstlerisch tätiger Handwerksbetriebe wurden neue Impulse gegeben. Der bedeutende Architekt und Designer Josef Hoffmann gründete gemeinsam mit Koloman Moser und dem Bankier Fritz Wärndorfer 1903 die Wiener Werkstätten, eine Gemeinschaft von Kunsthandwerkern und Künstlern, die zu den bedeutendsten Zentren des Kunsthandwerks im frühen 20. Jh. zählen. Übergeordnetes Ziel dieser Gruppe war die erstklassige Herstellung formal und qualitativ hochwertiger Gegenstände besonders der Innendekoration; von Möbeln bis zu kunsthandwerklichen Gegenständen sowie Stoffen, Tapeten und Teppichen nach Entwürfen von Künstlern der Wiener Secession.


In Deutschland war München die Kernzelle des Jugendstils. Man findet Anfänge bei den Arbeiten der Künstler, die zum Umkreis der in München erscheinenden Zeitschrift Jugend (1896) gehörten. Ein weiteres wichtiges Zentrum des deutschen Jugendstils ist Darmstadt, wo Anfang des 20. Jhs. auf der Mathildenhöhe die berühmte Künstlerkolonie entstand. Die Darmstädter fassten den Stil strenger und geradliniger auf. Im Jahre 1901 wurde die erste Bauausstellung überhaupt mit Bauten, Inneneinrichtungen und Designs von J. M. Olbrich, P. Behrens u.a. eröffnet.


In Deutschland überwog schon früh die praktische Einsicht, dass man auf Dauer nur erfolgreich sein könne, wenn es gelänge, Produkte mit einem anspruchsvollen Niveau zu entwerfen und herzustellen. So förderte auch die Industrie den Jugendstil und seine Künstler, wie z.B. die Württembergische Metallwarenfabrik, die in jener Zeit zu den Förderern der Einbeziehung von Kunst in die Industrie gehörte. Sie stellte im Jahre 1907 ihre Produktion unter dem Einfluss von Albert Mayer auf florale Jugenstilformen um. Die Entwürfe stammten von den bekanntesten deutschen Künstlern.


Viele Künstler und Handwerker schlossen sich in Gruppen zusammen und begannen, auf der Grundlage rein handwerklicher Traditionen und ihrem Qualitätsniveau, Produkte des Wohnens und des Gebrauchens neu zu entwerfen. Es entstanden völlig neue, unkonventionelle und extravagante Formen aus edlen Materialien. Die Preise allerdings waren so hoch, daß sie nur von der Oberschicht aufgebracht werden konnten. Die entstandenen Werkstätten (z.B. Vereinigte Werkstätten für Kunst im Handwerk in München, Dresdner Werkstätten, Worpsweder Werkstätten etc.) und ihre Künstler, wie Richard Riemerschmidt, Joseph Hoffmann, Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens und viele andere bereicherten mit ihrer Arbeit jedoch indirekt und später auch direkt den Formenfundus der Industrie auf einem sehr hohen handwerklichen wie künstlerischen Niveau. Sie repräsentierten die Ideen des Jugenstils und waren die handwerklichen Vorbilder, nutzten jedoch gleichzeitig die Möglichkeiten, die ihnen von der Industrie geboten wurden.


Im Jahr 1907 wurde Peter Behrens in den künstlerischen Beirat der Firma AEG berufen und entwickelte unter Einbeziehung der Produktgestaltung bis hin zur Architektur das weltweit erste komplette Corporate Identity (Erkennungszeichen und damit das Erscheinungsbild einer Firma nach außen durch ein einheitliches Design aller firmenrelevanten Kommunikationsmittel). Es entstanden bedeutende Bauwerke, wie z.B. eine komplette Siedlungsanlage für die Arbeiter des Unternehmens in Henningsdorf. Mit dem Bau der Turbinenhalle (1909) in Berlin, die auch Kathedrale der Arbeit genannt wurde, gelang es ihm, die künstlerische Fabrik zu schaffen. In der Person Peter Behrens vollzog sich der ästhetische Umbruch vom Künstler/Entwerfer zum Industriedesigner.


In der Baukunst entwickelte sich eine neue Ästhetik. Mit der Erfindung des französischen Gärtners Joseph Monier begann die Erfolgsgeschichte des Eisenbetons. Materialien wie Stahl und Glas ermöglichten phantastische Bauwerke, die konventionell mit Steinen nicht zu bauen gewesen wären. Die durch diese technische Neuerung ermöglichten und durch die Weltausstellungen forcierten Eisenskelettkonstruktionen wurden zu architektonischen Kunstwerken von höchster Poesie, wie z.B. die fantasievollen Eingänge zur Pariser Metro, die der wohl begabteste Architekt der französischen Art Nouveau-Bewegung Hector Guimard schuf. Auch der belgische Architekt Victor Horta ist ein herausragender Architekt dieser Zeit. Er brachte in seinen Entwürfen das ästhetische Potential von Metall und Glas in vollendeter Weise zum Ausdruck. Mit der für den Industriellen Tassel entworfenen Villa schuf er ein Gebäude, das zu den ersten eindeutigen Jugendstil-Wohnbauten Europas zählt. Das Palais Solvay in Brüssel gilt als sein persönlichstes Gesamtkunstwerk, wo er auch die luxuriöse Ausstattung mit großer Liebe zum Detail in jeder Einzelheit selbst entwarf und in den edelsten Materialien anfertigen ließ. Eine überragende Persönlichkeit des spanischen Jugendstils (Modernismo) ist der Architekt Antonio Gaud, dessen Bauwerke von höchster Originalität sind. Sein Hauptwerk, die im Jahre 1883 begonnene Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona, blieb unvollendet.


Bei den schlichteren Wohnbauten, die für die Breite des Volkes in großem Umfang entstanden, vermischten sich häufig historisierende Elemente mit farbigen Glasfenstern und Jugendstildekor. Ungeachtet der ursprünglichen Absicht ließ der technische Fortschritt keinen Raum für künstlerische Ideale. Für das Volk war die Kunst zu teuer. Im Kunsthandwerk entstanden maschinelle Kopien, die die massenhafte Produktion ermöglichten. Verarbeitet wurden weniger teure Hölzer, oft lackiert oder gestrichen. Zur Dekoration wurden preiswertere Metalle in Form von Bändern, Ranken oder Spiralen verwendet. Der von einigen hervorragenden Künstlern originell und meisterhaft vorgetragene Jugendstil erschöpfte sich schließlich in maßlosen Übertreibungen und verklang wie eine Modeerscheinung. Das historische Verdienst aber bleibt, den Weg für neue Formen und wesentliche Grundlagen der Moderne geschaffen zu haben (Art Déco, Bauhaus). Auch Künstler und Designer unserer Zeit erhalten immer wieder Anregungen aus den anspruchsvollen Kunstwerken jener Zeit.

Art Deco, Bauhaus, Jugendstil Wohnhaus, Stilepochen (Zeittafel).